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Volker Kutscher bei einer Lesung in Berlin.

Volker Kutscher

"Wir leben auf einer Insel der Seligen"

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Volker Kutscher hat die Vorlage zum TV-Epos "Babylon Berlin" geschrieben. Im Interview spricht er über die Umsetzung seines Krimis, zehn Jahre Treue zu seinen Figuren und warum viele Deutsche die Demokratie nicht zu schätzen wissen.

Herr Kutscher, darf man Ihnen gratulieren? Vor zehn Jahren ist Ihr erster Gereon-Rath-Krimi „Der nasse Fisch“ erschienen.
Stimmt. Der erste Verkaufstag müsste Ende August oder irgendwann im September 2007 gewesen sein. Ich weiß das gar nicht mehr so genau.

Inzwischen ist der sechste Band der Reihe auf dem Markt: „Lunapark“. Hätten Sie Ihrem Berliner Kommissar so viel Potenzial zugetraut?
Meinen Sie das jetzt wirtschaftlich oder inhaltlich?

In jeder Hinsicht.
Anfangs hätte ich mir in der Tat nicht träumen lassen, dass die Serie einmal ein solcher Erfolg wird. Ich habe eine Ablehnung nach der anderen kassiert und wollte mir schon wieder reumütig einen festen Job suchen, als im November 2006 endlich eine Zusage kam. Inzwischen kann ich von den Büchern gut leben. Dass Gereon Rath als Figur so viele Romane durchstehen würde, habe ich ihm definitiv zugetraut. Schließlich hatte ich die Serie von Anfang an auf acht Folgen angelegt. Inzwischen plane ich sogar einen neunten Band.

Wie kommt’s? Können Sie den Mann nicht loslassen?
Die Handlung sollte 1929 beginnen und 1936 mit den Olympischen Spielen in Deutschland enden. Drei Jahre Weimarer Republik, drei Jahre Diktatur, dazwischen das Jahr 1933 als Wendepunkt. Dann habe ich aber gemerkt, dass 1936 das falsche Jahr ist, um mit der Serie aufzuhören.

Was heißt falsch?
Raths Lernprozess ist abgeschlossen. Auch er hat inzwischen begriffen, dass die Nazis länger als gedacht an der Macht bleiben werden. Hinzu kommt, dass die Polizei 1936 immer mehr mit der SS verschmolzen wird. Er kann sich also nicht ganz raushalten aus der Politik. Das alles sind für Rath Gründe, aus dem Polizeidienst auszuscheiden. Vielleicht werfen ihn die Nazis ja auch raus. Ich weiß das noch nicht so genau. Fest steht, dass er nach der Lösung seines achten, des Olympia-Falls, nicht mehr bei der Polizei sein wird.

Haben Sie bereits eine Vorstellung, wie die Serie enden soll?
Ich möchte mit einem wirklich dunklen Ereignis wie der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 aus der Reihe aussteigen. Spätestens jetzt war auch den größten Optimisten klar, dass es bei der Politik der Nazis nicht um die Ausgrenzung und Diskriminierung von Juden ging, sondern um deren Ermordung.

Warum beenden Sie die Serie nicht mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs?
Ich möchte die Reihe nicht endlos fortsetzen. Neun Bände, das ist eine sehr schöne und runde Zahl. Hinzu kommt, dass ich ungern über die Kriegszeit schreiben würde. Die liegt mir einfach nicht, das gebe ich offen zu.

Die liegt Ihnen nicht?
Weil der Krieg viel zu weit weg ist vom normalen Alltag der Menschen, der mich interessiert. Ich beschreibe die allmählichen, schleichenden Veränderungen des alltäglichen Lebens über das Jahr 1933 hinaus. Ich könnte mir eher vorstellen, die Reihe in den 50er Jahren, also nach dem Krieg, fortzusetzen, allerdings nicht mit Rath als Protagonisten, sondern mit einer der Nebenfiguren.

Wieso überhaupt die Fokussierung auf 1929 bis 1936?
Diese Zeit hat mich schon immer interessiert. Vor allem die späten 20er und früher 30er Jahre finde ich faszinierend. Ich habe als Kind sämtliche Bücher von Erich Kästner gelesen. So etwas prägt.

Was genau fasziniert Sie an der späten Weimarer Republik?
Mich spricht der Optimismus dieser Zeit an. 1925 bis 1929 war eine Phase relativer politischer Stabilität. Die Menschen wagten vorsichtig daran zu glauben, dass die Weimarer Republik funktionieren könnte. Wirtschaftlich ging es bergauf, zumindest bis zum großen Crash 1929. Schauen Sie sich nur einen Film wie „Emil und die Detektive“ aus dem Jahr 1931 an. Diese Hoffnung, dieser Optimismus, der darin steckt!

Zwei Jahre später sah das schon ganz anders aus ...
Das ist es ja. Nehmen Sie die Darsteller von „Emil und die Detektive“, Jungs von zwölf, 13 Jahren. Ein paar Jahre später werden sie als Soldaten in den Krieg ziehen. Oder sie gehen zur SS. Vielleicht landen sie auch im KZ. Wie auch immer – auf irgendeiner Seite werden sie zwangsläufig stehen. Keinesfalls werden sie das hoffnungsfrohe, normale Leben führen, das sich jeder Mensch erträumt. Sie wissen es nur noch nicht. Genau das ist die Tragik dieser Zeit.

Und diese Tragik wollen Sie in Ihren Büchern aufzeigen?
Ich wollte auch für mich selber nachvollziehe können, wie man sich in dieser Zeit gefühlt hat. Wie fühlt es sich an, wenn eine Demokratie, die hätte funktionieren können, nach wenigen Jahren den Bach hinuntergeht? Wie konnte es überhaupt zu Hitlers Machtergreifung, zum Dritten Reich kommen?

Welche Antworten haben Sie auf Ihre Fragen gefunden?
Für mich ist vieles, was damals geschehen ist, noch immer unbegreiflich. Aber indem ich mich in diese Zeit einfühle, viel darüber lese und immer wieder darüber schreibe, versuche ich, der Antwort wenigstens ein bisschen näher zu kommen.

Was sind außer Geschichtsbüchern Ihre wichtigsten Quellen?
Leider gibt es kaum noch Zeitzeugen. Viele Informationen verdanke ich meiner Großmutter, die vor fünf Jahren gestorben ist. Sie kam Anfang der 30er Jahre nach Köln und hat mir viel über das Alltagsleben in der frühen Nazizeit erzählt. Eine gute Quelle sind auch die Romane von zeitgenössischen Autoren wie Irmgard Keun, Hans Fallada und Alfred Döblin. Sie schreiben nah an der damaligen Wirklichkeit, schildern die Wohnungseinrichtungen, welche Alltagsprodukte verwendet wurden, wie es mit der Körperpflege aussah und so weiter. Am Allerwichtigsten für meine Recherchen sind allerdings die Tageszeitungen.

Wie nutzen Sie die Zeitungen?
Sobald ich weiß, in welchem Zeitrahmen mein Plot ungefähr angesiedelt ist, ackere ich die entsprechenden Bände der „Vossischen Zeitung“ und des „Berliner Tageblatts“ durch. Ich gucke, welche Ereignisse die Schlagzeilen bestimmt haben, für welche Produkte Reklame gemacht wurde oder welche Witze erzählt wurden.

Hört sich nach viel Arbeit an.
Das ist kein Problem, weil mir die Recherche einfach großen Spaß macht und meine persönliche Neugierde befriedigt. Ich möchte ja selber gern wissen, wie man damals gelebt hat.

Wie behalten Sie den Überblick?
Ich mache mir viele Notizen und markiere eine Meldung, die ich interessant finde. Aber es findet beileibe nicht jede Information Eingang in meine Bücher.

