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Wolle mer se reinlasse?

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Von: Anne Vogd

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„Das Leben ist wie Düsseldorf: Manchmal musst du durch.“ Anne Vogd auf der Karnevalsbühne, als die Welt noch in Ordnung war.
„Das Leben ist wie Düsseldorf: Manchmal musst du durch.“ Anne Vogd auf der Karnevalsbühne, als die Welt noch in Ordnung war. © Anne Vogd

Nix mit Schunkeln, Schmunzeln, Schläschdgebabbel: An Fassenacht bleibt auch dieses Jahr die Bütt wieder leer. Die rheinländische Karnevalistin Anne Vogd steigt für uns trotzdem hinein

Danke, Danke, liebe Närrinnen und Narren! Vielen Dank für den freundlichen Applaus…. Ja gut, Ihr klatscht vermutlich beim Lesen dieser Zeilen gar nicht – und wenn doch, ich könnte es ja nicht mal hören. Aber, was bleibt mir, als leidenschaftliche Rednerin im Karneval, mit derzeit akutem Phantomschmerz, in diesem Jahr denn anderes übrig, als es mir einfach so vorzustellen? Und wenn wir eines durch Corona gelernt haben, dann doch, sich etwas vorstellen zu können, oder? Ich meine, wer hätte sich vor 2020 denn Sätze wie „Du gehst zur Bank? Vergiss die Maske nicht!‘ vorstellen können? TUSCH! Oder im Bus: „Würden Sie bitte Ihre Nase wieder einpacken?“ TUSCH!

Oder wer hätte sich vorstellen können, dass wir alle mal Homeoffice machen? Ja, alle. Hört mal, ich habe in den letzten zwei Jahren binnen einer Woche im Fernsehen mehr Wohnzimmer gesehen als ein Zeuge Jehovas in seinem ganzen Leben. TUSCH! Sogar mein Postbote hat Homeoffice gemacht. Da hat er meine Briefe bei sich zu Hause gelesen. Und wenn was Wichtiges drinstand, hat er angerufen.

TUSCH!

Der Olli hat auch Homeoffice gemacht. Der Olli, das ist mein Kollege. Einer von denen, die morgens nie pünktlich im Büro sind. Nee, nie! Noch nicht mal aus Versehen. Und wenn er erstmal da ist, dann zu 100 Prozent unvorbereitet. Der fand Homeoffice klasse. Ja, ich bin da anders. Viel gewissenhafter. Und dann sagt der Olli immer zu mir: „Mensch, mach dich doch nicht immer so jeck! Denk dran, die faule Sau sagt zum Streberschwein: ,Gratuliere, du wirst vor mir ’ne Bratwurst sein‘.“ TUSCH! Ich denke in solchen Momenten trotzig: Na, wenigstens ist dann aus mir was geworden … TUSCH!

Aber ich kann nicht raus aus meiner Haut. Neulich rief er an, ich sag: „Olli, fass dich kurz, ich hab gleich Tele-, Netz- und Videokonferenzen, mein Terminkalender ist voll.“ Sagt der Olli: „Das kenn ich.“ Ich frag: „Was?… Termine?“ „Nee“, sagt er: „voll sein“. TUSCH!

Ja, da muss er ein bisschen aufpassen. Dieses „Homedrinking“ ist gefährlich. Er hat jetzt auch versucht, sich professionelle Hilfe zu holen. „Da kam ich in so einen Riesenraum“, hat er mir erzählt‚ „und hab gefragt ‚Ist das hier die Selbsthilfegruppe für Alkoholiker?‘“ Und als Antwort kam: „Ja. Aber wir sind schon voll.“

TUSCH!

Gut, es waren aber auch schwierige Wochen für den Olli. Er hat sich während der Pandemie von seiner Freundin getrennt. Ja, das mit dem Vertragen und Ertragen war für viele nicht ganz einfach. Nach dem zweiten Lockdown ist es passiert, als er zum ersten Mal wieder mit dem Hannes aus dem Marketing im Biergarten war. Plötzlich lief eine bildhübsche Blondine vorbei. Ruft der Hannes ganz außer sich: „Olli, guck mal! Siehst du die? Siehst du die da? Die geht im Bett ab wie ’ne Rakete.“ Der Olli völlig konsterniert: „Ey, das ist doch meine …“ Daraufhin der Hannes lakonisch: „Ach so, ja, dann weißt du’s ja schon.“ TUSCH!

Aber Ihr kennt den Olli ja jetzt schon ein bisschen. Für ihn gibt es nix, was nicht „pegelbar“ ist. Nach drei Kölsch meinte er ganz nachdenklich: „Das Leben ist wie Düsseldorf – manchmal musste durch.“ TUSCH! Aber wem sag ich das, liebe Närrinnen und Narren! Was ist das dieses Jahr wieder mit unserem Fasching? Klar, nur weil wir feiern wollen, macht das Virus ja kein Homeoffice. Und wer will denn schon singen: „Viva Coronia…“ TUSCH!

Aber ich will ehrlich sein: Als am 14. Dezember der Sitzungskarneval im Rheinland, meiner Heimat, offiziell abgesagt wurde, war ich trotzdem am Boden zerstört. Als mein Mann mich abends wie ein Häufchen Elend vorfand, meinte er tröstend: „Komm Schatz, lass uns erstmal was trinken. Was willst du? Bier, Wein, Sekt, Schampus, Cidre, Schnaps, Likör?“ Ich brauchte nicht lange für meine Antwort: „Genau in der Reihenfolge!“

TUSCH!

