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„So wichtig für unsere Identität“, sagt Häuptling Bellegarde auf der Jahresversammlung seiner Organisation.

Vereinte Nationen

Hälfte aller Sprachen von der Auslöschung bedroht

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Die Vereinten Nationen haben 2019 zum „Jahr der indigenen Sprachen“ erklärt. Doch für manche Sprachen kommt jede Hilfe zu spät.

Im Kongresszentrum von Fredericton erklingen Trommeln und Kindergesang. Schülerinnen und Schüler einer Grundschule der St. Mary’s First Nation tragen in ihrer Sprache des Volkes der Maliseet einen Ehrengesang vor. Die Kinder in gelben T-Shirts strahlen, sie sind offensichtlich stolz, dass sie auf der Jahresversammlung der Assembly of First Nations auftreten können. Dann ziehen sie in der Atlantikprovinz New Brunswick mit dem Nationalen Häuptling Perry Bellegarde in den Sitzungssaal ein.

„Unsere Kinder sprechen unsere Sprachen. Ein Traum wird wahr“, sagt Imelda Perley, eine der ehrwürdigen älteren Frauen der Maliseet, die respektvoll „Elder“ genannt werden. „Wir feiern unsere Sprachen in diesem internationalen Jahr der indigenen Sprachen.“ Für dieses, das „Jahr der indigenen Sprachen“, haben die Vereinten Nationen 2019 erklärt.

Von 7000 Sprachen die Hälfte bedroht

Von den weltweit existierenden, nahezu 7000 Sprachen könnten nach den Prognosen der UN bis Ende dieses Jahrhunderts die Hälfte ausgelöscht sein – falls jetzt nicht gegengesteuert wird. Die meisten der bedrohten Sprachen werden von Ureinwohnervölkern gesprochen. In Kanada trat nun ein Gesetz in Kraft, das den Niedergang dieser Sprachen im Land stoppen soll.

Für Häuptling Bellegarde, Präsident der Assembly of First Nations, des Dachverbandes indianischer Nationen Kanadas, ist es ein hoffnungsvolles Zeichen, dass Kinder in ihrer Muttersprache singen. Das frühere staatliche Schulsystem der Internatsschulen, der „Residential Schools“, das über hundert Jahre indianische Sprachen verbot, diese als unwert bezeichnete, sie nahezu auslöschte, habe nicht gesiegt - „Unsere Sprache ist so wichtig für unsere Identität. Wir werden uns nie mehr schämen, unsere Sprachen zu sprechen“, sagt Bellegarde.

Jahrestreffen der Assembly of First Nations

In seiner eigenen Sprache Cree eröffnete Bellegarde, der aus der Prärieprovinz Saskatchewan stammt, jüngst das Jahrestreffen der Assembly of First Nations mit Häuptlingen und Ratsmitgliedern von rund 600 indigenen Gemeinden und Nationen. Eines ihrer großen Themen: das Überleben der indianischen Sprachen.

Im Juni hatte das Parlament Kanadas das „Gesetz über den Respekt für indigene Sprachen“ verabschiedet. Darin verpflichtet sich die Regierung, die Existenz indigener Sprachen langfristig finanziell zu unterstützen. Um das Gesetz nach den Bedürfnissen der Menschen auszugestalten, sieht es enge Konsultation zwischen den Regierungen und den indigenen Völkern vor. Das Recht auf Sprache wird als indigenes Recht anerkannt. Ein Beauftragter für indigene Sprachen wird die Umsetzung des Gesetzes überwachen.

„Ich bin 70 Jahre alt und ich lerne jetzt meine Sprache“, erzählt Jessica Hill in Fredericton. Sie ist „Chief“ – eine weibliche Form für das Wort „Häuptling“ gibt es nicht – der Oneida Nation of the Thames in Ontario, 200 Kilometer westlich von Toronto. Ihre Mutter und Großmutter besuchten noch Residential Schools.

„Sie sprachen zu Hause zwar ihre Oneida-Sprache, aber nicht mit mir. Mit mir sprachen sie Englisch. Sie wollten offenbar nicht, dass ich diese Erniedrigung und Abwertung erfahre, die sie erleben mussten, wenn sie ihre Sprache sprachen“, erzählt Jessica Hill. „Ihnen wurde gesagt, dass ihre Sprache nichts wert ist. Sie sahen nicht den Wert einer eigenen Sprache.“

Unter den etwa 6400 Mitgliedern ihrer Gemeinde gebe es heute nur 62, die fließend Oneida sprechen. „Unsere Sprache steht kurz vor der Ausrottung“, sagt Chief Hill. Mehrere Stunden pro Woche kommen nun Oneida, die meisten fortgeschrittenen Alters, in ihrem Kulturzentrum zusammen und lernen von gleichaltrigen oder noch älteren Mitgliedern des Oneida-Volkes ihre eigene Sprache.

„Twatati“ – lasst uns unsere Sprache sprechen, heißen diese Stunden. „Wir haben keine Lehrer. Aber wir Erwachsenen müssen die Sprache jetzt lernen, damit wir sie als Lehrer an unsere Jugend weitergeben können“, sagt Hill. In Kanada hatte überhaupt erst in den 1970er Jahren langsam der Aufbau eines von den indigenen Völkern geleiteten Schulsystems begonnen.