Halten Sie es für möglich, dass in Deutschland noch einmal so etwas passiert wie 1933?
Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Deutschen so dumm ist, ein zweites Mal in die gleiche Falle zu tappen. Zumindest hoffe ich das. Obwohl unsere Demokratie beileibe kein Selbstläufer ist.

Wo sehen Sie mögliche Gefahren für Deutschland?
Zum einen in der Schläfrigkeit der Menschen. Viele halten es gar nicht mehr für so wichtig, in einer Demokratie zu leben. Oder sieh halten es für selbstverständlich. Dementsprechend engagieren sie sich auch nicht dafür. Die Rechten und die Populisten sind eine Gefahr für die Demokratie, aber auch die Islamisten. Soziale Ungerechtigkeit kann zur Bedrohung werden, das unverantwortliche Gebaren von Banken, die mit Steuergeldern gerettet werden müssen.

Was können wir tun, um Deutschland vor Schaden zu bewahren?
Wir müssen begreifen, dass wir mit den vielen Freiheiten, die wir genießen, auf einer Insel der Seligen leben. Die Mehrheit der Menschheit lebt anders, nämlich in autokratischen Regierungs- und Gesellschaftssystemen. Wenn einem das bewusst ist, sollte man die eigene Lebensweise ruhig etwas kämpferischer vertreten, statt alles als gegeben hinzunehmen.

Kommen wir noch einmal zu den Anfängen. „Der nasse Fisch“ wird gerade von Tom Tykwer als TV-Serie verfilmt. Arne Jysch hat einen Comic daraus gemacht. Inwieweit sind Sie an diesen Adaptionen beteiligt?
Den Comic habe ich ein wenig begleitet. Arne Jysch, von dem auch der Text stammt, hat mir sein Szenario zugeschickt. Wir haben drüber geredet, und er hat losgelegt. Am Film-Skript war ich nicht beteiligt, und das ist auch gut so.

Warum ist das gut? Hatten Sie keine Lust dazu?
Ich wollte nicht am Drehbuch mitarbeiten, weil ich dann zu sehr an meiner eigenen Vorlage geklebt hätte. Doch eine Adaption sollte kein Bilderbuch des Romans sein, sondern etwas Eigenes. Bei den ersten Gesprächen mit Tom Tykwer war es total spannend zu sehen, wie sehr ihn mein Roman inspiriert hat und welche Bilder und neue Ideen er im Kopf hat.

Sie sind also einverstanden mit Tykwers  Umsetzung?
Auf jeden Fall. Die Serie besteht aus 16 Folgen. Das ist natürlich super viel für einen einzigen Roman, und ich finde es sehr schön, dass die Geschichte so breit erzählt werden kann. Anders als bei vielen anderen Romanadaptionen geht es bei dieser Produktion nicht um Kürzungen, sondern darum, die Welt noch breiter aufzufächern und vielleicht Dinge zu erzählen, die im Buch gar nicht oder nicht so ausführlich geschildert werden.

Haben Sie schon etwas gesehen?
Ja, ich habe mir kürzlich in Berlin die ersten acht Folgen angeschaut.

Wie war das für Sie, Ihre Fantasiegestalt plötzlich auf der Leinwand zu sehen?
Der Film- und auch der Comic-Rath sehen anders aus als der in meinen Vorstellungen. Aber das ist völlig okay bei einer Adaption, solange sie der Idee und dem Kern der Geschichte treubleibt.

Sie planen, wie Sie sagten, einen neunten Rath-Krimi. Trotzdem wird irgendwann Schluss sein mit der Serie. Was kommt dann?
Als zehntes Buch plane ich einen Kurzgeschichtenband mit Rath-Storys, damit die treuesten Fans noch etwas Lesestoff haben. Und dann werden wir sehen. Aber es dauert zum Glück ja noch sieben, acht Jahre, ehe ich mir diese Frage stellen muss.

Interview: Petra Pluwatsch

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