Aber Gott sei Dank haben viele Vereine schnell reagiert. Statt Schema F gibt’s dieses Jahr halt wieder Plan B. Und der ist im Leben ja nie verkehrt. Ein Beispiel: Letzte Woche standen sie wieder bei mir vor der Tür: Zwei Herren im grauen Flanellanzug. Der eine fragte: „Möchten Sie Zeuge Jehovas werden?“ Ich erstmal den Staubsauger ausgemacht, das Kabel weggekickt, mir den Schweiß von der Stirn gewischt, tief Luft geholt und gesagt: „ Jesses, jetzt kommen Sie doch erstmal rein.“ Dann standen sie da vor mir, im Flur, mit ihren Trolleys, während ich mich sammelte und fragte: „So, meine Herren, und jetzt? Wie soll es weitergehen?“ Sagt der eine achselzuckend: „Ja, ich weiß auch nicht. Soweit sind wir noch nie gekommen.“ TUSCH!

Virtuelle Grußworte oder kleine Formate, die gestreamt werden können – damit versucht man Närrinnen und Narren mit Phantomschmerz zu helfen. Und das will ich unterstützen, so gut ich kann. Kann ich aber nicht wirklich gut, denn so ein Video zu erstellen, zu schneiden und zu posten, das hat was mit Intelligenz zu tun. Und da fängt das Problem schon an, denn meine Digitalkompetenz schwankt so zwischen Funkloch und Autobahnböschung, wobei man dieser da Unrecht tut. TUSCH! Ich muss halt immer meine Tochter fragen. Die kennt sich damit aus, denn was früher ein guter Schulabschluss, das ist heute ein guter Internetanschluss. TUSCH! Oder ich frag’ ihren Freund. Der studiert im zwölften Semester IT. Zwölf Semester … das müsst Ihr Euch mal vorstellen. Sechs Jahre braucht man offenbar, um mir zu erklären, dass das Problem nicht im Rechner, sondern davorsitzt.

TUSCH!

Ja, das sind sie, die Generationsunterschiede. Und es gibt noch mehr. Wer von Euch kennt noch Led Zeppelin? Die Rock-Legende meiner Jugend. Meine Tochter hielt LED Zeppelin bis letzte Woche für ein illuminiertes Luftschiff, einen schwebenden Technoclub quasi! TUSCH! Wobei, ich darf mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Als ich das erste Mal den Namen Capital Bra hörte, dachte ich auch, das ist ein Bestseller-BH von Victoria Secret. TUSCH! Aber es können ja auch nicht alle immer alles wissen, oder? Außer vielleicht die WHO, die sagte: „Wir weisen darauf hin, dass die Rückkehr zur Normalität nur für diejenigen möglich ist, die vorher schon normal waren. Es handelt sich schließlich um eine Pandemie und kein Wunder.“ TUSCH!

Der Hut, den ich in den Ring werfe, heißt Lebenserfahrung. Von vielen völlig unterschätzt. Komm, zum Schluss noch was pädagogisch Wertvolles: Ein Hahn ist schon alt. Daher beschließt der Bauer, einen jungen Hahn auf den Hof zu holen, der für Küken sorgen soll. Der junge Hahn wird in das Gehege gesetzt. Der alte Hahn geht auf ihn zu und sagt: „Ich weiß, in einem Kampf habe ich keine Chance gegen dich. Daher lass uns darauf einigen: Ich überlasse dir alle Hennen, aber lass mir wenigstens meine Lieblingshenne.“ „Nein“, antwortet der junge Hahn hitzköpfig, „wenn, dann will ich auch alle Hennen haben.“ Der alte Hahn bleibt ruhig und macht einen Vorschlag: „Wir machen ein Wettrennen“, sagt er ruhig. „Wenn ich gewinne, lässt du mir meine Lieblingshenne. Wenn du gewinnst, kannst du alle haben. Aber da ich nicht mehr der Jüngste bin, lass mir bitte einen Vorsprung.“ Der junge Hahn ist einverstanden. Der alte Hahn rennt los. Zwei Sekunden später startet der junge Hahn. Als er den alten Hahn fast eingeholt hat, erschallt ein lauter Knall, der junge Hahn fällt tot um. Der Bauer lädt wütend seine Flinte nach und flucht: „Scheiße, schon der dritte schwule Hahn in dieser Woche.“

TUSCH!

Bitte nicht falsch verstehen: Ob und wie oft jemand untenrum die Vorwahl wechselt, das ist mir völlig egal. Ich will etwas anderes damit sagen. Ich will sagen: Jeder ist in etwas anderem gut, aber nur zusammen sind wir richtig gut. Das gilt im normalen Leben wie in Pandemiezeiten und auch im Fasching. TUSCH!

Ob reell, virtuell oder redaktionell, ob in der Brauerei oder als Datei, et kütt wie et kütt – also macht kein Buhei, weil das Wichtigste ist doch: Ja, da simma dabei … irgendwie …

In diesem Sinne vun Hätze: Frankfurt Helau! TUSCH!

Anne Vogd ist FR7-Kolumnistin und Karnevalistin aus Überzeugung

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