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Lars Eidinger überzeugt im Theater und beim Film.
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Lars Eidinger überzeugt im Theater und beim Film.

Schauspieler Lars Eidinger

„Das Würstchen ist eine Hommage“

  • Kathrin Rosendorff
    VonKathrin Rosendorff
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Bei dem, was Schauspieler Lars Eidinger mit Essen auf der Bühne macht, kennt er keine Grenzen. Im Alltag schämt er sich manchmal, wie er im Interview verrät. (FR+)

Eine ältere Dame lobt Lars Eidinger für die Sexszene. „Sie war so natürlich und nicht peinlich.“ Lars Eidinger lächelt über das Lob beim Publikumsgespräch. Der 1,90 Meter große Berliner, einer der anerkanntesten Schauspieler seiner Generation, steht vor dem geschlossenen Kinovorhang nach dem Abspann bei der Frankfurter Vorpremiere des Films „Die Blumen von gestern“. Eine Art Tragikomödie des Regisseurs Chris Kraus, die heute in die Kinos kommt. Eidinger spielt den Holocaust-Forscher Totila „Toto“ Blumen, der einen Nazi-Großvater hat. Beim Interview im Foyer des Cinema-Kinos stellt sich der 40-Jährige mit: „Hallo ich bin Lars, freut mich“, vor. Seine Stimme ist sanft. Man würde ihn am liebsten als persönlichen Gute-Nacht-Erzähler einstellen. Berühmt geworden ist er als der, der sich nicht scheut, nackt auf der Bühne zu stehen oder live ins Waschbecken zu pinkeln. Eidingers Aufführungen an der Berliner Schaubühne sind notorisch ausverkauft.

Herr Eidinger, Sie sind gerade auf Kinotour. Direkte Zuschauerreaktionen als Theaterschauspieler sind Sie ja gewohnt: Aber wie fühlt es sich an, sich selbst zu sehen und live zu beobachten, wie das Kinopublikum auf Ihren Film reagiert?
Das ist wie ein Traum, man tritt von der Bühne ab und sieht sich selbst beim Spielen zu. Ich bin einerseits total fasziniert davon, mich anzuschauen. Das ist nicht immer positiv: Es gibt auch Momente, in denen ich mir nicht gefalle. Was aber schwierig für mich ist, dass ich die Reaktionen des Publikums wahrnehme, aber nun gar keine Möglichkeit mehr habe einzugreifen. Wenn ich im Theater merke, dass die Konzentration sinkt, versuche ich die Sachen anders zu spielen, um den Zuschauer zurückzuholen. Im Kino schaue ich mir zu, wie ich auf Autopilot programmiert bin. Das ist eine Spielweise, die ich vielen meiner Kollegen vorwerfe, wenn sie immer wieder das Geprobte und Arrangierte reproduzieren und gar nicht den großen Trumpf des Theaters, „die Unmittelbarkeit“, ausspielen.

Sie spielen den Holocaust-Forscher Toto, der einen wahnsinnigen Kontrollzwang hat, der teilweise komisch wirkt: Als er beispielsweise seiner Frau erlaubt fremdzugehen, sagt er: „Aber nicht in der Arbeitszeit.“ Wie sehr lag Ihnen der Charakter?
Die Rolle hat mich zwar sofort gereizt, aber ich habe schon beim Proben gemerkt, dass ist eine Figur, wo der Zugang nicht so einfach ist. Da gibt es diese Szene im Café Sperl in Wien. Toto gesteht Zazie, dass er impotent ist. Unser Regisseur Chris kam beim Drehen zu mir und sagte: „Lars, das funktioniert nicht. Ich glaube dir nicht.“ Er hatte da völlig recht. Ich habe gemerkt, dass Schamhaftigkeit, also das, was in der Szene gefordert ist, ein Gefühl ist, an das ich schwer rankomme. Denn als Schauspieler betreibe ich so viel Aufwand und Energie, genau dieses Gefühl zu verbergen. Und ähnlich wie bei der Schamhaftigkeit trage ich zwar die Charakteristiken der Figur als Anlage in mir: Choleriker, Aggression, etwas Misanthropisches. Wie wir alle. Nur, dass wir im Alltag wahnsinnig viel Aufwand betreiben, all das zu überdecken. Es war wahnsinnig anstrengend und kostete mich viel Überwindung, mir den Menschenfeind einzugestehen und ihn dann zuzulassen.

