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„Früher waren wir niemand“: Frauen in Afghanistan werden zu Selbstverdienern

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Von: Andrea Jeska

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Wer Teil der Kooperative ist, erhält 400 Safranzwiebeln und ein Training für den richtigen Anbau.
Wer Teil der Kooperative in Afghanistan ist, erhält 400 Safranzwiebeln und ein Training für den richtigen Anbau. © Ilir Tsouko

Geldverdienen ist Afghanistan meist Männersache. Doch mit Hilfe einer Kooperative können einige Frauen inzwischen selbst ihre Familien ernähren.

Kabul – Wenn diese Geschichte über Frauen mit einem Mann beginnt, dann hat das einen Grund. Ort der Handlung ist der Westen von Afghanistan in einer Landschaft voller Staub und Trockenheit. Der Pashtun Zarghun Distrikt in der Nähe der Stadt Herat liegt in der Wüste, am Horizont erstrecken sich die flachen Berge der Dau- Shakh-Kette und durch das breite Flussbett des Hari Rud ziehen sich nur Rinnsale. Seit Jahren wartet man auf genug Regen. Schon immer konnten die Bauern hier ihre Familien kaum ernähren, doch seit diesem Sommer sind die, die über die Runden kamen, arm und die Armen bitterarm.

Merajudin Shahabi, 51 Jahre, aus dem Dorf Gabighan kämpfte viele Jahre mit der Not, die aus der Trockenheit der Wüste entsprang. Der Bauer, ein großer Mann mit Händen, die von der Arbeit breit wurden, baute Kartoffeln und Zwiebeln an, hielt einige Schafe und Kühe und schaffte es, in guten Jahren 3000 Afghani, 30 Euro, im Monat zu verdienen. In den schlechten Jahren waren es nur 2000 Afghani – weniger als ein 25-Kilo-Sack Reis kostet. Die gesamte Last des Geldverdienens lag allein auf seinen Schultern, und wenn ein Hüne wie Merajudin sagt „Ich fühlte mich sehr allein“, dann lässt das die Größe dieser Last ahnen.

Bibi Gul, 47 Jahre, mit rosigen Wangen und hellen Augen, ist Merajudins Ehefrau. Eine quirlige Frau mit einem eigenen Kopf, das merkt man sofort, wenn man sie kennenlernt. Bibi Gul hat die Hälfte der Last, wenn nicht mehr, vor zwei Jahren von ihrem Mann genommen. Sie wurde Teil einer Frauenkooperative, die Safran anbaut, erntet, verarbeitet und vermarktet. Nicht irgendeinen Safran, sondern solchen, dessen Qualität als die weltbeste gilt. Zwei Sätze erzählen, welchen Unterschied das für die Familie macht. „Ich bin jetzt sichtbar und werde respektiert“, sagt Bibi Gul. „Ich bin nicht mehr allein“, sagt Merajudin.

Safran-Kooperative in Afghanistan bietet Frauen eine Perspektive: „Jetzt haben wir eine Stellung“

An einem Oktobertag hockt Bibi Gul mit drei anderen Frauen auf einem Feld abseits des Dorfes und bewegt sich im Entengang nach vorne. Meter für Meter arbeiten die Frauen sich vor und pflücken die lilafarbenen Blüten, eine Krokusart, mit den wertvollen Stempeln. Drei Narben sind in jedem Kelch, die später vorsichtig mit der Hand herausgezupft und später auf einem Tablett in einem speziellen Ofen getrocknet, dann gewogen und in Gläser gefüllt werden. Bis dahin sind viele Stunden Handarbeit und viele Hände nötig.

Seite an Seite mit Bibi Gul arbeitet die 25-jährige Azita, eine schüchterne Frau, deren Gesicht lange seine Jugend verloren hat. Azitas Mann ist, wie schätzungsweise 3,6 Millionen Afghanen, drogenabhängig und das Geld, was er mit dem Sammeln von Eisen und Plastik verdient, gibt er für seine Sucht aus. Azita und ihre zwei Töchter litten viele Jahre lang Hunger, hatten oft nur eine Mahlzeit am Tag. Seit sie der Kooperative angehört, kann sie Lebensmittel und Kleidung kaufen, ihre Töchter zur Schule schicken. Vor allem aber ist sie weniger den Launen ihres drogenabhängigen Mannes ausgesetzt, denn dieser, so sagt sie, verstünde sehr gut, dass sie die wirtschaftliche Macht im Haus habe. „Er respektiert mich.“ Und Bibi Gul ergänzt, anders als vorher würden die Frauen jetzt in fast alle familiären Entscheidungen einbezogen. „Früher waren wir niemand. Jetzt haben wir eine Stellung.“

Der Safranverband „Socio-agricultural women of Pashtoon Zarghoon District“ ist eine Initiative der Organisation Welthungerhilfe. Deren lokaler Partner Raada (Rehabilitation und Agricultural Development for Afghanistan) hat seinen Sitz in Herat, einer alten Handelsstadt an der ehemaligen Seidenstraße und über Jahrtausende Mittelpunkt der muslimisch-persischen Kultur.

Kaum eine Frau konnte sich das traditionelle Gewürz vor dem Projekt leisten.
Kaum eine Frau in Afghanistan konnte sich das traditionelle Gewürz vor dem Projekt leisten. © Ilir Tsouko

Machtübernahme der Taliban: Viele Familien in Afghanistan leiden Hunger

Am 12. August 2021 wurde die 600.000-Einwohner:innen-Stadt nach tagelangen Kämpfen an die Taliban übergeben. Nach den ersten angstvollen Wochen, in denen sich kaum ein Mensch auf die Straße traute, hat sich die Lage normalisiert. Das bunte Treiben ist wieder erwacht, entlang der Straßen bieten Händler Kleidung und Gewürze an, es riecht nach Zimt und Kardamom. Die Freitags-Moschee wird von Kalaschnikow-bewehrten Taliban geschützt, die sich bereitwillig in Smalltalk verwickeln lassen. Doch über die Geschichte des 1200 nach Chr. erbauten Bauwerks, an dessen Vervollkommnung sich in den folgenden Jahrhunderten Timuride, Safawiden, Mogule und Usbeken beteiligten, wissen sie nichts.

Nazir Ghafoori, der Direktor von Radaa, hat sein Büro in einem Hinterhof. Eigentlich ist der Mitfünfziger Veterinär, seit vielen Jahrzehnten aber engagiert er sich für die Rechte und die Stärkung der Frauen auf dem Land. Er hat ein halbes Dutzend Initiativen auf den Weg gebracht, um diesen Frauen Verdienst und minimale Freiheiten zu ermöglichen.

In das Safran-Projekt aufgenommen werden vor allem jene Frauen, die mit großer Not zu kämpfen haben. „Wir fahren in die Dörfer und dort schauen wir, welche Familien am ärmsten sind, am dringendsten Hilfe benötigen. Voraussetzung ist, dass die Familie ein Stück Eigenland besitzt, auf dem die Frauen anbauen können. Dann reden wir mit den Dorfältesten und den Ehemännern. Wir erklären ihnen, welche Vorteile es hat, wenn die Frauen Geld verdienen. Wir stoßen selten auf Schwierigkeiten, denn die Einsicht der Männer ist groß.“

Die Stärke der Frauen in Afghanistan: Safran-Kooperation ernährt Familien

Die ausgewählten Frauen, 100 sind es zurzeit, erhalten jede 400 Safranzwiebeln von der Welthungerhilfe und ein Training für den Anbau. Um in der Kooperative ihre Waren selbständig vermarkten zu können, gibt es auch Alphabetisierungs- und Buchhaltungskurse. Bei allen Fragen und Problemen werden die Frauen von Radaa beraten und engmaschig betreut.

Schon immer war Safran ein wertvolles Gewürz. In manchen Zeiten der Historie wurden dafür schwindelerregende Preise gezahlt. Der Name leitet sich vom arabisch-persischen za faran, das Gelbe, ab. Reiche Römer schmückten mit den Fäden ihre Hochzeitsbetten, im Orient wurden die Gewänder der Herrscher damit gefärbt, in der Antike stand das Fälschen von Safran unter Strafe. Bis heute ist das Gewürz eine teure Küchenzutat.

Bevor sie in das Projekt aufgenommen wurde, hatte Bibi Gul wenig Wissen über Safran. „Wir verwenden dieses Gewürz traditionell in unserer Küche, aber wir hatten nie Geld dafür.“ Inzwischen betrachtet sie sich als Expertin und, sie sagt es mit Stolz, als Geschäftsfrau. „Wir sind der Beweis, dass Afghanistans Frauen sehr stark sind.“

Afghanistan: Wie Safran vielen Frauen eine Zukunftsperspektive bietet

Die Ernte ist im ersten Jahr noch klein, erst nach fünf Jahren erreichen die Safranzwiebeln ihre volle Kraft, nach sieben Jahren sind sie erschöpft. Nach der Ernte werden die Blüten im Zentrum der Kooperative weiterverarbeitet. Ein Prozess, für den es viel Geduld braucht. An einem langen Tisch sitzen dann täglich acht bis zehn Frauen mit Handschuhen und zupfen die drei Safranfäden aus den Blüten. Die getrockneten roten Fäden verkaufen sie in Herat an Zwischenhändler, die die Ware in den Nahen Osten transportieren. Ein Kilo Safran erbringt zurzeit umgerechnet 800 Euro, das ist weniger als ein Zehntel dessen, was auf dem europäischen Markt dafür gezahlt wird.

Für Bibi Gul und die Frauen der Initiative hat sich durch die Machtübernahme der Taliban politisch wenig geändert. Schon davor waren die meisten Dörfer in der Steppe um Herat unter der Kontrolle der Islamisten, und diese ließen sie mit ihren Projekt gewähren, weil sie die Hilfsorganisationen zur Versorgung der Bevölkerung brauchten. Denn während des sogenannten Anti-Terror-Krieges der USA und der Nato verstärkte sich die Armut in Afghanistan mit jedem Jahr. Die Gründe dafür sind nicht allein die Dürren, sondern auch die vielen Kämpfe, vor denen die Menschen flohen, die Drohnenangriffe des US-Militärs, denen Hunderte von Zivilist:innen zum Opfer fielen, die Korruption in der afghanischen Regierung und die Marginalisierung der Landbevölkerung.

Die wertvollen Stempel müssen in Handarbeit aus den Blüten gezupft werden.
Afghanistan: Die wertvollen Stempel müssen in Handarbeit aus den Blüten gezupft werden. © Ilir Tsouko

Von dem Geld, das der kriegsführende Westen so willig und in üppiger Menge an die Regierenden gab, um sich deren Kooperation und Unterstützung zu versichern, kam in den Provinzen selten etwas an. In Armutsbekämpfung, das Gesundheitssystem und Infrastruktur wurde von afghanischer Seite so gut wie nicht investiert, diese Aufgaben blieben den Hilfsorganisationen überlassen.

Hunger in Afghanistan: Wirtschaftliche Talfahrt seit Machtübernahme der Taliban

Mit der kompletten Machtübernahme der Islamisten und deren Ankündigung einer rigiden islamischen Staatsführung, dieFrauen in Afghanistan das Recht auf Arbeit und Bildung verwehrt, kam zunächst dennoch die bange Frage nach der Weiterexistenz der Kooperative auf. Dass die Frauenorganisation weiterhin arbeiten darf, verdankt sie den Verhandlungen der Welthungerhilfe und der Lobbyarbeit von Raada. Denn jene Taliban, die in den Dörfern um Herat das Sagen haben, so erklärt Ghafoori, seien Einheimische, die die prekäre Lebenssituation der Menschen verstünden.

„Viele Männer sind arbeitslos oder verdienen nur wenig Geld. Mindestens ein Viertel aller afghanischen Familien wird komplett von Müttern oder Töchtern ernährt, ein weiteres Viertel mit Hilfe dieser. Ihnen die Mitarbeit zu verwehren, würde zu katastrophaler Not führen. Unter den Frauen, die Safran anbauen, sind auch etliche, deren Männer den Taliban angehören.“

Wirtschaftlich gesehen ist die neue Lage dennoch eine existenzielle Bedrohung. Die Talibanregierung hat kein Geld, mehr als 70 Prozent aller Menschen in Afghanistan sind nun ohne Arbeit. Die UN warnen vor einer Hungersnot in Afghanistan, wenn nicht weiterhin in großem Format humanitäre Hilfe ins Land kommt. Zudem steht der Winter vor der Tür, zum Heizen fehlt den Menschen das Geld. Die Kosten für Grundnahrungsmittel wie Reis, Mehl und Öl sind um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Bereits jetzt liegen in den Krankenhäusern unterernährte Kinder, hat sich die Zahl der Bettler in den Städten vervielfacht.

Auch die Frauenkooperative leidet unter der wirtschaftlichen Talfahrt. Schon mit Beginn der Corona-Pandemie fiel der Preis für Safran um 50 Prozent, nun geht er weiter runter. Das Bankensystem funktioniert nicht, der Export ins Ausland ist schwierig bis unmöglich geworden. Auch die Zwiebeln für die nächste Aussaat konnten in diesem Jahr wegen der geschlossenen Grenzen nicht geliefert werden. „Es sind dunkle Zeiten“, sagt Ghafoori, „und wir können nur hoffen, dass sie wieder heller werden.“ (Andrea Jeska)

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