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Auch in Europa ist das Pulver aus Moringa-Blättern beliebt, wird teils als „Superfood“ angepriesen und für bis zu 50 Euro pro Kilo vertrieben.

Mosambik

Wunderwaffe gegen den Hunger

In Mosambik setzen Experten nach dem Zyklon „Kenneth“ auf den Moringa-Baum.

Als der Zyklon kam, haben wir alles verloren. Das Einzige, was übrigblieb, war der Moringa“, sagt Rosa José. Bevor der Wirbelsturm „Kenneth“ im vergangenen April ihr Dorf im Norden von Mosambik tagelang unter Wasser setzte, benutzte die Kleinbäuerin mit der ausgeblichenen Bluse über dem gepunkteten Rock die Äste der Moringa-Bäume fast ausschließlich als Baumaterial. Heute sind die Blätter des Baums neben Maniokbrei das Hauptnahrungsmittel der Dorfbewohner in Kwékwè – und vieler Bauern in Mosambik.

Moringa olifeira stammt ursprünglich aus Nordindien und gilt auch in Europa als „Wunderbaum“. Er hält widrigen klimatischen Bedingungen stand und wächst sehr schnell – bis zu acht Meter innerhalb eines Jahres. Die Bäume liefern auch während der Trockenzeit Blätter, die reich an Eiweiß, Mineralien und den Vitaminen A, B und C sind, wie die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO erklärt. Sie bilanziert: eine hervorragende Nahrungsquelle, besonders für Schwangere und Kinder. Hinzu komme traditioneller medizinischer Nutzen. Moringaprodukte wirkten unter anderem antibiotisch und anti-entzündlich.

Rosa José hat ihre Hütte aus Bambus und ungebranntem Lehm nach den verheerenden Zyklonen wieder aufgebaut. Seit der Naturkatastrophe teilt sie sie sich mit acht Kindern und Enkeln. Von ihrem kleinen Lagerhaus, in dem sie vorher Mais und Sesam aufbewahrt hatte, sind nur noch Umrisse auf dem Boden zu erkennen. Ihr Blick ist voll Resignation. Um sich zu ernähren, müssten sie und ihre Familie nun zusätzlich tageweise auf fremden Farmen arbeiten, erzählt sie. „Vor dem Zyklon haben wir fast nie Moringa gegessen, heute essen wir die Blätter jeden Tag.“

Der Moringa-Baum könnte zu einer Waffe im Kampf gegen den Hunger werden, sagt Mário Quissico. Er organisiert Bildungskurse für Dorfbewohner wie Rosa José, finanziert werden sie vom Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD). Alle Teile des Moringa-Baums – auch Blüten, Samen, Wurzeln, Borke – sind nach FAO-Angaben essbar. Das Pulver aus Samen des Moringa hat eine entkeimende Wirkung auf Wasser, wie die Universität Stuttgart feststellte.

Auch in Europa ist das Pulver aus Moringa-Blättern beliebt, wird teils als „Superfood“ angepriesen und für bis zu 50 Euro pro Kilo vertrieben. In Pemba, der Hauptstadt der nordmosambikanischen Provinz Cabo Delgado, stellen einige Firmen bereits Pulver aus Moringa-Blättern her.

Mário Quissico arbeitet mit dem IFAD-Programm daran, den Kleinbauern bessere Anbautechniken zu vermitteln und ihnen über Händler in der nächstgelegenen Kleinstadt Balama Zugang zu Märkten zu verschaffen. „Früher haben die Bauern die Äste der Moringa-Bäume nur benutzt, um Zäune zu bauen“, erzählt der Agrarwissenschaftler, dessen Gesicht Zuversicht ausstrahlt. Wenn man zur Regenzeit Äste des Baums in den Boden stecke, keimten sie sofort.

Der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung fördere den Anbau von Moringa nicht nur, weil die Pflanze nahrhaft sei, sondern auch, weil sie sowohl bei Dürren als auch bei Überflutungen widerstandsfähiger als andere sei, erzählt Antonella Cardone. Sie ist bei der UN-Organisation für Ernährung, Umwelt, Klima und Genderfragen zuständig. Die Verarbeitung der Blätter sei eine Chance vor allem für Frauen und junge Leute, sagt sie: Ihnen würden neue Einkommensmöglichkeiten erschlossen. Die Bäume gedeihen mit wenig Bewässerung und sind gegen Pflanzenkrankheiten resistent.

Wie Rosa José setzt auch die Bäuerin Jacinta Fernando aus Ntele im Norden Mosambiks ihre Hoffnung auf Moringa. Die Mais- und Reismühle der 53-Jährigen wurde durch den Zyklon „Kenneth“ halb zerstört. In ihrem Haus stehen zwei Bettgestelle ohne Matratzen – es sind die einzigen Möbel für sie, ihre Kinder und Enkel. Wenn die Kapazitäten zur Verarbeitung der Moringa-Blätter ausgebaut würden, wäre das eine Chance. „Meine Kinder sollen nicht das gleiche Leben haben“, sagt Jacinta Fernando. Auch in ihrem Dorf schießen die Moringa-Bäume hoch auf. (dpa)

Mathias Mogge, Generalsekretär der Welthungerhilfe, über die Reform der Entwicklungsarbeit, drohende Hungersnot und Corona-Aufklärung mit Comics: Im Interview warnt er, die Ärmsten nicht im Stich zu lassen.

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