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Im Moulin Rouge dürfen die Tänzerinnen schon seit Mitte September wieder auftreten. C. ARCHAMBAULT/AFP
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Im Moulin Rouge dürfen die Tänzerinnen schon seit Mitte September wieder auftreten. C. ARCHAMBAULT/AFP

Paris

Wo die Nacht erwacht

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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In Paris öffnen die Cabarets, die Dating-Plattformen laufen heiß. Und am Wochenende dürfen sich alle für ein paar Stunden frei fühlen

Es ist, als ginge ein leichtes Vibrieren, ein Knistern durch Paris. Das Frühlingserwachen kann es nicht sein: Auf den Boulevards fallen die ersten Blätter. Und doch kehrt langsam das Leben in die Lichterstadt zurück, und mit ihm die Sinnenfreude. Erstmals seit anderthalb Jahren kehren derzeit 20 von 84 Modemarken zur ersten Pariser „Fashion week“ der Post-Covid-Ära an die Seine zurück.

Endlich wieder ein richtiger Laufsteg, endlich wieder der Geruch von Schminke zu lauter Elektromusik, ja endlich wieder kleine Schreie des Entzückens, wenn das Model von Saint-Laurent einen schwarzen Smoking mit blauen Handschuhen vorführt. Und erst die Blitzlichter, wenn Catherine Deneuve, Carla Bruni und Charlotte Gainsbourg aus dunklen Limousinen steigen, um das Défilé vor der atemberaubenden Kulisse des Trocaderos und Eiffelturms zu verfolgen.

Gewiss gilt das Maskenobligatorium und ein Mindestabstand im Publikum, aber die Modebranche ist „happy“, dass das laufsteglose Darben vorbei ist. Zum Abschluss der Frühlings- und Sommerkollektion 2022 gedenkt die Modebranche am kommenden Dienstag des Stardesigners Alber Elbaz, der an Covid verstorben ist. Thema: „Liebe bringt Liebe.“

L’Amour schreibt sich in Paris wieder mit einem großen A – auch in den Revue-Theatern. Das Lido an den Champs-Elysées findet an diesem Wochenende zu seinen Soireen zurück. Auch am Moulin Rouge in Pigalle drehen sich wieder die Windflügel. Die Gäste aus Amerika und Asien kehren zwar nur zögernd zurück, doch die Pariserinnen und Pariser, ausgehwilliger denn je, springen in die Lücke.

Im Crazy Horse üben die Tänzerinnen mit dem Pagenschnitt zum letzten Mal Hoch-das-Bein (welches gemäß Hausregel doppelt so lang wie die Büste zu sein hat). Auch Daniela hat den ganzen Sommer über trainiert, oft in einem Ruhezimmer des Krankenhauses in Aulnay-sous-Bois nordöstlich von Paris, wo sie unter der Woche arbeitet. Vor einem Jahr, auf dem Höhepunkt der Pandemie, hatte sich die Krankenschwester von sich aus zum Notfalldienst gemeldet, um den beatmeten Covidkranken beizustehen. In wenigen Tagen wird die 32-Jährige ihr Doppelleben wieder aufnehmen – Krankenschwester Daniela am Tag, Crazy Horse-Tänzerin alias Tina Tobago in der Nacht.

Es kann kein Zufall sein: An der Pariser Oper hatte diese Woche Donizettis „Liebeselixir“ Premiere. Am Samstag steigt eine „Nuit Blanche“, eine Weiße Nacht, wie man „Freinacht“ auf Französisch sagt. Geplant sind aufregende Kulturevents wie eine Rollerdisco im 16. Pariser Bezirk oder eine „erotische Nacht“ in der Cité de la musique, wo die Tänzerin Kaori Ito ein Stück namens „Steck mich in Brand“ vorführt.

Rauf aufs Dach

Die bekanntesten Pariser Bars und Klubs sind zumindest am Wochenende wieder gerammelt voll. So auch das „Duplex“ an der Avenue Foch, die nach Mitternacht ihrerseits oft belebter ist als um die Mittagszeit. Der Champagner fließt in Strömen, die Flasche zu 180 Euro für fünf Personen.

An die letzten achtzehn Monate erinnern sich die Wirte nur noch wie an einen Alptraum. Ein Viertel der Pariser Nachtlokale musste die Bilanz hinterlegen. Ähnlich viele haben die Covid-Pause zum Renovieren genutzt, einige sogar, indem sie im Gebäude eine Dachterrasse zum Verschnaufen geschaffen haben. Nichts ist in Paris derzeit trendiger als ein Rooftop.

Und die übrigen Lokale? Sie haben geschmeidig von der Behördenkategorie „Typ P“ (Diskothek) zu „Typ N“ (Restaurant, Bars) gewechselt. Offiziell ganz ohne Tanzbetrieb. Dann stellten sie einen Wächter an, der Alarm zu schlagen hatte, wenn die Nachtstreife anrückte. In diesem Fall ging das Licht an, die Musik wurde gedämpft und die Tanzbühne mit Tischchen verdeckt. Wenn die Flics reinkamen, hatten alle brav die Schutzmaske aufgesetzt, wie ein Stammkunde der Bar Le Germain der Illustrierten Paris-Match schilderte.

Es darf getanzt werden

Jetzt kehren die großen Pariser Nachtlokale wieder zum „Typ P“ zurück und werden für alle zugänglich, zumindest mit Gesundheitszertifikat und Maske. Sehr sexy ist das ja nicht. Das Internet-Dating erlebt dafür seit dem Covid-Beginn einen neuen Boom. Auf Plattformen wie DisonsDemain („Sagen wir morgen“) oder AdopteUnMec (frei übersetzt: „Schnapp dir einen Kerl“), aber auch auf den bekannten Singlebörsen wie Meetic, Badoo oder Tinder liest man Annoncen wie: „Bonjour, ich heiße Sarah, ich suche die Liebe und ich bin geimpft.“ Vereinzelt kann man kann in seinem Profil auch ankreuzen, wenn man geimpft ist.

Wenn sich zwei Kreuzchen verabreden wollen, ist da noch die Frage: Wie begrüßt man sich beim ersten Rendez-vous? Bei dem beliebten Treffpunkt am Eingang Ost des Jardin du Luxembourg sieht man alle möglichen Varianten, begleitet von einem leicht betretenen Lachen: Ellbogen gegen Faust, Offene Hand gegen gefaltete Hände, oder die fast schon vergessene „bise“ – mit oder ohne Maske.

Im Inneren des Parks, wo sich Paare auf den Bänken früher richtiggehend verzehrt hatten, sitzt man nun im keuschen Abstand. Darunter sind wohl viele Dating-Pärchen, die neuen Pariser „Amoureux“ der Covid-Ära. Man freut sich, scherzt und zeigt sich bei Gelegenheit das Impfzertifikat. Oder trällert zusammen das Chanson von Joe Dassin: „Lange her, dass ich hierher gekommen bin, in den Jardin du Luxembourg.“

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