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Die eingestürzte Morandi-Brücke in Genua.

Morandi-Brücke

Die Wunde von Genua

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650 Menschen haben nach dem Einsturz der Morandi-Brücke im August ihr Zuhause verloren. Doch nicht nur die unmittelbar Betroffenen spüren die Folgen des Unglücks.

Als Ennio Guerci und seine Frau vor drei Monaten Hals über Kopf aus dem Haus rannten, wussten sie noch nicht, dass sie nie wieder in ihr altes Leben zurückkehren würden. Wenige Minuten zuvor war ein Teil der Autobahnbrücke eingestürzt, unter der sie jahrzehntelang gewohnt hatten. 43 Menschen starben am 14. August in Genua. In ihren Autos und Lkw fielen sie mit einem 200 Meter langen Abschnitt des Polcevera-Viadukts 40 Meter in die Tiefe. Mehr als 650 Anwohner verloren ihr Zuhause. Die Lücke in der Autobahnbrücke mit ihren 90 Meter hohen Pylonen klafft immer noch von weither sichtbar wie eine Wunde in der ligurischen Hafenstadt. Wie es aussieht, wird sich das auch nicht so schnell ändern. 

Das Fotoalbum ist wichtiger als die Kaffeemaschine

Der Rentner Guerci und seine Frau hatten ihre Eigentumswohnung in einem der Häuserblocks unter dem einsturzgefährdeten Brückenstumpf, die sofort nach dem Unglück als „Rote Zone“ bezeichnet und evakuiert wurden. Wie die meisten der 260 obdachlos gewordenen Familien lebte das Ehepaar zunächst im Hotel. Inzwischen haben fast alle Übergangswohnungen bekommen. Die Häuser sollen abgerissen werden. Immerhin konnten die ehemaligen Bewohner nach wochenlangem Warten nun einen Teil ihres Hab und Guts herausholen. Sie hatten zwei Stunden Zeit, um begleitet von Feuerwehr bis zu 50 Umzugskartons zu füllen. 

Bei Ennio Guerci ist das erst wenige Tage her. „Es war aufwühlend“, erzählt er am Telefon, „eine Mischung aus Angst, Aufregung und Melancholie.“ Während er eilig Kleidung und Geschirr einpackte, schrillte der Alarm. Die Sensoren am Brückenstumpf hatten Bewegungen gemeldet, alle mussten sofort raus aus der Roten Zone. Mitgenommen hat Guerci in der kurzen Zeit vor allem persönliche Erinnerungen. „Das Fotoalbum von der Kommunion des Sohnes ist wichtiger als die Kaffeemaschine“, sagt er. Noch zwei Mal sollen sie je zwei Stunden in die Häuser zurückdürfen. Was dann dort bleibt, wird mit abgerissen.

Drei Monate danach spüren nicht nur die unmittelbar Betroffenen noch die Folgen des Unglücks. Ganz Genua ist beeinträchtigt. Die vierspurige Brücke, Teil der „Autostrada dei Fiori“, war nicht nur die Hauptverbindung zwischen Mittelitalien und Südfrankreich, sondern eine von nur zwei Straßen zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt mit ihren kilometerlangen Hafenanlagen. Jährlich überquerten 28 Millionen Autos und Lkw die nach ihrem Konstrukteur benannte Morandi-Brücke

Ermittlungen zur Ursache noch nicht abgeschlossen

Seit dem Einsturz herrscht Dauerstau. Viele der 600 000 Genueser müssen kilometerlange Umwege zur Arbeit in Kauf nehmen. Die etwa 70 000 Bewohner der Viertel jenseits des Polcevera-Tals, das die Brücke querte, sind abgeschnitten vom Zentrum. Ins Gewerbegebiet mit Ikea, Heimwerkermärkten und Autohändlern kommen kaum noch Kunden. Die Wirtschaft der Provinz Genua muss der Handelskammer zufolge Schäden von 420 Millionen Euro verkraften, vor allem wegen Umsatzrückgängen und gestiegenen Transportkosten für Geschäfte, Betriebe und den Hafen. 

Die Regierung in Rom hatte versprochen, den Wiederaufbau der Brücke zügig anzugehen. Doch bis sie das entsprechende Gesetz durchbrachte, das auch Entschädigungen für Opfer, Anwohner und Unternehmen regelt, gingen zweieinhalb Monate ins Land. Eigentlich sollte es ein Eildekret sein. Ungeduldige Genueser protestierten mehrfach mit Slogans wie: „Öffnet die Straßen, verteidigt die Arbeitsplätze.“ 

Bürgermeister Marco Bucci ist inzwischen zum Sonderkommissar für den Wiederaufbau ernannt. Das Regierungsdekret legt fest, dass der zum Benetton-Konzern gehörende frühere Betreiber Autostrade per l’Italia für die neue Brücke zahlen muss. Die Summe bleibt offen. Aber es ist von mehreren hundert Millionen Euro die Rede. Autostrade soll die Instandhaltung vernachlässigt und Schuld am Einsturz haben. Die Ermittlungen zur Unglücksursache sind aber noch nicht abgeschlossen. Vor wenigen Tagen erst wurden drei Trümmerteile in ein Labor in Zürich gebracht, wo Werkstoffprüfer sie untersuchen sollen. Alles deutet darauf hin, dass einer der Querträger der Schrägseilbrücke die Schwachstelle war. Die Träger bestanden aus von Beton umhüllten Stahlseilen, die wohl korrodiert waren. 

Wie lange es dauern wird, bis die beiden Hälften Genuas wieder verbunden sein werden, weiß keiner so genau. Sonderkommissar und Bürgermeister Bucci sagte kürzlich, er hoffe, dass die neue Brücke bis Weihnachten 2019 fertig sein werde. Ennio Guerci, der sich im Anwohner-Komitee „Die von der Morandi-Brücke“ engagiert, hält das aber für ausgesprochen optimistisch. Er und seine Frau warten jetzt erst einmal auf die Entschädigung für ihre Eigentumswohnung, damit sie sich ein neues Zuhause suchen können – sicher nicht unter einer Brücke.

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