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Obszönes Stein-Männchen am Rathausturm in Köln.

Kölner Rathaus

Wundersame Wandgymnastik

Warum hat ein Steinmännchen am Kölner Rathaus sein eigenes Genital im Mund?

Man muss schon ein bisschen suchen. Das fragliche Werk hängt in einigen Metern Höhe, versteckt unter einer großen Bischofsstatue und ist ausgesprochen klein – dafür aber umso eindrücklicher. Blanker Hintern, Kopf zwischen den Beinen und – es ist wie es ist – das eigene Geschlechtsteil im Mund: So schaut ein kleiner Stein-Mann am Kölner Rathaus hinunter auf Touristen, Passanten und Hochzeitspaare, die sich gerade das Jawort gegeben haben. Hat man ihn entdeckt, ertappt man sich dabei, wie man erst kichert – und sich dann fragt: Was macht der da?

Ganz ähnlich geht es gerade sehr vielen Menschen bei Twitter. Der Kanal „Whores of Yore“, was ins Deutsche übersetzt so viel wie „Huren von einst“ bedeutet, der nach eigenen Angaben zu einem Projekt gehört, das sich der Erforschung menschlicher Sexualgeschichte verschrieben hat, veröffentlichte dort kürzlich Fotos des Stein-Männchens, das ja offenbar Oralverkehr mit sich selbst habe. Niemand aber wisse, warum die Figur wirklich dort sei. Bei Twitter war man sofort erfreut über das frivole Fundstück aus dem Mittelalter. Mehr als 38 000 Mal wurde der Tweet gelikt – und dann kollektiv gerätselt.

Tatsächlich ist es so, dass selbst viele Kölner nicht wissen, was da genau von ihrem Rathaus herabhängt. Gänzlich unbekannt ist der kleine Kerl, der sich selbst anscheinend, nun ja, eine gute Zeit bereitet, allerdings nicht. Er tauchte bereits in der Lokalberichterstattung auf („Porno-Posse am Ratsturm“), auch Kunstkenner haben schon ein Auge auf dessen blanken Po und die gymnastisch anspruchsvolle Verrenkung geworfen. Im Fachjargon spricht man von Autofellatio.

Schmähung oder Satire?

Will man sich dem Rätsel annähern, fällt zunächst auf, dass die Figur direkt unter dem Bildnis von Erzbischof Konrad von Hochstaden (um 1205-1261) angebracht wurde. Das legt die Vermutung nahe, dass der Kirchenfürst einst kein allzu keusches Leben geführt haben könnte. Schaut man sich die Geschichte beider Figuren an, erscheint das aber nicht mehr so logisch. Die Statue des Erzbischofs stammt erst aus jüngerer Zeit. Nach der weitgehenden Zerstörung des Kölner Rathausturms im Zweiten Weltkrieg hatte die Stadt beschlossen, ihn nach dem Wiederaufbau mit Größen der Stadtgeschichte zu schmücken. Im Mittelalter standen an diesen Stellen wohl Heilige.

Die fragliche Figur unterhalb des Erzbischofs ist zwar auch erst einige Jahrzehnte alt – aber die Kopie eines viel älteren Originals von etwa 1410, das im Inneren des Turms aufbewahrt wird. Sie ist also keine Fantasie aus moderner Zeit, sondern wurde tatsächlich im Mittelalter so geschaffen. „Das ist ein ganz beliebtes Motiv gewesen“, sagt der ehemalige Stadtkonservator Ulrich Krings. „Dabei ging es darum, der Obrigkeit quasi den Arsch hinzuhalten. Mit derber, zur Schau gestellter Sexualität sollte gezeigt werden, dass einem die Moral- oder auch Ordnungsvorstellungen der Obrigkeit wurscht waren.“

Derart spöttische Kommentare wurden von der Staatsmacht – in diesem Fall vom Kölner Stadtrat – durchaus toleriert, ähnlich wie auch im Karneval. Allerdings immer nur an der Unterseite oder in dunklen Ecken – im Vordergrund standen stets positiv besetzte Gestalten wie Heilige. Die provokanten Figuren spielten meist auf die sieben Todsünden an, in diesem Fall auf die Wollust, wie Walter Geis vom Kölner Denkmalschutz erklärt. „Es ist eine lustige Provokation“, fasst die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner zusammen. Überinterpretieren sollte man sie daher nicht.

Ein verstohlener Blick auf die obszöne Darstellung gehört sogar zu vielen Stadtführungen, allerdings nicht zu allen. „Wenn ich eine Schülerführung mache, gehe ich nicht unbedingt zu dieser Figur“, erklärt Stadtführerin Anja Broich. „Die ist ja nun schon extrem.“ (dpa)

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