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An der Spitze des bunten Lichtermeeres prangt ein 800-Kilo-Stern aus Kristallglas.

Weihnachten

Die Wohlstandsfichte

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In New York beginnt die Weihnachtssaison, wenn der Baum des Rockefeller Center erstrahlt. Dahinter steht eine langjährige Tradition, die ihren Anfang in einer dunklen Zeit der Stadtgeschichte nahm.

New Yorker geben sich gerne trocken und unsentimental und wenn man sie nach Midtown und der Fifth Avenue zur Weihnachtszeit befragt, dann winken sie zumeist genervt ab. Das sei etwas für Touristen, heißt es dann und man sei froh, wenn der Zirkus wieder vorbei ist.

Doch ganz insgeheim haben viele der abgehärteten Manhattanites doch eine schwache Stelle für den Weihnachtsglamour, der von der glanzvollsten Einkaufsmeile der Welt ausgeht und vor allem vom Rockefeller Center, wo bis zum Heiligabend unter den Hunderttausend Lichtern des berühmten Weihnachtsbaums romantisch Schlittschuh gelaufen wird.

So haben nicht wenige an diesem vergangenen Mittwoch auf dem Nachhauseweg von der Arbeit kurz am Rockefeller Center Halt gemacht, um sich in die Menge zu mischen, die dort trotz klirrender Kälte erwartungsfroh auf das beliebteste amerikanische Weihnachtsritual wartete. Um Punkt 20 Uhr Ortszeit legte Bürgermeister Bill DeBlasio den Schalter um, um den berühmtesten Weihnachtsbaum der Welt im Lichterglanz erstrahlen zu lassen. Der Moment markierte nicht nur für New Yorker, sondern auch für Fernsehzuschauer von Miami bis nach Honolulu den definitiven Beginn der Weihnachtssaison.

Vorangegangen war eine formidable, perfekt inszenierte Bühnenshow unter der großen goldenen Prometheus-Statue, die New Yorkern symbolisch das Licht der Götter bringt. Die A-cappella- Band Pentatonix sang klassische Weihnachtslieder, die 92 Jahre alte Jazz-Legende Tony Bennett verströmte Festtags-Swing und als Höhepunkt gab Diana Ross ein 20-minütiges Stelldichein mit festlichen R&B-Klängen, die den Zuschauern im ganzen Land Tränen in die Augen trieben.

Der unangefochtene Superstar des Abends war jedoch der Baum selbst, eine prachtvolle, 22 Meter hohe norwegische Fichte, die der Chef-Gärtner des Rockefeller Center, Erik Pauze, bei seinen Streifzügen durch den Nordosten der USA auserkoren hatte. Vor fünf Jahren hatte er den damals noch wachsenden Baum in dem kleinen Ort Wallkill, 100 Kilometer nördlich von New York, entdeckt und bei den Besitzerinnen Shirley Figueroa und Lissette Gutierrez das Begehren angemeldet. Sie gaben das Exemplar willig her.

Am Mittwoch saß das lesbische Ehepaar, das ursprünglich aus der Bronx stammt, dann strahlend auf der Ehrentribüne am Rockefeller Center. „Es ist herrlich, dass wir unseren Baum mit der ganzen Welt teilen können“, sagte Figueroa, „zumal wir beide in einer Gegend aufgewachsen sind, wo es nicht viele Bäume gab.“ Nach der Weihnachtssaison wird das Holz des Baumes als Baumaterial an die Organisation „Habitat for Humanity“ gestiftet, die Heime für Obdachlose in verarmten Gegenden des Landes baut.

Besonders stolz waren Figueroa und Gutierrez jedoch, durch ihre Spende Teil einer langen New Yorker Tradition geworden zu sein. „Wir sind schließlich beide New Yorkerinnen und sind schon als Kinder zum Baum am Rockefeller Center gepilgert.“

Der Baum wird dort seit 1931 aufgestellt, als die Bauarbeiter, die das Rockefeller Center errichteten, aus eigener Tasche zusammenlegten und einen Weihnachtsbaum auf der Baustelle hochzogen. Es war ein Lichtblick in einer dunklen Zeit in der Stadt.

Die Vision des reichen Mannes

Der Ölmilliardär John D. Rockefeller hatte seinen für damalige Zeiten futuristischen Komplex aus 19 Hochhäusern im Zentrum Manhattans bereits Mitte der Zwanziger Jahre geplant. Es sollte eine visionäre Stadt in der Stadt sein, gestaltet von den besten Künstlern und Architekten der Zeit, ein Symbol für eine neue, goldene Ära des Wohlstands und des Weltfriedens.

Mitten in den Baubeginn hinein fiel jedoch die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die Dinge rund um die Welt sahen gar nicht mehr golden aus. Als reichster Mann der Welt ließ Rockefeller sich von seinen Plänen jedoch nicht abbringen und baute dennoch weiter. So war der Baum auch ein Zeichen der Dankbarkeit seiner Arbeiter, in dieser Zeit überhaupt in Lohn und Brot zu stehen.

Heute ist die Aufgabe des Baumes hingegen, festliche Stimmung in der umsatzstärksten Einkaufsgegend der Welt zu verbreiten. Gekrönt wird er von einem 800 Kilo schweren Stern aus Kristallglas, der alleine einige Millionen wert ist. Der Stern wird in den kommenden Wochen die Shopper aus aller Welt in die opulentesten Geschäfte der Stadt leiten. Zumindest auf diesen paar Quadratkilometern ist Rockefellers Vision von Wohlstand und Frieden wahr geworden.

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