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Pflegekräfte: Wo bleiben die Boni?

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Von: Bernd Hontschik

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Eine Medizinische Fachangestellte impft eine Frau im Impfzentrum des Landkreises Altötting.
Eine Medizinische Fachangestellte impft eine Frau im Impfzentrum des Landkreises Altötting. © Imago

Es gibt Gesundheitsberufe zweiter Klasse. Die Kolumne „Dr. Hontschiks Diagnose“.

Unter den Parolen „MFA am Limit“ und „Coronabonus jetzt“ demonstrierten Mitte Januar diesen Jahres Medizinische Fachangestellte, früher „Arzthelferinnen“ genannt, am Brandenburger Tor. Leider blieb die Aktion erfolglos. Was war geschehen?

Im Januar hatte die Bundesregierung endlich einen sogenannten Pflegebonus beschlossen. Die „herausragende Leistung“ der Pflegekräfte sollte damit anerkannt werden. Viele Monate waren nach der ersten Ankündigung der Sonderzahlungen vergangen, aber es ist bis heute immer noch unklar, welche Pflegekraft welchen Bonus erhalten wird. Deswegen können die Betroffenen auch frühestens ab Mitte 2022, spätestens bis Ende 2022 mit einer Zahlung rechnen.

Mittel zur Auszahlung des Pflegebonus bekommen Krankenhäuser, in denen im Jahr 2021 mehr als zehn infizierte Patient:innen mehr als 48 Stunden beatmet wurden; das betrifft 837 Krankenhäuser, also weniger als die Hälfte. Diese geben den Bonus an die Pflegekräfte weiter, die im Jahr 2021 für mindestens 185 Tage in dem Krankenhaus beschäftigt waren. Pflegekräfte in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen erhalten insgesamt eine Milliarde Euro aus Bundesmitteln. Die Summe wird zu gleichen Teilen auf beide Bereiche aufgeteilt.

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist.
Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. © privat

Die Prämie für Intensivpflegekräfte wird um das 1,5-fache höher liegen als für Pflegekräfte auf Normalstationen. Warum es gerade zehn infizierte Patient:innen sein müssen, warum die Beatmung mindestens 48 Stunden angedauert haben muss, warum man gerade 185 Tage gearbeitet haben muss, das wird das Geheimnis des Gesetzgebers bleiben.

Klar ist aber jetzt schon, wer gar nichts bekommt. Der größte Teil der Pflegekräfte wird gar nichts bekommen, die Hebammen werden gar nichts bekommen, die Physiotherapeut:innen, Ergotherapeut:innen und Logopäd:innen werden gar nichts bekommen, und die Medizinischen Fachangestellten in den knapp 65 000 Arztpraxen werden auch gar nichts bekommen.

Alle diese Berufsgruppen haben zwar auch hart gearbeitet in den letzten zwei Jahren, aber die Parlamentarische Staatssekretärin Sabine Dittmar im Gesundheitsministerium bügelte die berechtigten Ansprüche der MFA noch im Dezember 2021 im Deutschen Bundestag mit dem Satz ab: „Die Politik muss die Stabilität des gesamten Systems im Auge behalten, so dass nicht alles, was gegebenenfalls wünschenswert wäre, umgesetzt werden kann.“ Womit natürlich die finanzielle Stabilität des „Systems“ gemeint ist.

Die Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe, Hannelore König, ist empört. Die Arbeit in den Arztpraxen würde nicht gesehen, bleibe ohne Wertschätzung, das seien wohl Gesundheitsberufe zweiter Klasse. Für die Impfzentren seien Milliarden ausgegeben worden, nun sei angeblich kein Geld mehr da. Das könne niemand verstehen. Mit dem Ausschluss ganzer Berufsgruppen und den willkürlichen Kriterien von Behandlungsfällen, Behandlungstagen und Beatmungsstunden werde nach Ansicht von Hannelore König eine Spaltung in das medizinische Personal hineingetragen, die man nicht nachvollziehen könne.

Die Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, kämpfen schon lange für eine wertschätzende Anerkennung ihrer Arbeit, für vernünftige Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen und vor allem auch für eine angemessene Bezahlung. Wenn schon eine so einfache Sache wie eine Einmalzahlung derart verworren und geizig geplant und in den Sand gesetzt wird, dann muss man sich um die Zukunft der Pflegeberufe in unserem Land wirklich große Sorgen machen.

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