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Seine Ansiedlung in Deutschland trifft auf geteilte Meinung: der Wolf. Aktuell gibt es bundesweit etwa 140 Wolfsterritorien (Symbolbild).

Wolf

Experte im Interview: "Wolfsfreie Gebiete wird es nicht geben"

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Kann der Wolf auch gefährlich für den Menschen werden? Ein Senckenberg-Forscher im Interview.

  • Berichte über gerissene Weidetiere in Deutschland nehmen zu.
  • Experte: Menschen müssen sich vor Wolf* nicht fürchten
  • Der Wolf sei meistens ungefährlich

Immer wieder gibt es Berichte über gerissene Schafe und andere Weidetiere. Doch kann der Wolf auch gefährlich für den Menschen werden? Das geschehe nur in den seltensten Fällen, sagt der Senckenberg-Forscher Dr. Carsten Nowak im Interview.

Herr Nowak, wie gefährlich ist der Wolf für den Menschen?

Es gibt in Europa aus den vergangenen Jahrzehnten sehr wenig belegte Übergriffe auf Menschen. Medial tauchen immer mal wieder solche Berichte auf, die sich aber nach Untersuchungen häufig nicht als Wolfsangriffe herausstellen. Es ist aber natürlich so, dass durch fast alle großen Säugetiere in Ausnahmefällen Schäden für den Menschen entstehen können. 

Gefahr durch Wolf in Deutschland sehr gering

So gibt es auch durchaus belegte Wolfsangriffe. Die haben in den meisten Fällen mit Tollwut zu tun, die in Deutschland ausgerottet ist, oder damit, dass Wölfe angefüttert wurden. Das kennt man etwa von Bären in Nationalparks in den USA. Das kann dann gefährlich werden. Insgesamt ist die Gefahr durch Wölfe aber sehr gering, niemand muss Angst davor haben, in den Wald zu gehen.

Was aber, wenn ich tatsächlich im Wald einem Wolf begegne. Wie sollte ich mich verhalten?

Das ist eher unwahrscheinlich. Der Wolf, das bestätigen Tierfilmer, wird in der Regel verschwinden, wenn er Menschen bemerkt. Wenn man aber doch einem Wolf begegnet und dieser sich wider erwarten einem nähert, dann wäre es sinnvoll, sich möglichst groß zu machen, mit den Armen zu fuchteln und laut zu sein, damit der Wolf Angst bekommt. Aber kaum jemand wird höchst wahrscheinlich je in diese Situation kommen.

Woran liegt es, dass sich der Wolf in Deutschland wieder ansiedelt?

Der Wolf wurde in Deutschland vor Jahrhunderten durch den Menschen ausgerottet. Früher hat man diese Wölfe, so auch in der ehemaligen DDR, geschossen. Es sind aber immer wieder Tiere aus Osteuropa rübergewandert, wo Wölfe nie ganz ausgerottet waren. Dazu kommt, dass der Wolf schon seit über zwei Jahrzehnten in Polen nicht mehr bejagt werden darf, auch dadurch haben sich die Bestände vergrößert. 

Wolf darf in Deutschland nicht bejagt werden

Der eigentliche Grund ist aber, dass Wölfe bei uns offiziell nicht mehr bejagt werden dürfen. So konnten sie im Jahr 2000 das erste Rudel gründen. Das wäre zu früheren Zeiten nicht gegangen, weil man sie geschossen hätte.

Immer wieder gibt es Debatten, ob der Wolf wieder bejagt werden sollte, etwa zur Populationseingrenzung. Was halten Sie davon?

Es ist eine gesellschaftliche Entscheidung, ob sie weniger Wölfe will, als es sich durch natürliche Prozesse einpendeln würde. Wölfe haben sehr große Reviere, die in der Regel 200 bis 250 Quadratkilometer pro Territorium umfassen. Das heißt, es können nirgendwo in Deutschland Wölfe jemals häufig sein, das geht einfach nicht. 

Wolf in Deutschland: Wolfsfreie Gebiete wird es nicht geben

Große Raubtiere regulieren sich selbst, der Bestand wächst irgendwann nicht mehr weiter an. Das sehen wir seit mehreren Jahren in der Lausitz, wo die Anzahl an Wölfen nicht mehr zunimmt. Wenn die Gesellschaft aber sagt, wir wollen in bestimmten Regionen keine Wölfe, dann wäre das nur durch intensive Nachstellung ansatzweise zu erzielen und auch dann würden immer wieder Wölfe in die betreffenden Regionen einwandern und Nutztiere reißen. Herdenschutz muss also so oder so betrieben werden, wolfsfreie Gebiete wird es nicht geben. 

Sinnvoller ist es, die wenigen verhaltensauffälligen Tiere gezielt zu entnehmen, so etwa Wölfe mit sehr geringer Fluchtdistanz, die sich nicht von Menschen verscheuchen lassen, oder Tiere, die Schäden begehen, etwa weil sie gelernt haben, empfohlene Elektrozäune zu überwinden.

Was sollte man tun, wenn Wölfe etwa in der Nähe von Wald-Kindergärten gesichtet werden?

Wald-Kitas liegen in oder an Wäldern, da ist es normal, wenn Wildtiere sich nähern und auch beim Wolf nicht bedenklich, weil es meist zu Zeiten ist, wo gar keine Kinder da sind, etwa in den Abendstunden. Da halten sich Hirsche und Wildschweine auf, laufen im Wald herum und werden sicher auch mal an einer Wald-Kita vorbeikommen.

Welche positiven Effekte hat die Wolfsansiedlung?

Wir leben in Mitteleuropa in einem künstlichen Ökosystem. In solch einem System fehlt aber eine wichtige Komponente, nämlich, dass wir große Beutegreifer haben. Zum Teil übernimmt diese Funktion der Mensch, aber nur unzureichend. Große Beutegreifer können dabei helfen, andere Wildtiere zu regulieren, etwa Hirsche und andere Huftiere oder auch kleinere Raubtiere.

Ein Wolf hat offenbar ein seltenes Rot Vieh gerissen. Ein ehrenamtlicher Rissgutachter entnahm vor Ort Genproben.

Der Wolf ist auch im Landkreis Kassel* zurück. Der Kreis will sich auf die Rückkehr vorbereiten.

Video: So wichtig ist der Wolf für den Wald

Von Daniel Göbel

*hna.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerkes.

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