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Bessere Studentenbude: Das Kloster Helgoland in Rheinland-Pfalz ist heute ein Wohnheim.

Klöster

Wurzelbehandlung statt Morgengebet

Von der Konzerthalle bis zur Zahnarztpraxis: Viele alte Klöster werden heute neu genutzt. Erlaubt ist in den Gemäuern aber nicht alles.

Jahrhundertelang eine Stätte innigen Glaubens, heute gut für musikalische Klänge. In der Abtei Rommersdorf in Neuwied gehen zu Nicht-Corona-Zeiten Konzerte über die Bühne. Das ehemalige Reichskloster im südpfälzischen Klingenmünster birgt heute neben einer katholischen Pfarrei auch eine Zahnarztpraxis.

Im einstigen Kloster Helgoland in der Osteifel wohnen indes mittlerweile viele Menschen, im früheren Kloster Machern an der Mosel können sich Brautleute das Ja-Wort geben, ebenso in der einstigen Zisterzienserabtei Eberbach beim hessischen Eltville. In Fritzlar in Nordhessen blickt das Hospital zum Heiligen Geist auf eine klösterliche Tradition zurück.

Manche Klöster haben in den Wirren der Geschichte schon vor Jahrhunderten ihre eigentliche Bestimmung verloren, beispielsweise Eberbach in der Säkularisation vor zwei Jahrhunderten. In den 1980er Jahren hat diese frühere Zisterzienserabtei im Rheingau als Drehort für den Filmklassiker „Der Name der Rose“ mit Sean Connery gedient.

Heute fehlt den Orden oft der Nachwuchs, sie überaltern und schrumpfen. Laut der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) in Bonn hat sich die Zahl der Ordensmitglieder bundesweit binnen zwei Jahrzehnten sogar um mehr als die Hälfte verringert.

Von 39 608 im Jahr 1998 sei die Zahl auf 17 925 im Jahr 2018 gesunken, so die DOK. Daher verkaufen Orden häufig ihre teils riesigen Klöster und kappen so eine Tradition, die oft bis ins Mittelalter zurückreicht. Ralf Olbrück kümmert sich seit drei Jahrzehnten um den Verkauf von Klöstern. Der Kölner Immobilienmakler sagt, Orden täten sich damit oft schwer und zögerten diese Entscheidung häufig hinaus.

Aber mit immer weniger Mönchen oder Nonnen in einem riesigen Gebäudekomplex seien die Betriebskosten pro Person immer höher. Irgendwann bleibe nur noch die Suche einer neuen Nutzung, am liebsten kirchlicher oder wenigstens sozialer Art. „Man wendet sich zuerst an die Bischöfe, aber die können auch nicht alle Klöster für eine neue karitative Nutzung übernehmen“, sagt Makler Olbrück.

Vor allem abgelegene Klöster verkauften sich nunmal nicht so leicht wie ein Einfamilienhaus. „Im Durchschnitt dauert ihre Vermarktung bei uns dreieinhalb Jahre.“ Die Nachnutzung der alten Gemäuer sei vielfältig. In Langweiler im rheinland-pfälzischen Kreis Birkenfeld ist laut DOK-Sprecher Arnulf Salmen in einem einstigen Kloster das Hotel Marienhöh entstanden, „das die Assoziationswelt ‚Kloster‘ offensiv für sein Marketing nutzt“.

Das frühere Kloster Wessobrunn im oberbayerischen Kreis Weilheim-Schongau habe eine Produzentin für Naturkosmetik gekauft. Im einstigen Klarissenkloster in Köln hat das Erzbistum laut Salmen ein Wohnprojekt für Geflüchtete eingerichtet.

Bei der Vermarktung des einstigen Klosters Helgoland in Mayen in der Osteifel hat nach Auskunft von Immobilienmakler Ralf Olbrück vor Jahren auch ein Bewerber Interessen gehegt, die bei genauer Analyse seiner Unterlagen „in Richtung Swingerclub und SM gegangen sind“.

Dieses Arrangement wäre wohl undenkbar für Orden. Über einen Umweg ist das Kloster dann an die Familie Hauck gegangen, die Wohnungen eingerichtet und vermietet hat, an Ehepaare, Studierende, Azubis. Nico Hauck, einer der Söhne des Käufers, wohnt selbst in einem Appartement „Die Lage ist schön in einem Tal mit Bergen und Wäldern drumherum. Wir sind hier glücklich“, sagt er.

Auf dem rund 58 Hektar großen Areal gebe es zudem einen denkmalgeschützten Kreuzgang. „Bei der Kapelle hat die Kirche die komplette Einrichtung mit Altar und Orgel mitgenommen. Wir nutzen die Kapelle jetzt privat“, sagt der junge Mann. Er hat mit seinem Bruder Adrian beim Umbau mitgeholfen.

Gerade in Großstädten ereilt manche Klöster ein anderes Schicksal. „Das Oblatenkloster in Mainz wurde vor einigen Jahren aufgegeben und veräußert. Es ist inzwischen abgerissen“, berichtet DOK-Sprecher Salmen. Die Oblatenmissionare sprachen zuvor 2016 von einem „schmerzlichen Schritt“. „Nüchtern betrachtet ist das Haus zu groß für unsere älter und kleiner werdende Gemeinschaft.“ Die Missionare fanden eine andere Bleibe in Mainz.

Schon lange eine Ruine ohne Dach ist das einstige Kloster Stuben bei Bremm an der Mosel gegenüber von Europas angeblich steilstem Weinberg. Immer wieder gibt es hier im Sommer Konzerte – und eine Bilderbuchkulisse obendrauf. (Jens Albes, dpa)

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