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„Es ist typisch, dass wir im Zusammenhang mit dem Alter nie die good news hören.“

Altern

Würde, los!

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Die Geringschätzung des Alters hat eine lange Tradition. Um das zu ändern, braucht es mehr als Anti-Falten-Cremes.

Nicht das Alter selbst ist das Problem, sondern der Umgang damit – auch so kann man es sehen. Während von einigen Wissenschaftlern mit Hochdruck nach Wegen gesucht wird, den Gang alles Irdischen zu verzögern, werben andere für einen veränderten Blick auf das Alter. In den USA zählt die Schriftstellerin Ashton Applewhite zu den engagiertesten „Anti-Ageism“-Aktivistinnen. „Ageism“ – zu Deutsch in etwa: Altersdiskriminierung – stellt sie in „eine Linie mit Rassismus, Homophobie und Sexismus“, wie sie im vergangenen Herbst bei einem Besuch in Frankfurt erklärte. Applewhite fordert: „It’s time for a radical age movement“ – „Es ist Zeit für eine radikale Altersbewegung“. Statt immer neue Anti-Aging-Produkte auf den Markt zu bringen, solle man „lieber viel Geld investieren in Pro-Aging“, fordert die Autorin mehrerer Bücher über das Altern.

Die Sicht auf das Alter sei geprägt von „Vorurteilen, Stereotypen und negativen Zuschreibungen“, sagt sie und zählt einige auf: „Zu alt für einen Job, zu alt für eine Beziehung, zu alt für eine bestimmte Frisur. Alt wird mit hässlich gleichgesetzt.“ Zudem gebe es die Neigung, „reflexhaft Dinge auf das Alter zu schieben“: „Wenn einem älteren Menschen das Knie wehtut, denkt man gleich an Verschleiß, obwohl die Ursache eine ganz andere sein kann.“ Selbst Mediziner seien davor nicht gefeit, im Gegenteil: Studien hätten ergeben, dass Ärzte sich mehr Zeit für junge Patienten nehmen würden.

„Alte Menschen werden oft wie Bürger zweiter Klasse behandelt. Ageism führt zur Teilung der Gesellschaft“, sagt Applewhite. Die verbreitete Einstellung gegenüber dem Alter bewirke, „dass Menschen sich für ihr Alter schämen“. Frauen seien davon stärker betroffen als Männer, weil bei ihnen stärker auf das Äußere geachtet werde: „Falten oder Menopause – das alles ist besonders negativ besetzt“, erklärt Applewhite: „Frauen versuchen deshalb oft krampfhaft, jugendlich zu bleiben.“

Ein Zerrbild der Gesellschaft

Ihrer Ansicht nach handelt es sich bei dem von der Gesellschaft gezeichneten Schreckensbild des Alters indes um ein Zerrbild: „Ältere Menschen sind im Durchschnitt zufriedener als Menschen im mittleren Alter, mehr als 90 Prozent der 65-Jährigen sind geistig fit“, sagt die Buchautorin. Angaben des Bundesfamilienministeriums bestätigen das für Deutschland, allerdings kommt mit zunehmendem Alter ein weiterer Aspekt zum Tragen: Bei den über 80-Jährigen leiden 20 Prozent unter Demenz, bei den über 90-Jährigen sind es knapp ein Drittel.

„Es ist typisch, dass wir im Zusammenhang mit dem Alter nie die good news hören“, klagt Applewhite. „Wir sollten alle endlich anfangen, freundlich über das Alter zu denken.“ Das müsste im Interesse jedes Einzelnen liegen. Aber derzeit negiere Ageism die „eigene Zukunft“. Eine Zukunft, die Jahrzehnte umfassen kann: „Wer 65 ist, hat oft noch viele Jahre vor sich, nicht selten kann das die gleiche Zeitspanne wie zwischen 14 und 45 sein“, rechnet die Schriftstellerin vor.