Toto lebt mit dem Schicksal, zu wissen, dass sein Großvater Nazi war und viele Juden umgebracht hat. Haben Sie sich früh, damit auseinandergesetzt, was Ihr Großvater in der Zeit gemacht hat?
Nein, erst in der Vorbereitung zum Film. Ich wusste vorher auch gar nicht, dass es so etwas wie die zentrale Stelle gibt, wo man die Akten seiner Großeltern einsehen kann. Da stand drin, was mein Opa gemacht hat. Aber das ist mir zu privat, um es zu erzählen. Es hat mir auch nicht für meine Darstellung des Toto Blumen geholfen.

Auf der Bühne sind Sie total extrovertiert, Sie stecken sich Würstchen in den Hintern oder pinkeln in ein Waschbecken. Kommen solche Ideen beim Spaziergang oder sind die lange durchdacht?
So etwas entsteht meistens aus dem spielerischen Moment heraus. Wobei, beim Würstchen ist es eine Hommage gewesen an den Regisseur Rodrigo García, den ich wahnsinnig verehre. In einer seiner Performances ging es um die Überflussgesellschaft, und der Schauspieler hat sich während des Monologs Essen in den Arsch geschoben. Das beste Bild für Überflussgesellschaft: Dass es also gar nicht mehr darum geht, Nahrung aufzunehmen, sondern man kann sie sich direkt in den Arsch schieben. Und da Alceste bei Menschenfeind ein ähnliches Anliegen hat, habe ich das genutzt.

Gibt es im Alltag Momente, in denen Ihnen etwas peinlich ist?
Die ganze Zeit. Wenn ich ehrlich bin, ist es für mich schon eine Überwindung, in ein Geschäft reinzugehen. Ich schaue mir die Sachen an und geniere mich, wenn jemand kommt, und mich fragt: „Kann ich helfen?“ Ich bin auch jemand, der sehr ungern telefoniert und nie rangeht, wenn das Telefon klingelt, ich rufe immer zurück. Und wenn es eine unbekannte Nummer ist, habe ich Angst, dass da irgendwas ist.

Sie spielen Theater, drehen Filme. Ist das nicht alles zu viel? Und wenn Sie sich entscheiden müssten: Film oder Theater?
Beim Film verdiene ich an einem Tag, was ich im ganzen Monat beim Theater verdiene. Ich würde trotzdem eher den Film als das Theater weglassen. Denn da bin ich auch noch besser, weil ich da in einer höheren Frequenz spiele und so über eine wahnsinnige Virtuosität verfüge. Ich fühle mich so sicher, dass ich mich jedem Risiko aussetzen kann. Und das ist der höchste Genuss. Der größte Konflikt ist, das alles mit der Familie zu vereinen. Aber die Arbeit an sich fühlt sich nicht als solche an. Ich bin beim Schaffen am glücklichsten.

Sie selbst sind bereits seit 1999 an der Schaubühne. Haben Sie je mit den Gedanken gespielt, woanders Theater zu spielen?
Doch, habe ich. Mein Vertrag verlängert sich immer um ein Jahr. Ich will mich einfach nicht langfristig binden und habe auch nicht die Not. Ich möchte mich jedes Jahr neu entscheiden. Das ist auch, glaube ich, das Geheimnis einer guten Beziehung, dass man sich jeden Morgen neu entscheiden kann: Will ich jetzt hier bleiben oder nicht? In dem Moment, wo man sich Zwängen unterworfen fühlt, verliert es auch an Reiz und an Schönheit. Wahrscheinlich bleibe ich bei der Schaubühne bis an mein Lebensende. (lacht)

