Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Otto Sander
+
Otto Sander

Otto Sander Nachruf

Der wortkarge Schalk

  • VonPeter Michalzik
    schließen

Ein großer Darsteller mit einer unvergesslichen Stimme, ein Volksschauspieler auf der Bühne und in Filmen wie "Das Boot" oder "Der Himmel über Berlin": Otto Sander ist im Alter von 72 Jahren gestorben.

Ein großer Darsteller mit einer unvergesslichen Stimme, ein Volksschauspieler auf der Bühne und in Filmen wie "Das Boot" oder "Der Himmel über Berlin": Otto Sander ist im Alter von 72 Jahren gestorben.

Neunzehnhunderteinundsiebzig war der große Polit-Elan schon ziemlich erschöpft und an der Berliner Mitbestimmungs-Schaubühne inszenierte Claus Peymann, wenn auch nach ausführlichen Diskussionen, „Der Ritt über den Bodensee“ von Peter Handke – in den Augen manch politisch Bewegter dekadenter Bürgerscheiß. Der mehr oder weniger diskrete Charme der Bourgeoisie erwies sich dann aber doch als resistenter, als so mancher gedacht hatte. Otto Sander entschied sich damals fürs Mitspielen, neben Bruno Ganz, Edith Clever und Jutta Lampe: gemeinsam die vier ganz Großen der Schaubühne.

Der damals 30jährige Sander spielte in dem Stück von Handke den berühmten Schauspieler Emil Jannings. Er versuchte nicht, diese Figur zu kopieren oder wiederauferstehen zu lassen, Jannings berühmteste Theaterrolle war Kleists Dorfrichter Adam gewesen, er spielte einen vollkommen selbstbezüglichen Menschen, der auf dem Sofa saß, der aufwachte, wenn der Plattenspieler ausgeschaltet wurde und dann „Wie gesagt“ sagte. Das war lustig und sprachkritisch zugleich. Der Weg zu Botho Strauß’ metaphysikschwangeren Gesellschaftssatiren war da nicht mehr weit.

Hier feierte Otto Sander seine größten Schaubühnenerfolge, fest engagiert war er hier von 1970 bis 1979, vor den großen Antiken- und Shakespeare- und Ibsen-Projekten. Hier, bei Botho Strauß an der Schaubühne, taumelte und träumte er den Mann in seiner lächerlichen, melancholischen Überflüssigkeit vor die Zuschauer hin, hier wuchs er zu dem sanften Komiker, dem fremden Anzugmensch, zum undurchschaubarsten Müßiggänger der damaligen Metropolen.

Großer präziser Rollenarbeiter

Sander entfaltete ein merkwürdiges Männeruniversum, eigentlich ein Kuriositätenkabinett, aber auch eine Sammlung von Sozialstudien. Von hier war es dann wieder nur ein Schritt zu den stummen Traumtänzern Robert Wilsons, die Sander so wunderbar ironisch verkörperte, zu den Beckett-Exerzitien, zu Tschechows Oberleutnants. Aber auch zu den ausgefeilten Schaubühnenkomödien, die das leichte Kontrastprogramm zu den dramaturgischen Anstrengungen bildeten.

Im Lauf der Jahre wurde der 1941 in Hannover geborene und in Kassel aufgewachsene Sander dann immer mehr der typische Berliner, an dem ein Hauch der großen Franz-Biberkopf-Zeit, jener Zwanziger Jahre, als die Stadt ganz sie selbst war, zu hängen schien. Fast notwendig mündete das in den „Hauptmann von Köpenick“, den er 2004, nein, nicht in Berlin, sondern am Bochumer Schauspielhaus in der Regie von Matthias Hartmann spielte.

Nach Heinz Rühmann die zweite wesentliche Verkörperung dieser Figur. Sander wirkte, als sei er irgendwann einmal geboren worden, um diese ja mittlerweile doch etwas aus der Zeit gefallene Rolle zu verkörpern. Schon das zeigt, was Sander auch war: Er war nicht nur der große präzise Rollenerarbeiter in der Hand großer Regisseure, einer, den sie brauchten, um ihrem Spiel Dimensionen zu geben, die sie nicht einmal geahnt hatten, er war auch der Volksschauspieler, den jeder, der ihn sah, sofort spüren konnte.

Auch im Film verkörperte Sander große Rollen in großen Filmen, er spielte in Wolfgang Petersens „Boot“, Volker Schlöndorffs „Blechtrommel“ und Wim Wenders „Himmel über Berlin“. Da war er der Engel, eine wunderbare Idee, eine Rolle, wie für ihn erfunden. Offensichtlich liebten die Filmregisseure seine graue Engelhaftigkeit. Aber Sander blieb doch immer ein Theaterschauspieler, dessen Bühnenausstrahlung sich im Film nicht wiederholen ließ.

Sanders unvergessliche Stimme

Sanders größter Trumpf war seine Stimme, ein weich schnarrendes Organ. Ein paar Stimmen gibt es, die unvergesslich sind, die von Joe Cocker, die von Christian Brückner (die Stimme von Robert De Niro), von Robert Hunger-Bühler zum Beispiel. Die von Otto Sander gehört dazu. Man meint den Rauch zu hören, eine angenehme Brüchigkeit, ein mürbes Kratzen.

Auch Sanders Stimme hatte wie seine Erscheinung einen Klang, der ihr eine direkte Verbindung zur großen Zeit des Theaters vor dem Film gab. Das machte ihn zu einer der liebsten Stimmen für Hörspiele, Rundfunkfeatures und gesprochene Bücher. Jetzt ist Otto Sander mit 72 Jahren an Kehlkopfkrebs gestorben.

Seine blauen Augen, die so melancholisch schauen konnten, und die melodische Reibeisenstimme sind oft bemerkt und besungen worden. Merkwürdigerweise aber hat kaum jemand über den Schalk Otto Sanders geschrieben. Alle Figuren, die er spielte, gab er etwas mit von diesem Schalk, ein wacher, trickreicher Sinn, der offensichtlich sein eigener war, mit auf den Weg. Und wenn er nur darin lag, dass er besonders und betont zurückhaltend agierte.

Sander schien die Schauspielerei nie Mühe zu machen, in ihm steckte immer der wortkarge Komiker, der sich mit Gleichmut in die Rolle hineinstellt, die andere ihm hingestellt haben. Das wirkt unaufgeregt melancholisch, das wirkt cool. Man kann sich Otto Sander schwer schwitzend bei der Arbeit vorstellen, man kann ihn sich genauso schwer als glücklichen Menschen vorstellen, aber es ist unmöglich, ihn als unglücklichen Menschen zu denken.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare