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„Wir sind uns auf die Füße getreten“

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Angeline Jolie als Elise in ihrem neuen Film "The Tourist".
Angeline Jolie als Elise in ihrem neuen Film "The Tourist". © Peter Mountain/Kinowelt

Hollywoods größter Star spricht inzwischen nur noch selten mit der Presse. Jetzt hat Angelina Jolie in Paris einige Journalisten zum Interview empfangen. Ein Gespräch über Tanzstunden mit Johnny Depp, Leben zwischen Schein und Sein und ihre UN-Missionen in Krisengebieten.

Hollywoods größter Star spricht inzwischen nur noch selten mit der Presse. Jetzt hat Angelina Jolie in Paris einige Journalisten zum Interview empfangen. Ein Gespräch über Tanzstunden mit Johnny Depp, Leben zwischen Schein und Sein und ihre UN-Missionen in Krisengebieten.

Angelina Jolie sieht müde aus, als sie in ihrem eleganten weißen Hosen-Anzug in dem riesigen Raum eines Pariser Nobelhotels erscheint. Überall Spiegel an den Wänden, vor ihr eine Handvoll Journalisten, die dort schon seit geraumer Zeit auf sie warten. Der US-Star ist seit 40 Minuten überfällig. Aber jetzt ist sie da und wird erst mal angestarrt: Sie setzt sich, starrt mit ihren großen Augen zurück und lacht dazu ein seltsam heiseres Lachen. Sorry, dass ich zu spät komme, es ging einfach nicht schneller.

Sonst eilt Ihnen der Ruf voraus, immer zu schnell zu sein, vor allen anderen da zu sein. Florian Henckel von Donnersmarck, der Regisseur Ihres neuen Film „The Tourist“ sagte, er habe Sie bei den Dreharbeiten erst mal entschleunigen müssen.

Das stimmt. Ich musste erst mal all das abschütteln, was amerikanisch an mir ist.

Sind Amerikaner schneller als andere Menschen?

Sie bewegen sich zumindest sehr schnell. Und jede moderne amerikanische Frau hat dazu diese sehr aggressive Art. In einer der ersten Szene des Films beispielsweise muss ich eine Straße in Paris überqueren. Florian war nicht zufrieden, sagte mir nur: „Geh noch mal zurück und versuch dich etwas langsamer zu bewegen.“ Das habe ich dann gemacht. Dachte ich zumindest. Aber er sagte schon wieder: „Geh noch mal zurück und geh dann noch etwas langsamer.“

Jetzt reden Sie aber gerade wieder sehr schnell, während Sie uns das alles erzählen.

Ich bin auch noch nicht am Ende mit dieser Geschichte. Also: Er ließ mich das Ganze sieben Mal wiederholen! Ich dachte nur: „Oh Gott.“ Bis ich irgendwann merkte: Es macht mir Spaß, einmal wie eine elegante Frau über die Straße zu gehen, statt immer nur im Stechschritt. Auch wenn sich das für Sie seltsam anhören mag: Dieses langsame Gehen musste ich wirklich lernen. Ich bin nicht gut darin, Dinge langsam anzugehen, das widerstrebt meiner Natur.

Immerhin: Zu unserem Gespräch sind Sie zu spät gekommen.

Ja. Vielleicht habe ich von meiner Filmrolle gelernt, dass es mal ganz nett ist, einfach nur zu relaxen, mich als Frau zurückzulehnen, einfach mal feminin zu sein. Aber so bin ich nun mal nicht erzogen worden.

Florian Henckel von Donnersmarck hatte vor „The Tourist“ erst einen Spielfilm gemacht, „Das Leben der Anderen“, für den er allerdings gleich den Oscar bekam. Warum haben Sie sich gerade ihn ausgesucht?

Ich war auf der Suche nach einem der besten Regisseure Europas – und das ist er. Ich wollte schon seit langer Zeit mit ihm arbeiten. Ich wäre mit fast jedem Filmstoff zu ihm gekommen. Das war jetzt einfach eine gute Gelegenheit. Ich hatte die Option auf diese Geschichte und dachte wir können es versuchen. „Das „Leben der Anderen“ ist ein wunderbarer, intelligenter Film – aber er ist offensichtlich ganz anders als „The Tourist“.

Vom preisgekrönten Stasi-Drama zu einem romantischen Thriller, in dem ein unscheinbarer US-amerikanischer Tourist von einer Agentin zur Verbrecherjagd eingespannt wird.

Ja. Florian nimmt seine Arbeit genau so ernst wie ich, aber wir sind uns auch beide darüber einig, dass Kunst selbst nicht immer ernst und dunkel sein muss. Kunst soll Menschen auch Vergnügen bereiten – man muss sich nicht immer in den dunklen Bereichen bewegen. Als Florian und ich uns das erste Mal trafen, war klar, dass er als nächstes einen Film machen wollte, der unterhaltsamer und humorvoller war. Ein Film, der sich selbst nicht so ernst nehmen sollte. Es hat perfekt zusammengepasst. Florian ist wahrscheinlich einer der intelligentesten Menschen, die ich in meinem Leben getroffen habe. Er beherrscht sechs Sprachen. Als wir in Paris drehten, sprach er Französisch, in Italien natürlich Italienisch. Und ein paar Stuntleute, die Russen waren, sprach er auf Russisch an.

Es ist das erste Mal, dass Sie und Johnny Depp - zwei der größten Stars Hollywoods – gemeinsam vor der Kamera stehen. Was schätzen Sie an ihm?

Johnny kommt mir vor wie ein Künstler aus einem anderen Jahrhundert: Er kann malen, er macht Musik, er ist ein hervorragender Schauspieler und unglaublich kreativ. Wir hatten so viel Spaß zusammen. Ständig improvisierte er, probierte neue Dinge aus. Jetzt werde ich ständig gefragt wie unser erstes Treffen war. Ständig. Vielleicht weil es in der Vorstellungskraft der Medien sehr aufregend und prickelnd gewesen sein müsste. Aber wir saßen einfach nur da, unterhielten uns eine Stunde lang über unsere Kinder. Für mich war das aufregend genug – ein Gespräch unter Eltern.

Der Film ist wie eine Hymne auf den Hollywood-Glamour aus vergangenen Zeiten: Ein Thriller, in dem schöne Menschen in schönen Kleidern auf der Flucht durch Venedig sind – und die dabei trotzdem noch die Muße finden, in einem Palazzo zu tanzen...

Das Tanzen sieht leichter aus, als es war. Die Tanzszene mussten wir sehr oft wiederholen. Als wir es das ersten Mal probierten, sind Johnny und ich uns gegenseitig auf die Füße getreten.

Haben Sie nicht harmoniert?

Wir mussten beide die ganze Zeit ernst gucken, ohne dabei albern zu wirken. Da ist uns das Lachen vergangen – und wir haben sonst viel am Set gelacht. Nicht, dass Sie mich jetzt missverstehen: Johnny ist ein großer Tänzer. Er selbst bestreitet das zwar immer, aber ich sage Ihnen: Es ist so.

In Ihrem letzten Film „Salt“ hatten Sie zuletzt noch eine ganz andere Rolle gespielt: eine Art weiblichen James Bond. Davor, in „The Changeling“, waren Sie eine verzweifelte Mutter auf der Suche nach Ihrem verlorenen Sohn, jetzt geben Sie die glamouröse Dame von Welt Elise, die in umwerfenden Kleidern antritt. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Rollen aus?

Wenn ich eine Sache ausprobiert habe, will ich danach weiter ziehen und was Neues machen. Da geht es mir nicht anders als anderen Frauen auch: Ich mag es, mich zu verändern. Wo Sie gerade die Kleider ansprechen: Die habe ich zwar geliebt, aber ich war auch froh, dass ich sie am Ende wieder abstreifen konnte.

Warum denn das?

Weil es ein riesiger Aufwand war, um mich für diesen Film in eine Lady zu verwandeln. Die Kostüm- und Maskenbildner mussten sich sehr ins Zeug legen. Um Solche glamourösen Frauentypen wie Elise zu schaffen, das erfordert lange Anproben, viel Getue mit Haar-Makeup. Es hat schon Spaß gemacht, aber nur für eine begrenzte Zeit.

Reden wir ein bisschen über Ihre Arbeit jenseits der Welt des schönen Scheins von Hollywood. Sie reisen seit fast acht Jahren als Sonderbotschafterin für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in Krisenregionen wie den Irak, Afghanistan oder nach Haiti. Was treibt Sie dabei an?

Auch wenn das jetzt pathetisch oder kitschig klingen mag: Ich empfinde es als Privileg, Menschen helfen zu können, die in Not geraten sind, die keine Lobby haben. Und Flüchtlinge haben keine Lobby. Deshalb setze ich mich für sie ein. Ich habe in den Flüchtlingslagern überall auf der Welt immer wieder die Willenskraft dieser Menschen bewundert. Es sind starke Persönlichkeiten. Wenn ich mit ihnen spreche, ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass ich wirklich etwas über das Leben lerne. Ich betrachte mein Engagement für die Flüchtlinge nicht als Arbeit. Es ist eine Aufgabe, die mich erfüllt.

Nun sind Sie als Welt-Star in einer privilegierten Position. Bei Ihren UN-Missionen treffen Sie neben den Flüchtlingen und Mitarbeitern von NGOs auch Staatschefs oder militärische Oberbefehlshaber. Sind Sie manchmal frustriert, dass trotz des enormen Medien-Rummels, den Ihre Besuche dort auslösen, die alltäglichen Probleme in einem Flüchtlingslager in Afghanistan schnell wieder aus den Schlagzeilen verschwinden? Dass Sie nicht so viel erreichen wie wünschenswert wäre?

Sicher. Es ist immer frustrierend. Aber nach all den Jahren, die ich das nun schon mache, habe ich eines begriffen: So schlimm die Lage auch ist, ich selbst darf mich davon am wenigstens negativ beeinflussen lassen. Ich selbst darf nicht frustriert sein, denn dann überwältigen mich all diese Probleme – und am Ende bewegt sich gar nichts. Sehen Sie: Wir alle wünschen uns doch, dass sich die Dinge zum Positiven verändern, dass die Menschenrechte mal ernst genommen werden, dass sich wirklich etwas zum Besseren verändert. Auch da habe ich begriffen: Das ist ein sehr langsamer Prozess. Du musst dich an jedem kleinen Fortschritt festhalten und dabei immer versuchen, das größere Ziel, den Kontext nicht aus den Augen zu verlieren.

Wie machen Sie das?

Ich verzettele mich nicht, ich achte beispielsweise sehr genau darauf, dass ich meinen Name nicht für alle möglichen Charity-Veranstaltungen hergebe. Ich setze mich ausschließlich für die Anliegen von Flüchtlingen ein. Das ist mein Thema, an dem ich dranbleibe, bei dem ich versuche, die Dinge voranzubringen.

Das Time-Magazine hat Sie wegen Ihres nachhaltigen UN-Engagements ausgezeichnet, wohl auch, weil Sie eben nicht zu den Wohlfühl-Philanthrophen Hollywoods zählen. Sie reisen mitunter in Katastrophengebiete, wie zuletzt in jene überfluteten Regionen von Pakistan, wo sich oft nur wenige Reporter hinwagten...

Eine resolute PR-Frau geht abrupt dazwischen, sagt, man solle sich auf den neuen Film konzentrieren – und das in einem so barschen Ton, dass selbst Jolie für einen Moment irritiert scheint und ins Stammeln kommt.

I do, I feel, I do feel… Sehen Sie. Ich sehe mich als Weltenbürgern, die das politische Geschehen und andere Entwicklungen sehr aufmerksam verfolgt. Wenn ich den Eindruck habe, es könnte für Menschen in Not hilfreich sein, wenn ich die Aufmerksamkeit auf eine Krisenregion lenke, beispielsweise weil nicht genug unternommen wird, dann empfinde ich es als meine Pflicht, dorthin zu fahren. Ich bin ein wissbegieriger und oft auch beunruhigter Weltenbürger, ich will lernen, begreifen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich durch die Medienberichte über die Lage in bestimmten Gebieten nicht gut genug informiert bin. Es kommt mir oft so vor, als würde ich all die unterschiedlichen Geschichten aus solchen Ländern nur überfliegen – ohne danach wirklich etwas über die Situation vor Ort zu wissen. Das reicht mir oft nicht. Ich möchte die Realität sehen, möchte mit den betroffenen Menschen vor Ort reden. Das ist es auch, was für mich guten Journalismus ausmacht, die Reportagen von solchen Orten, in denen die Menschen, die dort leben zu Wort kommen.

Die PR-Frau beendet den politischen Exkurs, indem Sie einen französischen Kollegen herausdeutet und ihn auffordert, eine letzte Frage zu stellen.

Frau Jolie, Sie hatten ja hohe Erwartungen an die Arbeit mit von Donnersmarck. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Ehrlich gesagt, habe ich den fertigen Film noch gar nicht gesehen. Ich weiß also nicht, was sie letztendlich wirklich daraus gemacht haben. Die letzten Schnitte und die Auswahl der Musik können am Ende so viel verändern.

Aufgezeichnet von Martin Scholz

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