Frankfurts Schauspiel-Intendant Oliver Reese geht nun nach Berlin. Zu Ihrer Konkurrenz, dem Berliner Ensemble. Wie wird das die Berliner Theaterszene verändern?
Ich finde es total gut, dass er kommt. Es wird eine wahnsinnige Konkurrenz für uns, weil er ein ähnliches Programm wie die Schaubühne hat, was uns viel mehr gefährdet, als das, was vorher am Berliner Ensemble war. Aber ich glaube, dass es eine gute und spannende Veränderung ist. Ich werde auf jeden Fall viel hingehen und mir dort Sachen anschauen.

Haben Sie denn einen persönlichen Bezug zu Herrn Reese?
Ich habe eine interessante Geschichte mit ihm erlebt, als ich damals an der Ernst-Busch-Schule Franz Moor aus Schillers Räuber vorgesprochen habe. Ich hatte die Idee, dass ich den Monolog nicht spreche, sondern nur denke und der Zuschauer kann es an meinem Gesicht ablesen. Ich habe zwei Minuten auf der Bühne gesessen, den Monolog gedacht und ein Bonbon gelutscht. Später erfuhr ich, dass Oliver Reese das gesehen hatte und wohl gesagt hat: „Was? Das hat der Student selbst erarbeitet? Der muss Regie führen.“ Und das habe ich bis heute im Kopf, dass er das erkannt hatte.

Parallel zu „Die Blumen von gestern“ läuft „La La Land“, der mit sieben Golden Globes ausgezeichnete Musicalfilm mit Ryan Gosling, an ...
Das ist schlimm für uns. Deswegen bin ich auch hier! (lacht)

Eigentlich wollte ich Sie fragen, ob Sie sich auch vorstellen könnten, in einem Musicalfilm mitzuspielen? Sie hatten als Jugendlicher eine Hip-Hop-Band namens „Ringelpiez mit Anfassen“…
Klar, ich kann mir alles vorstellen. Ich habe das große Privileg, dass meine Rollen nicht auf so ein gewisses Format festgelegt sind. Ich habe schon so viele unterschiedliche Sachen gespielt. Letzten Sommer habe ich beispielsweise einen italienischen Horrorfilm gedreht. Und ich bin so glücklich über die Art, wie ich aussehe. Ich habe keine vordergründige Schönheit, ich bin aber auch nicht superhässlich. Sondern irgendwas dazwischen, was nicht so richtig greifbar ist. Damit kann ich in so viele unterschiedliche Richtungen gehen. Mein Äußeres kommt meinem Beruf entgegen. Nur kann ich leider nicht so gut singen wie Ryan Gosling.

Sie wollten als Jugendlicher Popstar werden. Vergangenes Jahr sind viele Ikonen gestorben. Von David Bowie bis George Michael. Würden Sie gerne einen von ihnen mal spielen?
Ich bin da immer etwas kritisch. So toll ich Joaquin Phoenix finde, immer wenn ich jetzt Johnny Cash höre, sehe ich Joaquin Phoenix vor mir. Das passt in meinen Kopf nicht zusammen. Ich will dann Johnny Cash sehen. Ich habe mal den Dichter Georg Trakl gespielt und versucht phänotypisch etwas ganz anderes darzustellen. Damit gleich klar ist, da geht es jetzt nicht um so einen Lookalike-Contest, sondern um meine Interpretation von Trakl. Im März beginnt der Dreh zum Dreigroschenfilm, da spiele ich Brecht. Ich habe darüber noch nicht mit dem Regisseur gesprochen, aber ich habe das Gefühl, dass es eine Befreiung wäre: Ich schneide mir die Haare nicht ab. Ich bin nicht Brecht, ich will seinen Geist wiederbeleben. Und da wäre es nur gesund zu sagen: Brecht hat lange Haare.

Interview: Kathrin Rosendorff

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