Heute bestehen in den Gemeinden, von der Hohen Arktis über die Prärie bis zu den Küsten des Atlantik und Pazifik, Schulen, in denen Lehrer aus indigenen Völkern unterrichten und die traditionellen Sprachen als wichtiges Gut vermitteln.

Die absolute Zahl derer, die eine indigene Sprache sprechen, steigt

Markantes Beispiel ist die First Nations University in Regina, Hauptstadt der Provinz Saskatchewan. Statistiken zeichnen jedoch ein widersprüchliches Bild: Einerseits steigt die absolute Zahl derer, die eine indigene Sprache sprechen. Weil aber die indigene Bevölkerung durch hohe Geburtenraten und größere Bereitschaft, sich überhaupt als „indigen“ zu identifizieren, stark wächst, sinkt prozentual der Anteil derer, die einer indigenen Sprache mächtig sind.

Die First Nations University in Regina gilt als vorbildlich.

In Bloomington im US-Bundestaat Indiana sitzt The Language Conservancy. Die Organisation setzt sich für den Erhalt der indigenen Sprachen ein und begann 2004 mit der Dokumentation der Lakota-Sioux-Sprache. Wörterbücher und Unterrichtsmaterial, Zeichentrickserien und Apps wurden seither entwickelt. Bisher wurde Lehrmaterial in rund 20 Sprachen indigener Völker Kanadas und der USA publiziert, darunter für Apachen, Cheyenne, Lakota, Dakota, Ojibwe und Oneida. Entwickelt wurde ein effizientes Verfahren, um Wortschätze zu erfassen.

Statt diejenigen einzeln aufzusuchen, die die Sprachen noch sprechen, und ihr Vokabular aufzuzeichnen, werden alle, die die Sprache beherrschen, zu Workshops zusammengebracht. „Wir bitten zum Beispiel darum, dass sie Wörter nennen, die Familienbeziehungen beschreiben, wie Vater, Mutter, Eltern, Geschwister, Bruder, Schwester“, berichtet The Language Conservancy. „Der Prozess wird für mehr als 500 verschiedene Kategorien wiederholt, die die ganze Bandbreite der Sprache abdecken. Dadurch können wir innerhalb von zwei Wochen bis zu 15 000 Wörter aufzeichnen.“

Die Arbeit ist mühsam. 2004 habe es noch 6000 Menschen gegeben, die Lakota sprechen, heute seien es nur noch 1500, obwohl junge Menschen die Sprache lernen, sagt Gründer und Direktor der Organisation, Wilhelm Meya. Manchmal aber ist es einfach zu spät: Während des Projekts, die Mandan-Sprache aufzuzeichnen, starb der letzte Angehörige des Volkes, der sie sprechen konnte.

Lesen Sie hier über die Form der Gewalt gegenüber indigenen Frauen

Häuptling Perry Bellegarde hofft, dass durch das neue Gesetz und eine „Revitalisierung unserer Sprachen“ möglichst vielen Sprachen ein solches Schicksal erspart bleibt. „Wir möchten, dass unsere Sprachen fließend gesprochen werden, Mohawk, Dene, Mik’maq, Cree und viele andere“, sagt er. „Wir werden den Erfolg bei unseren Kindern und Enkeln sehen.“

Indigene Sprachen

Fast 7000 indigene Sprachen existieren, die Mehrheit von ihnen wird nach UN-Angaben noch immer gesprochen. Sie sind damit ein wesentlicher Teil der kulturellen Vielfalt der Welt. Das „Jahr der indigenen Sprachen“ soll dazu beitragen, sie zu erhalten, zu revitalisieren und zu fördern. Durch Assimilierung, erzwungene Umsiedlung, Armut, Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen verschwinden die indigenen Sprachen nach UN-Einschätzung „in einer alarmierenden Rate“. Ein Signal dafür ist etwa, wenn sie im Kontakt mit jüngeren Generationen nicht mehr gepflegt wird. 2680 Sprachen sind demnach bedroht.

Etwa 370 Millionen Angehörige indigener Völker leben nach den Zahlen der UN in rund 90 Ländern. „Mit dem Untergang ungeschriebener und undokumentierter Sprachen würden die Menschen nicht nur kulturelles Wohlstand verlieren, sondern auch die Kenntnisse, die in indigenen Sprachen verankert sind“, so die UN.

Rund 1,67 Millionen Kanadier identifizieren sich als „indigen“. Das ergab eine Volkszählung im Jahr 2016. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwas unter fünf Prozent. Davon fühlten sich nur etwa 263 000, also knapp 16 Prozent, in der Lage, ein Gespräch in ihrer indigenen Sprache zu führen. Die Inuit sprechen Variationen ihrer Sprache Inuktut, die Metis formten aus Cree und Französisch eine eigene Sprache, Michif. Groß ist die Vielfalt der indianischen Sprachen. Noch gibt es etwa 90 verschiedene indianische Sprachen in Kanada. Keine von ihnen kann nach den Kriterien der UNESCO als dauerhaft gesichert gelten. Gerd Braune

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