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Wie kann man sich bei diesem Anblick noch gegen die Klimapolitik stellen?
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Wie kann man sich bei diesem Anblick noch gegen die Klimapolitik stellen?

Aktivismus

Wissenschaftler Michael Mann über „den neuen Klimakrieg“

  • Friederike Meier
    VonFriederike Meier
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Hochwasser hier, Waldbrände dort: Der Klimawandel ist überall zu spüren. Daher ändern die Klimawandelleugner jetzt ihre Taktik, sagt Wissenschaftler Michael Mann

Fridays for Future in Deutschland wurden in den sozialen Medien beschimpft wegen Müll, den sie angeblich auf den Plätzen ihrer Demonstrationen hinterlassen hatten. In Ihrem Buch erwähnen Sie auch solche Vorwürfe aus Großbritannien. Ist das eine universelle Strategie?

Auf jeden Fall. Es ist eine der primären Taktiken in dem, was ich den „neuen Klimakrieg“ nenne, Anführer der Bewegung der Heuchelei zu bezichtigen. Es ist ein sehr effektives Mittel, um wichtige Botschafter zu diskreditieren. Es steht außer Frage, dass bestimmte Akteure, damit meine ich die fossile Lobby und auch staatliche Akteure, insbesondere Russland, die sozialen Medien als Waffe eingesetzt haben, um diese Art von Botschaften zu verbreiten. Dies ist ein klassisches Beispiel. Es zeigt, dass sie vor nichts zurückschrecken, denn in diesem Fall sind sie buchstäblich hinter Kindern her, um ihre Agenda der Untätigkeit zu fördern.

Welche Konzerne haben das getan?

Das ist sehr nebulös, denn vieles davon wird von Bot-Armeen gemacht. Ich dokumentiere in meinem Buch, wie viele dieser Armeen von Bots auf Twitter und Facebook, die diese Botschaften verbreiten, in einigen Fällen mit Lobbyorganisationen der fossilen Brennstoffe verbunden zu sein scheinen. Vor allem aber mit staatlichen Akteuren wie Russland. Mithilfe digitaler Forensik konnten verschiedene Organisationen zeigen, dass diese Nachrichten, von Bot-Armeen verbreitet werden, die von Russland und anderen Akteuren eingesetzt wurden. Es ist schwer, die Angriffe richtig zuzuordnen. Es geschieht auf eine indirekte Weise. Aber wir wissen, dass diese Bot-Armeen, die den Klimawandel leugnen, Botschaften verbreiten, die Klimaaktivisten angreifen und versuchen, die Klimabewegung zu spalten.

In Ihrem Buch beziehen Sie sich bei dem Thema vor allem auf die USA. Denken Sie, dass dies auch in Deutschland und Europa der Fall ist?

Soziale Medien sind global, und während einige dieser Bemühungen auf bestimmte Länder, wie zum Beispiel die USA und Kanada abzielen, insbesondere im Vorfeld kritischer Wahlen, beeinflussen sie den Online-Diskurs auf der ganzen Welt. Während die deutsche Klimapolitik insgesamt wesentlich aktionsfreudiger ist, als die in Ländern wie den USA und Australien, gibt es immer noch Streit um Dinge, wie den Bau der russisch-deutschen Pipeline, die von der aktuellen Regierung favorisiert wird. Ich vermute, dass die Interessensgruppen der fossilen Brennstoffe hart daran arbeiten werden, die Unterstützung für dieses Projekt aufrechtzuerhalten, indem sie die üblichen Taktiken anwenden.

Michael E. Mann geriet über sein Hockeyschläger-Diagramm selbst ins Fadenkreuz der Klimawandelleugner.

Sie haben bereits das erwähnt, was Sie „den neuen Klimakrieg“ nennen. Was unterscheidet ihn vom „alten Klimakrieg“?

Der „alte“ Klimakrieg war ein Angriff auf die Wissenschaft. Fossile Interessensgruppen und diejenigen, die auf ihr Geheiß handeln, wie konservative Medien und Politiker versuchten, die Wissenschaft, die dem vom Menschen verursachten Klimawandel zugrunde liegt, zu diskreditieren. Oft durch Angriffe auf die Wissenschaftler selbst. Ich fand mich selbst im Fadenkreuz dieser Angriffe auf die mittlerweile ikonische Hockeystick-Kurve, die meine Kollegen und ich vor einigen Jahrzehnten veröffentlicht haben. Wir wissen, dass diese Kräfte der Untätigkeit, oder Inaktivisten, wie ich sie nenne, sich in letzter Zeit weitgehend von diesen Bemühungen entfernt haben, weil es nicht mehr glaubwürdig ist. Die Menschen können sehen, dass der Klimawandel stattfindet. Das heißt nicht, dass sie aufgegeben haben, ganz im Gegenteil. Aber sie haben sich anderen Taktiken zugewandt.

