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Ein Dschungel ohne Schlangen und Spinnen – und mit einer Pflanze aus dem Jahr 1773.

Großbritannien

Wunderwelt im Glaspalast

Der Traum aller Botaniker: Die Gewächshäuser der Londoner Kew Gardens sind ein Paradies für Farn-Fetischisten, Edelweiß-Ästheten und Rosen-Jünger.

Etwa 15 Meter hoch ist die Palme im berühmten Palm House der Londoner Kew Gardens, und deshalb wird in den nächsten Jahren irgendwann der Moment kommen, in dem Will Spoelstra sie fällen muss. „Sonst könnte sie irgendwann durchs Glasdach brechen“, sagt der Pflanzenfachmann. „Ist natürlich furchtbar, so eine ikonische Palme umzulegen. Das bricht einem das Herz.“

Egal ob Farn-Fetischist, Edelweiß-Ästhet oder Rosen-Jünger: Für Pflanzenfreunde jeder Art gibt es nichts Größeres als die Royal Botanic Gardens in London. Das königliche Kew. Der Garten der Gärten. Eine riesige Parkanlage mit gewaltigen Gewächshäusern aus der Zeit von Queen Victoria (1819 bis 1901). Es ist eine Oase am Rande der Stadt, ein Dschungel ganz ohne Schlangen und Spinnen, erreichbar über das grüne Band der U-Bahn-Linie District Line.

Zu der Zeit, als das britische Empire ein Viertel der Welt umfasste, nahmen sich die Botaniker von Kew vor, ein Imperium der Pflanzen zu schaffen. Sämtliche Arten sollten in ihren geheizten und berieselten Kunstwelten unter Londons meist bewölktem Himmel vertreten sein.

Das Empire ist nun schon lange Geschichte, aber der Anspruch von Kews Botanikern ist geblieben. Allein die Orchideenkollektion – die älteste der Welt – zählt mehr als 5000 Arten.

„Ich denke mal, wir tun unser Bestes, um so viele Arten wie möglich auszustellen“, sagt Will Spoelstra. „Es ist heute nicht mehr möglich, alle Spezies der Welt zu zeigen, aber wir haben noch immer den Ehrgeiz, einen relevanten Teil auszustellen.“ Darüber hinaus sei die Millennium Seed Bank ein wichtiger Bestandteil von Kew. „Dort speichern wir Samen“ – von möglichst allen Pflanzenarten der Erde.

Ein Besuch in den Gewächshäusern ist ein Erlebnis mit allen Sinnen. Man öffnet die Tür und befindet sich in einer anderen Klimazone. Feuchtwarme Hitze und Blütenduft umfangen den Besucher. Ein feiner Regenschleier geht aus dem Blätterhimmel nieder. Farne breiten ihre Fächer aus, riesige Blätter bewegen sich sachte in der Zugluft.

Klein, aber fein: das Wasserlilienhaus.

Nur das Geräusch der Sprinkleranlagen verrät, dass dies ein von Menschen kultivierter Regenwald ist. Wunderbar nostalgisch muten die geschwungenen viktorianischen Wendeltreppen an. Sie führen hinauf zu den Galerien unter dem Glasdach, von denen aus Besucher auch die höchsten Palmenspitzen begutachten können. Im Außengelände gibt es einen Höhenweg durch die Kronen uralter Baumriesen.

Das Palm House ist Will Spoelstras Reich. Es gilt als ältestes noch existierendes Gewächshaus der Welt. Die Konstruktion aus Stahl und Glas wurde in den 1840er Jahren errichtet.

Es war das erste Gewächshaus dieser Größe: 110 Meter lang, 30 Meter breit und 19 Meter hoch – eine Sensation in den Tagen von Charles Dickens und Charles Darwin. Der 32 Jahre alte Spoelstra ist hier Supervisor und verbringt nahezu den ganzen Tag unter Palmen.

Der langlebigste Bewohner ist noch älter als das Gebäude: Es handelt sich um eine Encephalartos altensteinii, die 1773 von Kews erstem Pflanzenjäger Francis Masson (1741 bis 1805) in Südafrika eingetopft wurde und 1775 in Kew Gardens ankam. Seitdem hat sie das Gelände nicht mehr verlassen und gilt heute als älteste Topfpflanze der Welt.

Will Spoelstra findet es faszinierend sich vorzustellen, was in der Zeit seitdem alles passiert ist, wie er sagt: die Französische Revolution, die erste Dampflokomotive, zwei Weltkriege. Die Encephalartos altensteinii von Kew Gardens hat alle Epochen mit dem stoischem Gleichmut einer pflanzlichen Existenz durchgestanden.

„Von allen Jobs in Kew ist das hier der Tollste für mich, er ist einfach perfekt“, sagt Spoelstra. Warum? „Ich liebe es, hier sozusagen im tropischen Regenwald zu arbeiten, und bin unglaublich an Palmen interessiert. Ich finde, sie sind sehr besonders, sehr majestätisch und fast wie von einem Bildhauer gestaltet.“

Blick von oben: der Höhenweg in den Baumriesen.

Viele Besucher bitten den Mann mit dem grünen Daumen um Tipps für ihre eigenen Pflanzen. „Die Leute fragen, was bei ihnen falsch läuft“, erzählt Spoelstra. „Ich versuche dann, die bestmögliche Antwort zu geben, stelle zusätzliche Fragen, um eine kleine Analyse hinzubekommen. Aber es ist natürlich sehr schwer, wenn man die Pflanze nicht selbst gesehen hat.“

In den meisten Fällen liege es wohl einfach daran, dass subtropische Pflanzen in gemäßigtem Klima nicht gut gedeihen. Die Natur hat sie an dieser Stelle nicht vorgesehen, und Kew betreibt einen enormen Aufwand, damit die Gäste aus dem Dschungel sich heimisch fühlen.

Mitunter beschäftigen den Botaniker auch weniger nette Besucher: „Die Leute versuchen schon ab und zu, was mitgehen zu lassen, zum Beispiel im Wasserlilienhaus. Darauf müssen wir ein Auge haben.“

In den kommenden Jahren steht eine Renovierung des Palm House an, so wie dies mit dem Temperate House, dem größten noch erhaltenen Gewächshaus des 19. Jahrhunderts, schon geschehen ist. Das Haus ist wunderbar hergerichtet worden, aber die dort ausgestellten Pflanzen sind jetzt durchweg kleiner als vor einigen Jahren, sie müssen erst wieder wachsen. Der alte Bestand wurde großenteils aussortiert.

So wird es auch den Palmen von Will Spoelstra ergehen: Die größten werden nicht gerettet werden können. „Das wird hart“, sagt Spoelstra zerknirscht. „Ich will lieber noch gar nicht daran denken.“ (Christoph Driessen, dpa)

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