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„Wir hatten eine Vision“

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Das Model Lola wird bei Lookproben für die Mercedes Benz Fashion Week in Berlin gestylt. Bei Lookproben wird das Styling für die Modenschauen vorbereitet.
Das Model Lola wird bei Lookproben für die Mercedes Benz Fashion Week in Berlin gestylt. Bei Lookproben wird das Styling für die Modenschauen vorbereitet. © dpa

Berlin mag kein Ort für Couture sein, doch als Modemessen-Standort funktioniert die Stadt prächtig. Vor zehn Jahren etablierten sich Bread & Butter und Premium, die heute als Motoren der Branche gelten.

Berlin mag kein Ort für Couture sein, doch als Modemessen-Standort funktioniert die Stadt prächtig. Vor zehn Jahren etablierten sich Bread & Butter und Premium, die heute als Motoren der Branche gelten.

Mit 70 Marken ging es los. In diesem Jahr sind es bereits 1 400 Kollektionen, welche die Modemesse Premium zu ihrem zehnjährigen Jubiläum präsentieren will. Parallel zu der Verkaufsschau, die sich nur an Fachpublikum richtet, hat sich Berlin zu einem der international wichtigsten Modemessen-Standorte entwickelt. Die Gründer Anita Tillmann (40) und Norbert Tillmann (52) – übrigens nicht miteinander verwandt – sprechen über die ewig unfertige Stadt Berlin und ihre Freiräume.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Premium zu gründen?

Anita Tillmann: Wir hatten das Gefühl, dass endlich etwas Neues passieren musste, nachdem sich in der deutschen Modeindustrie vierzig Jahre lang nichts getan hatte. Zu diesem Zeitpunkt wohnten wir gerade drei Jahre in Berlin und waren begeistert von der Kreativität und dem Potenzial, das es so in Deutschland sonst nicht gibt. Wir kommen beide aus Düsseldorf. Da hat man diese Frische und diese Energie nicht. Dann kam eins zum anderen. Wir hatten eine Vision und fingen einfach an.

Was wollten Sie anders machen?

Anita Tillmann: Klassischerweise finden Messen segmentspezifisch statt. Es gibt Damen-, Herren- und Accessoiremessen zu verschiedenen Terminen und in großen Messehallen. Die Modebranche will dem Endverbraucher Emotion, Kreativität und eine Geschichte über die Produkte verkaufen, präsentiert sie dem Händler, der sie verstehen und einkaufen muss, in diesen riesigen Messehallen aber wie Fleisch- und Wurstware.

Norbert Tillmann: Dazu kommt, dass diese Messen Quadratmeter verkaufen und nicht Ideen oder Image.

Anita Tillmann: Nach dem Motto, wer die größte Fläche bucht, ist automatisch die beste Marke. Wir im Gegensatz dazu vermieten nicht nur die Fläche, sondern kuratieren unsere Messe. Wir suchen aus allen Segmenten das Beste aus und stellen dem Einzelhandel das relevante Sortiment vor.

Vor zehn Jahren waren die meisten Messen in Düsseldorf. Wieso haben Sie sich für Berlin entschieden?

Norbert Tillmann: Berlin war die interessanteste Stadt Deutschlands, wenn nicht Europas. Wir wussten natürlich nicht, dass sie das in zehn Jahren noch immer sein würde. Berlin war eine unfertige Stadt.

Anita Tillmann: Und sie ist noch immer nicht fertig. Dieses Potenzial konnten wir unternehmerisch nutzen. Wir hatten den Freiraum, uns auszuprobieren, und den Platz, zu wachsen.

Norbert Tillmann: Ich weiß noch, wie wir am Anfang zum Beispiel einmal mit Italienern am Potsdamer Platz standen. Ich zeigte ihnen das Brandenburger Tor und sie waren überwältigt. Jahrelang haben wir mehr die Stadt verkauft, als unsere Messe. Wir haben allen gesagt: Kommt nach Berlin, da trifft sich die Welt. Heute bewahrheitet sich das.

Wie war Berlin damals, modisch betrachtet?

Anita Tillmann: Vor zehn Jahren stand Berlin noch im Zeichen des Raves. Wir feiern unsere zehnjährige Jubiläumsparty auch mit den Nachtgrößen, die wir damals schon kannten und die es heute noch gibt, ob das Cookie ist oder Boris Radzun vom Grill Royal und vom Pauly Saal oder die Jungs vom Flamingo. Wir sind gemeinsam gewachsen. Berlin ist zur Großstadt geworden. Neulich bin ich von zwei italienischen Designern auf eine Party mitgenommen worden. Das war in einem alten Haus am Postbahnhof, unten gab es Kunst in einer Art Bunker, oben Wein aus Bechern, es war eiskalt und man konnte auf eine Terrasse gehen – ohne Geländer. Die Jungs sind förmlich ausgeflippt. Sie haben mich sehr an mich selbst erinnert. Berlin war für mich damals wie ein Ufo, das gleich abheben würde. Der Unterschied zu damals ist: Früher waren die Berliner unter sich. Heute sind die Gäste international.

Welche Rolle hat die Premium bei dieser Entwicklung gespielt?

Anita Tillmann: Wir sind eine tragende Säule der Mercedes-Benz Fashion Week. Wir haben sie als virtuelles Dach gegründet und damit eine Klammer für Berlin und das Thema Mode geschaffen. In Berlin reden alle über Kreativität. Aber es fehlte der Rahmen und die Plattformen, die man nach außen kommunizieren kann. Genau das haben wir geschaffen, einen Rahmen.

Was für Visionen haben Sie für die Modestadt Berlin?

Anita Tillmann: Die nächste ist die neue Messe Panorama, für die wir das Konzept entwickelt haben. Sie soll als dritte Säule der Berlin Fashion Week mit einem neuen Segment neue Aussteller und Händler nach Berlin bringen.

Was unterscheidet die Panorama von der Premium?

Norbert Tillmann: Die Premium ist wesentlich hochwertiger. Wenn die Premium ein Department-Store ist, ist die Panorama das Kaufhaus.

Braucht Berlin überhaupt eine weitere Modemesse?

Anita Tillmann: Wenn alle Endverbraucher nur bei H&M kaufen würden oder nur bei Hermes, dann bräuchte man die Läden dazwischen nicht. Das ist aber nicht der Fall. Die Relevanz einer Messe definiert sich über den Bedarf des Marktes. Im Fall der Panorama ist es so, dass es für das mittlere Preissegment bislang keine Messe gibt, und zwar nirgendwo auf der Welt.

Norbert Tillmann: Konkurrenz belebt das Geschäft. Auch die deutschen Anbieter haben die Chance, sich mit einer neuen Messe weiterzuentwickeln. Das hat auch etwas mit der wirtschaftlichen Situation in Europa zu tun. Internationale Firmen wollen sich gern in Deutschland zeigen, weil hier die ökonomische Lage besser ist.

Anita Tillmann: Wir haben die Chance, in Berlin ein neues System aufzubauen, in dem wir nicht nur Damen, Herren und Accessoires auf einer Messe mischen, sondern auf verschiedenen Plattformen auch noch alle Preissegmente in Berlin abbilden, sodass die Einkäufer je nach Bedarf auf die eine oder die andere Messe gehen können. Damit sichern wir Berlin langfristig den Status einer Fashion-Metropole .

Das Gespräch führte Beate Scheder.

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