Nämlich?

Sie versuchen, die Botschafter zu diskreditieren, oder die Öffentlichkeit und die politischen Entscheidungsträger davon zu überzeugen, dass der Klimawandel zwar real ist, aber kein Problem darstellt. Oder aber, dass wir uns durch sogenanntes Geo-Engineering aus der Affäre ziehen können. Die Industrie für fossile Brennstoffe nutzt außerdem Ablenkungskampagnen.

Wie funktionieren solche Ablenkungskampagnen?

Ein Beispiel ist die Kampagne von British Petroleum, BP, die Anfang der 2000er Jahre den allerersten individuellen CO2-Fußabdruck-Rechner veröffentlicht haben. Sie wollten, dass wir uns so sehr auf unseren individuellen CO2-Fußabdruck konzentrieren, dass wir nicht auf ihren achten. Aber 70 Prozent der globalen Kohlenstoffemissionen stammen von nur 100 umweltverschmutzenden Unternehmen. Das gehört zu den primären Taktiken, auf die ich in meinem Buch hinweise. Sie sind viel schwieriger zu entdecken, subtiler. Sie sind wirklich die einzigen Hindernisse, die uns jetzt im Weg stehen, da wir in gewisser Weise so nah dran sind, endlich die notwendigen Maßnahmen zu beschließen.

Viele Klimaaktivist:innen werben auch dafür und fordern die Menschen auf, zum Beispiel weniger Fleisch zu essen. Ist das schädlich?

Zur Person

Michael E. Mann (55) ist Professor für Atmosphärenwissenschaft und Direktor des Earth System Science Center an der Penn State University in Pennsylvania.

Im Jahr 1999 veröffentlichte er gemeinsam mit einem Kollegen das sogenannte Hockeyschläger-Diagramm – eine Grafik, die den Temperaturverlauf des letzten Jahrtausends auf der Nordhalbkugel zeigt und damit die Klimaerwärmung anschaulich macht. Nachdem dieses Diagramm auch im dritten Sachstandsbericht des Weltklimarats veröffentlicht und somit bekannter wurde, geriet Mann ins Kreuzfeuer von Klimawandel-Leugner:innen.

Nein, ich denke, es ist wichtig. Wir sollten alle Dinge in unserem täglichen Leben tun, die unsere Umweltbelastung, unseren CO2-Fußabdruck, verringern. In vielen Fällen sind das Dinge, die uns gesünder machen, uns Geld sparen und uns ein besseres Gefühl geben. Außerdem sind wir ein gutes Beispiel für andere Menschen. Was wir nicht zulassen können, ist, dass die Inaktivisten uns davon überzeugen, dass es DIE Lösung ist, um die notwendigen systemischen Änderungen in der Politik zu ersetzen. Wir können nicht als Einzelpersonen einen Preis für Kohlenstoff erheben, wir können keine Subventionen für die erneuerbaren Energien bereitstellen, wir können nicht neue Infrastruktur für fossile Brennstoffe blockieren. Wir brauchen unsere Regierungen, um das zu tun.

Eine andere Taktik, die Sie erwähnen, ist die Spaltung der Klimabewegung.

Ich spreche davon, dass wir mit dem Finger auf andere zeigen. Das bewirkt mehrere Dinge. Erstens erlaubt es den Inaktivisten, auf John Kerry oder Greta Thunberg zu zeigen und sie zu beschuldigen, Heuchler zu sein. Denn Greta überquerte den Atlantik in einem Boot, das aus Plastik war. Mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich gegenseitig zu beschuldigen führt aber auch zu Zwietracht und Spaltung innerhalb der Klimabewegung. Die Inaktivisten wollen, dass wir gespalten sind, sodass wir nicht mit einer vereinten Stimme sprechen und Aktionen und Veränderungen fordern können.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch über die Gefahr, Sozialpolitik oder Kapitalismuskritik mit der Klimadiskussion zu verbinden. Warum halten Sie das für ein Problem?

