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Eine dunkle Straße zu durchqueren ist eine klassische Situation, in der viele Frauen Angst empfinden.

Interview mit Twtter-Userin @missoggi

„Dass  sich Männer als potenzielle Täter wahrnehmen, tut mir leid, aber das liegt an ihnen selbst“

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Userin @missoggi berichtet über ihre persönlichen Sicherheitsmaßnahmen als Frau und stößt damit eine Debatte an.

Audrey Hepburn mit einer Kaugummiblase vorm Gesicht, hinter ihr das Meer, eine kleine Yacht im Sonnenlicht – so sieht die Twitter-Profilseite von @missoggi aus. Und zur Selbstbeschreibung schreibt sie: „Ich muss hier regelmäßig gar nichts.“ Der FR sagt @missoggi, sie sei 48 Jahre alt, Führungskraft im IT-Bereich, lebe in Norddeutschland. Mehr möchte sie nicht verraten. Aber seit einigen Tagen sorgt das, was sie auf Twitter über ihr privates Sicherheitsverhalten schreibt, für Diskussionen.

@missoggi, Sie haben in zwölf Tweets dargestellt, was Sie als Frau in Deutschland zu Ihrer eigenen Sicherheit tun, wenn Sie allein unterwegs sind. Was war der Grund für die Tweets?
Der Thread ist aus dem Gedanken heraus entstanden, welche Privilegien Männer haben, derer sie sich womöglich nicht bewusst sind. Oder anders formuliert: Worum beneide ich Männer manchmal im Alltag? Ich bin davon ausgegangen, dass die meisten Männer sorglos(er) abends und nachts unterwegs sind als die meisten Frauen, und habe überlegt, was ich selbst so beachte. Die Liste ist dann etwas länger geworden als gedacht und die Maßnahmen haben sich in den letzten 15 Jahren kaum geändert.

„Den Gedanken habe ich auf Twitter abegwöhnt“

In Antworten meinten Frauen und Männer, das sei normal, Maßnahmen des gesunden Menschenverstandes; andere nannten weitere Beispielen wie Barfußgehen, damit klackende Absätze keine Männer aufmerksam machten. Fehlt mir die Empathie, wenn ich denke: Das ist teils absurd?
Den Gedanken habe ich mir auf Twitter abgewöhnt :) Es war ja alles an Antworten dabei, von normal oder noch mehr Vorsorge bis hin dazu, dass es krankhaft sei.

Die Twitter-Profilseite von @missoggi.

In den Antworten entwickelten sich auch Streitereien zwischen Frauen und Männern, besonders wenn Männer schrieben, dass sie dies auch befolgten und dass auch sie sich gefährdet fühlten. Wie blicken Sie auf solche Streitereien?
Ich lese es interessiert oder kopfschüttelnd, halte mich aber raus. Männer befolgen sicher auch einige der genannten Sachen, da zweifle ich nicht dran. Frauen haben aber die Gefahr der sexuellen Nötigung, Vergewaltigung.

„Rücksichtnahme, wie nachts mal die Straßenseite wechseln“

Sie wollen, dass Männer sich ihrer Privilegien bewusst werden. Was erhoffen Sie sich davon?
Mehr Verständnis. Eventuell Rücksichtnahme, wie nachts mal die Straßenseite wechseln. Toll wäre, wenn Männer sich mehr für Gleichberechtigungsthemen einsetzen würden

Ich hatte jüngst tatsächlich den Abstand zu einer Frau abends erhöht, weil ich das Argument kannte, aber es fühlt sich nicht gut an, als potentieller Täter wahrgenommen zu werden.
Mein Thread beschreibt nicht den Schutz gegen „alle Männer“, sondern nur gegen die extremen Gewalttäter. Dass sich Männer als potenzielle Täter wahrnehmen, tut mir leid, aber das liegt an ihnen selbst. Nehmen Sie sich selbst als potenziellen Raser wahr, weil jemand einen Sicherheitsgurt um hat?

Da kann ich nicht widersprechen.
Der Gedanke ,Wie kann sich die Frau sicherer fühlen?‘ wäre hilfreicher, als sich selbst als Opfer oder als Beschuldigter zu sehen. Warum eigentlich? Ich finde es immer faszinierend, dass Männer sich so schnell angegriffen fühlen, wenn Frauen über einzelne, andere Männer sprechen. Statt sich auf die Seite der Frau zu stellen.

