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Gefärbte Wolle zur Teppichherstellung.
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Gefärbte Wolle zur Teppichherstellung.

Stil

Wolle wird sexy

Stricken galt lange als Beschäftigung für Müsliesser, Wollpullis waren eher verpönt. Heute sind sie überall zu sehen: auf Laufstegen, in Hochglanzmagazinen, Zügen und Cafés. Schafzüchter freuen sich.

Von Sarah Mühlberger

Stricken galt lange als Beschäftigung für Müsliesser, Wollpullis waren eher verpönt. Heute sind sie überall zu sehen: auf Laufstegen, in Hochglanzmagazinen, Zügen und Cafés. Schafzüchter freuen sich.

Als seine Kollegin mit dem Schwärmen beginnt, bleibt Lutz Staacke noch gelassen. Es nagt natürlich schon ein bisschen an seinem Ego als Onlinemarketing-Experte, dass ausgerechnet eine Mitarbeiterin aus der Offline-Abteilung sich mal eben so etwas übers Internet beibringt. Aber erst als ihm seine 55-jährige Tante erzählt, dass sie mit Hilfe von Youtube-Videos gelernt hat, Babyrasseln in Form von Fliegenpilzen zu stricken, „ganz einfach!“, da beschließt Lutz Staacke, 30 Jahre alt und frisch gebackener Onkel, selbst zur Nadel zu greifen.

Heute, ein halbes Jahr später, pflegt er sein in der Strickszene bekanntes Blog maleknitting und strickt täglich: Auf dem Weg zur Arbeit, wenn er zwei Stunden im Zug sitzt, und zu Hause vor dem Fernseher. „Ein bisschen ist es schon wie eine Sucht“, sagt Staacke. Andererseits: Bei welch anderem Laster ist man schon so produktiv? So erklärt er sich auch seine Begeisterung: „Ich sitze den ganzen Tag am Rechner und arbeite nur für die virtuelle Welt. Das macht zwar Spaß, aber am Ende hat man nichts zum Anfassen, kein fertiges Produkt in der Hand.“ So wie Staacke geht es offenbar immer mehr Menschen, das weiß, wer in diesen Tagen Zug fährt, in Hörsälen sitzt oder Cafébesucher beobachtet: überall klappern Stricknadeln.

Stricken ist raus aus der Seniorenecke

Das war längst nicht immer so. „Bis in die 80er-Jahre gab es einen Boom, dann rutschte das Stricken in die Müsli-Ecke ab“, sagt Angela Probst-Bajak, Sprecherin der Initiative Handarbeit, dem Verband der Handarbeitsbranche. „Danach war es lange Zeit ein No-Go, in der Öffentlichkeit zu stricken, gerade bei modebewussten Frauen war es völlig out.“ Heute gehen in Deutschland jährlich 70 Millionen Wollknäuel über die Ladentheke. Stricken ist raus aus der Seniorennische. Allein in den vergangenen fünf Jahren ist der Markt um 50 Prozent gewachsen. Um die Zukunft ist Angela Probst-Bajak nicht bange: Stricken glänzt heute mit einem neuem Image.

Auch der Rohstoff Wolle, die 10?000 Jahre alte Naturfaser, ist wieder modern geworden. Ob Anzüge, Strick-Cardigans oder Twinsets – in den Herbst- und Winterkollektionen der Designer steht Wolle wieder im Mittelpunkt. Das treibt die Preise auch außerhalb von Designermode in die Höhe, denn mit dem heutigen weltweiten Schafbestand kann die gestiegene Nachfrage nicht ohne Weiteres bedient werden.

Heute gibt es in Australien, wo fast 90 Prozent der weltweit für Bekleidung genutzten Wolle produziert wird, 75 Millionen Schafe – 1990 waren es noch knapp 100 Millionen mehr. „Das waren die goldenen Zeiten“, sagt Johann Mittermayr, der für die australische Wollorganisation Australian Wool Innovation arbeitet. Nach vielen Jahren, in denen Spitzenpreise für Wolle gezahlt wurden, fiel mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion quasi über Nacht ein wichtiger Abnehmer weg. Bis zu einem Drittel der gesamten Wollmenge hatte Australien in die Sowjetunion exportiert. Weil die australischen Schafzüchter mit Garantiepreisen abgesichert waren, saßen die staatlichen Stellen nun auf unzähligen Wollballen, die sie schwer loswurden und die mühsam am Markt platziert werden mussten. „Das hat natürlich langfristig die Preise kaputt gemacht“, sagt Mittermayr.

Woolmark International, wie sich die AWI außerhalb Australiens nennt, hat deswegen vor zwei Jahren die „Campaign for Wool“ lanciert, eine Marketingkampagne für den Rohstoff Wolle unter der Schirmherrschaft des britischen Thronfolgers Prinz Charles. Der hatte eine persönliche Motivation: eine eigene Schaffarm und Kontakte zu Schafzüchtern im Commonwealth, deren wirtschaftliche Lage oft miserabel ist. Die Kampagne möchte in erster Linie informieren, erklärt Johann Mittermayr und legt gleich los. Er schwärmt, als ginge es um ein High-Tech-Produkt: Die Thermoregulation! Das Feuchtigkeitsmanagement! Die Nachhaltigkeit!

Tatsächlich kann die Faser mehr, als ihr zugetraut wird. Dass Wolle wärmen und kühlen kann, ist allseits bekannt. Wolle hat aber auch Eigenschaften, die sie für Sportartikelhersteller interessant macht: Sie schützt vor Feuchtigkeit und stinkt nicht. Vor der Konkurrenz, der Synthetik, müsse sich Wolle nicht fürchten, meint Mittermayr. Außerdem, und das erklärt wohl zu großen Teilen die jüngste Begeisterungswelle, handelt es sich um einen nachwachsenden Rohstoff, der perfekt zum Zeitgeist passt. Als reines Naturprodukt braucht Wolle nur Sonne, Wasser und Gras, am Ende zerfällt es in seine Bestandteile und wird dem Boden wieder zugeführt. Grüner geht’s kaum.

Viele Designer und ein Prinz

Fürs Image und den Absatz sind die Entscheidungen der Modedesigner besonders wichtig. Denn sie bestimmen mit, was in den Geschäften angeboten und was letztlich gekauft wird. Die Liste der Designer, die sich der „Campaign for Wool“ angeschlossen haben, ist lang, unter ihnen Branchengrößen wie Missoni, Armani und Dolce & Gabbana. Das italienische Designerduo schwärmt in einem gerade erschienenen Buch über Merinowolle: „Wir lieben es, Wolle anzufassen, sie auf unserer Haut zu spüren, sie an Männern und an Frauen zu sehen.“

Der königliche Einsatz und das Werben der Designer scheinen sich zu lohnen: Wolle wird immer populärer – und immer teurer. Nicht überall allerdings: In Deutschland bekommt ein Schäfer für ein Kilo gerade einmal 30 bis 60 Cent – das deckt nur knapp die Kosten der Schur. Da ist es wenig verwunderlich, dass die Zahl der Schäfer und auch Schafe hierzulande jedes Jahr sinkt.

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