Es gibt eine neue Entwicklung, bei der sich immer mehr Menschen in der linken Umweltbewegung gegen eines der wichtigsten Mittel zur Lösung des Problems stellen, nämlich die Bepreisung von Kohlenstoff. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. Ich denke, es ist ein absichtlicher Versuch von Inaktivisten, sie dagegen aufzubringen. Konservative sind traditionell gegen Marktmechanismen im Umgang mit dem Klimawandel. Dies ist nun ein Weg, um sogar einige Progressive dazu zu bringen, dagegen zu sein. Für diejenigen, die glauben, dass der Kapitalismus selbst das Problem ist, sind CO2-Preise ein Mittel der liberalen Wirtschaft und deshalb schlecht. Letztendlich stimme ich mit den Kritikern überein, dass wir ein Gespräch über unsere derzeitige, von der Extraktion von Ressourcen angetriebene globale Wirtschaft führen müssen und darüber, ob sie mit einer nachhaltigen Existenz auf diesem Planeten vereinbar ist.

Aber?

Aber wir müssen die Klimakrise jetzt angehen. Das bedeutet, dass wir innerhalb des wirtschaftlichen Rahmens arbeiten müssen, der jetzt existiert, um dieses Problem zu lösen. Wenn wir glauben, dass wir unser gegenwärtiges globales Marktwirtschaftssystem umstürzen müssen, bevor wir den Klimawandel angehen können, schieben wir das Problem nur weiter vor uns her.

Sie sagten, dass wir bereits nahe an den notwendigen Maßnahmen zum Klimawandel sind. Was macht Sie so hoffnungsvoll?

Ich habe in meinem Buch einen vorsichtigen Optimismus geäußert. Die Ereignisse, die sich seit der Drucklegung des Buches im vergangenen August abgespielt haben, haben diese Botschaft noch verstärkt. Die USA sind zurück auf der Weltbühne und versuchen, eine Führungsrolle zu übernehmen, indem sie mit anderen Nationen zusammenarbeiten, um den Pariser Mechanismus auf dem Weg zur nächsten Klimakonferenz COP26 später in diesem Jahr zu überarbeiten. Die Internationale Energie-Agentur, die traditionell eine sehr konservative Institution ist und in der Vergangenheit die Bedeutung der erneuerbaren Energien heruntergespielt hat, hat verkündet, dass es möglich ist, eine katastrophale Erwärmung von mehr als 1,5 Grad Celsius abzuwenden. Dann dürfe es aber keine neue Infrastruktur für fossile Brennstoffe mehr geben. Die USA haben sich dazu verpflichtet, die EU hat entsprechende Zusagen gemacht, das Vereinigte Königreich und sogar China deuten jetzt an, dass sie bereit sind, ihre eigenen Verpflichtungen zu verschärfen. Das sind Gründe für vorsichtigen Optimismus. Aber gleichzeitig haben wir es immer noch mit den massiven Bemühungen der fossilen Brennstoffindustrie zu tun, den Fortschritt zu blockieren, den Weg nach vorne zu versperren.

Wenn ich als Einzelperson dazu beitragen möchte und ich tue bereits, was ich individuell tun kann, was kann ich sonst noch tun?

Das Wichtigste, was wir als Einzelne tun können, ist, unsere Stimme zu nutzen. Das kann in der Form geschehen, dass wir für Politiker stimmen, die bereit sind, etwas zu tun. Dieser politische Wandel erfordert kollektives Handeln, individuelles Handeln in massivem Ausmaß, wenn es um die Stimmabgabe geht.

Und wie gelingt der politische Wandel?

Wir müssen die Politiker zur Verantwortung ziehen, indem wir Briefe schreiben. Der Klimawandel muss Teil unserer täglichen Gespräche mit unseren Familienmitgliedern, Freunden, Arbeitskollegen, Schulkameraden und allen anderen sein. Ein Weg, den eigenen Einfluss zu verstärken, ist es, Mitglied in Organisationen zu werden. Diese repräsentieren große Gruppen von Menschen und haben die Ressourcen, um zu versuchen, die politischen Entscheidungsträger zur Rechenschaft zu ziehen, um eine klima- und umweltfreundliche Politik durchzusetzen. In jeder möglichen Weise aktiv zu sein, ist das Wichtigste, was ein Einzelner tun kann. Denn sogar Menschen, die vielleicht nicht glauben, dass der Klimawandel existiert oder denen der Klimawandel egal ist, müssen ihren Fußabdruck reduzieren. Und der einzige Weg, wie wir das tun können, ist, das System zu ändern.

Michael E. Mann: Propagandaschlacht ums Klima - Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen

Verlag Solare Zukunft, Erlangen, 2021. 440 Seiten, 29 Euro.

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