Deutsche Gerontologen wie Hans-Werner Wahl von der Universität Heidelberg unterteilen deshalb die Lebensphase, die gemeinhin als „Alter“ bezeichnet wird, in mindestens zwei Phasen. Man müsse differenzieren zwischen dem „jungen Alter“ zwischen 65 und etwa 80, in dem die Menschen oft noch viel unternehmen oder sogar etwas Neues anfangen würden, und dem „alten Alter“, das um die 80 beginne und mit körperlichen, teils auch kognitiven Einbußen einhergehe. Wahl betont, dass der Durchschnitt der 65- bis 80-Jährigen heute gesünder sei, jünger wirke und sich jünger fühle als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Gleichzeitig gebe es in dieser Gruppe aber auch erhebliche individuelle Unterschiede beim biologischen Alter, also der körperlich-geistigen Verfassung. „Die Bandbreite ist riesig, größer als in jeder anderen Altersgruppe. Unsere Gesellschaft wird dieser Heterogenität jedoch nicht gerecht. Wir müssen davon wegkommen, Menschen zu labeln.“ Damit meint der Wissenschaftler Gleichsetzungen wie „alt ist weniger leistungsfähig“ oder „jung ist schön, alt ist hässlich“. Deshalb fordert der Gerontologe „eine Ästhetik des älter gewordenen Körpers“, denn „gerade in einer alternden Gesellschaft sollte man soweit sein, auch einen älteren Körper als attraktiv anzusehen“.

Kein Kraut, nirgends

Zudem findet Wahl die herablassende Art, in der oft über ältere Menschen gesprochen oder der Begriff Alter verwendet wird, unerträglich. Sprachlicher Ageism kann dabei auch auf scheinbar freundliche Art daherkommen, etwa, wenn ältere Frauen als „Oma“ tituliert werden. Auch beim Begriff „Senioren“ klinge leicht etwas Abwertendes mit. „Leider ist das Bewusstsein dafür nur wenig ausgeprägt“, sagt der Psychologe.

Den Ageism aus den Köpfen zu kriegen, dafür werden sehr dicke Bretter zu bohren sein. Denn die Geringschätzung des Alters ist kein Charakteristikum der heutigen jugendfixierten Gesellschaft, sondern hat eine lange Tradition. Bereits im antiken Griechenland und im alten Rom war die Rolle älterer Bürger in der Politik und in der Gemeinschaft ein Streitthema, mit dem sich unter anderem Aristoteles und Cicero beschäftigten, erzählt Hans-Werner Wahl. Auch damals schon erreichten privilegierte Menschen durchaus ein Alter von 70 oder 80, wenn sie Kindheit und Seuchen überstanden hatten. Die Koppelung eines höheren Alters an den Wohlstand ist eine weitere Konstante über die Jahrtausende hinweg, ebenso die Tatsache, dass alte Frauen schon immer noch weniger galten als alte Männer.

Wenn Wissenschaftler betonen, dass die älteren Menschen heute fitter und aktiver seien als in früheren Generationen, dann meinen sie in der Regel die Gruppe der „jungen Alten“. Nur wenig geändert hat sich allem medizinischen Fortschritt zum Trotz an der Mühsal des hohen Alters, einer meist beschwerlichen Lebensphase. Bislang ist noch kein Kraut dagegen gewachsen, dass sich der Zustand bei vielen Menschen in den letzten vier, fünf Jahren vor dem Tod merklich verschlechtert. „Vielleicht müssen wir einfach akzeptieren, dass Gebrechen zum Menschsein gehört“, sagt Lenhard Rudolph vom Jenaer Institut für Alternsforschung.

In noch weitaus größerem Maße als die „jungen Alten“ sind sehr alte Menschen weitreichender Abwertung ausgesetzt. Hier greife oft die Gleichsetzung, „sehr alt heißt dement“, erklärt Hans-Werner Wahl. Er wünscht sich deshalb „eine neue Kultur der Hochaltrigkeit“, eine, die nicht nur Verluste in den Fokus nehme, sondern eine, die gleichwohl annehmen könne, dass diese zum Leben gehörten – und die Gebrechlichkeit nicht zum Ausschlusskriterium für Teilhabe mache. Davon sind freilich gerade die westlichen Gesellschaften jedoch noch weit entfernt. „Die späten letzten Jahre“, sagt Hans-Werner Wahl, „sind die größte Bedrohung für die Würde des Menschen.“

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