+
"Eine einzige Kugel wurde abgefeuert, aber die traf ihn ins Herz." ? Kardinal Gregorio Rosa Chávez war Wegbegleiter und ein enger Freund Romeros.

Kirche

Ein Wunder als Zeichen

  • schließen

Papst Franziskus spricht sechs Männer und Frauen heilig.

Kollektiv in Erinnerung geblieben ist er als „Pillen-Paul“. 1968 – die sexuelle Befreiung bahnte sich ihren Weg, auch dank der gerade erst auf den Markt gekommenen Antibaby-Pille – gab Papst Paul VI. die umstrittene Enzyklika „Humanae Vitae“ heraus. Er beharrte darin auf einem Verbot künstlicher Verhütungsmittel wie Kondomen und der Pille. Die katholische Kirche entfremdete sich noch weiter von der Lebenswirklichkeit vieler Gläubiger, die das Verbot bis heute ignorieren.

Am Sonntag nun wird Paul VI. heiliggesprochen – noch ein Papst, der in die Liste der höchsten christlichen Vorbilder aufgenommen wird. Erst vor vier Jahren hatte Franziskus in einem Schnellverfahren Johannes XXIII. und Johannes Paul II. in den Heiligen-Stand erhoben. Vor einigen Monaten scherzte er: „Benedikt und ich stehen auf der Warteliste. Betet für uns!“

Die feierliche Zeremonie, bei der insgesamt sechs neue Heilige gekürt werden, findet auf dem Petersplatz in Rom statt. Der Termin wurde bewusst mitten in die Synode zum Thema Jugend und Glauben gelegt, für die sich derzeit im Vatikan Kardinäle, Bischöfe, Experten und einige junge Katholiken aus aller Welt versammelt haben. Auch Sexualität ist dabei ein Thema.

Franziskus, der gemeinhin als Reform-Papst gilt, hat an der strengen katholischen Sexualmoral kaum gerüttelt und stellt das Verhütungsmittel-Verbot nicht infrage. Aufs Schärfste verurteilt er immer wieder Abtreibungen. Am Mittwoch erst verglich er bei einer Predigt auf dem Petersplatz Schwangerschaftsabbrüche mit Auftragsmorden. Das sei, „wie jemanden zu beseitigen“, sagte er. „Ist es richtig, einen Auftragsmörder anzuheuern, um ein Problem zu lösen?“ Der Vergleich löste weltweit Empörung aus. Selbst von kirchlichen Verbänden kam Kritik.

Paul VI. wurde seinerzeit ähnlich kontrovers gesehen wie Franziskus heute. Progressiven Katholiken galt er als zu zögerlich oder reaktionär, konservativen Kreisen als zu progressiv. Giovanni Battista Montini, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, war als Erzbischof von Mailand Berater von Johannes XXIII. und einer der Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils. Als der populäre Vorgänger 1963 während des Konzils starb, wurde Montini Papst und vollendete die Reformen. Unter anderem wurde Latein als Gottesdienst-Sprache abgeschafft. Manche Theologen und Historiker bezeichnen den „Pillen-Papst“ sogar als ersten Papst der Moderne. Während seines bis 1978 währenden Pontifikats habe er das Kardinalskolleg internationalisiert, als erstes katholisches Kirchenoberhaupt vor der Uno gesprochen und die Öffnung gegenüber anderen Religionen vorangetrieben, schrieb der Theologe Jan-Heiner Tück dieser Tage. Doch er kritisierte auch, dass so viele Päpste heiliggesprochen werden. Vermutlich solle damit der anhaltende Bedeutungsverlust der päpstlichen Autorität in der Gesellschaft aufgefangen werden.

Voraussetzung für eine Heiligsprechung sind zwei Wunder. Bei Paul VI. wurde unter anderem die medizinisch unerklärliche Heilung eines irreversibel geschädigten fünf Monate alten Fötus anerkannt, dessen Geburt das Leben der Mutter gefährdet hätte. Die Frau wandte sich 2014 im Gebet an den damals gerade erst seliggesprochenen Paul VI. Das Mädchen kam gesund zur Welt.

Kein Wunder brauchte einer der bekanntesten Befreiungstheologen: Der 1980 am Altar erschossene Oscar Romero, Erzbischof von San Salvador, wird als Märtyrer heiliggesprochen. Er hatte er sich für besitzlose Bauern und gegen die soziale Ungleichheit in Lateinamerika eingesetzt, wurde damit zum Feind des Militärregimes. Weil die Befreiungstheologie, die sich als „Stimme der Armen“ sah, mit linken Ideologien sympathisierte, gab es in der Kirche lange Widerstände gegen eine Ehrung Romeros. Franziskus, der selbst eine „arme Kirche für die Armen“ fordert, hatte schon 2007, als Erzbischof von Buenos Aires gesagt: „Wäre ich Papst, dann würde ich Romero heiligsprechen.“

Auch eine Deutsche wird am Sonntag in den Heiligen-Stand erhoben: Schwester Maria Katharina Kasper (1820-1898), Tochter armer Bauern im Westerwald und Tagelöhnerin. Sie gründete den Orden der „Armen Dienstmägde Jesu Christi“.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion