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Lars Windhorst vor Gericht.
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Lars Windhorst vor Gericht.

Lars Windhorst

Vom Wunderkind zum Windei

Kohl einstiger Vorzeige-Unternehmer Lars Windhorst soll Millionen zahlen - wegen Betrugs, Untreue und Insolvenzverschleppung. Der Prozess gegen ihn aber war keiner. Von Jörg Schindler

Von Jörg Schindler

Am Ende huschte doch ein Lächeln über das noch immer faltenfreie Gesicht des Ex-Wunderkinds. Er sei "sehr erleichtert", ließ Lars Windhorst gestern im Kriminalgericht Moabit wissen. Kann man verstehen: Hatte sich der westfälische "Kaufmann" - so bezeichnet er sich selbst - soeben in einem 90-minütigen Ablasshandel aus einem fünfjährigen Ermittlungsverfahren freigekauft. Jetzt, so Windhorst, könne er wieder unbeschwert seiner "unternehmerischen Tätigkeit" nachgehen. Es klang wie eine Drohung.

Der unternehmerische Weg des Lars W. war zuletzt freilich mit einigen Stolpersteinen gepflastert. Wann immer von dem jungen Mann mit dem großen Geltungsbedürfnis in den letzten Jahren die Rede war, klangen die Schlagzeilen fast genervt. "Windhorst schon wieder pleite", "Windhorsts Pleitensammlung", "Auf und nieder, immer wieder"... Vom Wunderkind zum Windei hatte er es in einem Alter geschafft, in dem sich andere zum Examen anmelden. Immerhin: Windhorst ist heute so etwas wie ein lebendes Konjunkturbarometer - wo er auftaucht, sacken die Gewinnerwartungen ziemlich zuverlässig in den Keller.

Das ist eine erstaunliche Entwicklung für einen, den Kanzler Helmut Kohl mal als "Vorbild" für eine ganze Generation pries.

16 Lenze jung war Windhorst damals und bereits auf dem Weg zur ersten Million. Im heimischen Rahden hatte er einfach mal angefangen, mit billigen Computerteilen aus Fernost zu handeln. Und weil das irgendwie super lief, handelte er bald auch mit Öl und Werbung und Immobilien und Internetzugängen oder der Einfachheit halber mit Geld in all seinen flüchtigen Zuständen. Windhorst wurde zur Marke, sein Spielfeld die Welt, überall gründete er Firmen, in Ho-Chi-Minh-Stadt lagen sogar Pläne für einen "Windhorst Tower" in der Schublade.

Das alles blieb nicht unbemerkt. Dank seines Förderers Kohl wurde der Junge mit den markanten Augenbrauen rasch zum Auch-Dabei in Show und Business. Menschen wie Michael Douglas, Garri Kasparow, Wendelin Wiedeking ließen sich bereitwillig mit ihm ablichten, machten gar Geschäfte mit ihm (was sie später bereuten). Medien kürten ihn zum "deutschen Bill Gates".

Was bei all dem etwas verschütt ging, ist die Tatsache, dass es mit dem unternehmerischen Geschick des Selbstvermarktungs-Genies so weit offenbar nicht her war. Als um die Jahrtausendwende die New Economy alt auszusehen begann, schlitterten auch diverse Windhorst-Firmen eine nach der anderen in die Pleite. Im Mai 2003, mit 26 Jahren, musste Windhorst den Offenbarungseid leisten. Mehr als 60 Millionen Euro Schulden soll er bis dahin bei zahllosen Gläubigern aufgehäuft haben - kaum einer von ihnen sah das Geld wieder.

Es kam noch dicker: Weil er da bereits blank bis auf die Knochen war, hatte sich Windhorst im März 2001 20 Millionen Mark von Ulrich Marseille geliehen, einem ebenfalls gerichtsbekannten Unternehmer und Rechtsaußen-Politiker. Dumm nur, dass er das Geld nicht zum vereinbarten Termin zurückzahlen konnte. Unter anderem platzte ein Deal, den Windhorst gerne mit der Familie des nigerianischen Ex-Diktators Sani Abacha eingefädelt hätte. Marseille tobte und hetzte Windhorst die Staatsanwaltschaft auf den Hals.

Im Laufe der mühsamen Ermittlungen gegen den Multi-Pleitier kam nach und nach das wahre Ausmaß von Windhorsts Luftbuchungen ans Licht. Den Bankrott seiner Firmen hatte er zum Teil jahrelang verheimlicht, Gläubiger geprellt, sich selbst großmütig Geld von Firmenkonten überwiesen, um - wie er am Freitag sagte - seine "dringendsten persönlichen Bedürfnisse" zu befriedigen. Zu denen zählte es bisweilen, sich Chauffeure, Privat-Helikopter oder einen Butler zu halten.

Wieso das alles jahrelang gut ging, wer Windhorst bei seinen Ausflügen in die Finanzwelt unterstützte, welche Bank- und sonstigen Häuser ihm unter welchen Bedingungen wie viel Kapital bereitstellten und weshalb Windhorst - der heute in London lebt und als Geschäftsführer der Investmentgesellschaft Sapinda fungiert - immer wieder auf die Beine zu fallen scheint, das würde man gerne wissen. Nur leider darf man es einstweilen nicht erfahren.

Der Prozess gegen Windhorst vor dem Landgericht Berlin war nämlich gar keiner. Statt dessen verkündete die 26. Strafkammer lediglich einen Deal, den sie mit der Staatsanwaltschaft und Windhorsts Verteidiger im Hinterzimmer ausgehandelt hatte. 2,5 Millionen Euro muss der geständige Kaufmann an Marseille zurückerstatten, eine weitere Million in die Staatskasse zahlen - dafür wird das Verfahren dann auch eingestellt; allenfalls bekäme er eine einjährige Bewährungsstrafe, wenn der Deal amtlich wird.

"Was bleibt unterm Strich?", schreibt Windhorst selbst in seiner noch im Gericht verteilten Pressemitteilung. Die Antwort: "Schon bald" werde er "das eine oder andere positive unternehmerische Ausrufezeichen setzen". In Wahrheit bleiben einfach viele Fragen. Und ein Mann, der nun mit "Ruhe und Demut" Geschäfte machen will. Das klingt fast weise. Der 33-Jährige war seiner Zeit halt schon immer voraus.

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