„Angst motiviert ja auch zu sinnvollen Sachen“

Ein Kriminologe erklärte mir mal: „Im medialen Kriminalitätsbild ist zum Beispiel der Anteil der Sexualmorde mehr als 6000-mal so hoch wie in der Statistik.“ Das war natürlich auch ein Hinweis an uns Journalisten, aber auch ein Hinweis darauf, dass die Angst vor Gewalt vielleicht überzogen ist.
Ich kenne die Zahlen nicht, aber Sicherheit erhöhe ich auch durch einen Sicherheitsgurt, einen Fahrradhelm, etc. Vielleicht auch mit einer kleineren Wahrscheinlichkeit der echten Gefahr als der gefühlten. Was ich sagen will, die Angst motiviert ja auch zu sinnvollen Sachen.

Haben Sie den Eindruck, dass sich da zurzeit gesellschaftlich etwas tut, also die Sensibilisierung bei Männern wächst, den Frauen mehr zuzuhören?
Leider noch zu wenig. Männer fühlen sich für Gleichberechtigungsthemen oft nicht zuständig. Es ist schade, dass es Druck von außen braucht, Stichwort Dax-Vorstände.

Wie könnte man es Männern deutlicher klarmachen, dass sie sehr wohl zuständig sind?
Gute Frage. Die Quote würde zum Blick auf die Frauen zwingen. Sie bringt Frauen in sichtbare Positionen, schafft damit Vorbilder. Und hilft, den Gedanken der Frauen ,das klappt nicht oder das schaffe ich nicht‘ zu reduzieren, hoffe ich. Ich bin selbst in einer Führungsposition und öfter Role Model oder Mentorin, das Feedback ist positiv.

„Die Aufgabe von Privilegien ist schwierig“

Und im kleinen Alltag?
In den Familien einfordern, dass Männer sich zum Beispiel zur Hälfte um Kinder und Haushalt kümmern. Aber die Aufgabe von Privilegien ist schwierig. Daher erstmal die Privilegien selbst aufzeigen.

Gab es einen besonderen Anlass für das Thema zum jetzigen Zeitpunkt?
Die Überlegung, wie ich meine pubertierende Tochter vorbereite, ob sie einen Selbstverteidigungskurs machen sollte etc. ist grad ein Thema. Aktuelle Dienstreisen ein anderes.

In manchen Reaktionen war zu lesen, dass Menschen die Tatsache an sich sehr bedauerten, dass solche Vorsichtsregeln nötig seien. Glauben Sie, dass sie sich erledigt haben, wenn (und falls) Ihre Tochter selbst Mutter wird?
Nein, sicher nicht alle. Aber ich glaube auch an Sicherheitsgurte.

Nochmal zu den Privilegien, was konkret muss geschehen? Welche Privilegien müssen Männer vielleicht verlieren? Was würden die gewinnen?
„Privilegien verlieren“ klingt negativ. Der erste Schritt wäre, sich ihrer bewusst zu werden.

Prioritäten verschieben sich

Es klingt nicht nur negativ, so empfinden das ja manche Männer tatsächlich. Leider.
Aber das ist genau die Frage, die zum Thread geführt hat. Hier gibt es ein Privileg, das des sich weniger Gedankenmachens. Das würde ja kein Mann verlieren. Es ist auch dieses Anerkennen von verschiedenen Erfahrungswelten.

Wie können wir mehr Empathie zwischen den Geschlechtern erreichen?
Mit in die andere Welt nehmen (wie mein Thread ;)) Sich gegenseitig die andere Rolle zutrauen. Ich denke, bei der jüngeren Generation – speziell auch bei den Männern – verschieben sich die Prioritäten, das könnte gut werden.

Also ein optimistischer Ausblick …
Auch. Es gibt noch die Bewegung nach rechts, die ist alles andere als frauenfreundlich. Ich hoffe, diese Tendenzen setzen sich nicht durch. Da werden die nächsten Jahre wohl entscheidend …

Interview: Viktor Funk

Der Thread

Ein Thread ist eine Folge von mehreren Tweets auf Twitter, eine Art Stellungnahme zu etwas, was den Menschen stark beschäftigt: In einem zwölfteiligen Thread schrieb @missoggi, worauf sie zu ihrer persönlichen Sicherheit achtet, unter anderem: nicht alleine joggen gehen. Schon gar nicht im Dunkeln / bei Dämmerung.

Im Dunkeln zu Fuß einen oder mehrere Männer eher nicht überholen und dann vor ihnen hergehen, wenn sonst niemand in Sichtweite ist. ... Einen Bogen um Gruppen betrunkener Männer machen. Immer. Im Hotel sicherstellen, dass kein Mann zu nah im gleichen Flur ist, bevor man das Zimmer aufschließt. 

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