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Illustre Gestalten 1978: Schauspielerin und Reporterin Phyllis George mit Begleiter im Studio 54. imago images
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Illustre Gestalten 1978: Schauspielerin und Reporterin Phyllis George mit Begleiter im Studio 54. imago images

„Wir haben uns gefühlt wie die Könige der Welt“„Wir haben uns gefühlt wie die Könige der Welt“ZUR PERSON

Ian Schrager hat 1977 das legendäre „Studio 54“ in New York eröffnet. Anlässlich seines 75. Geburtstags spricht er über Freiheit, Nachtruhe – und warum die Hudson-Metropole keine lebendige Club-Szene hat.

Das „Studio 54“ sei wie seine „erste Liebe“ gewesen, sagt Ian Schrager. Mitten in Manhattan hatte er den Nachtclub 1977 gemeinsam mit Steve Rubell eröffnet – und schon bald feierten dort die großen Stars der Zeit. Nur rund drei Jahre später aber landeten die Gründer im Gefängnis, weil sie Steuern unterschlagen hatten. Im Interview erinnert sich Schrager mit Brooklyn-Akzent und tiefer, kratziger Stimme an die alten Zeiten – und schimpft auf die aktuelle Club-Szene New Yorks.

Mister Schrager, wie schätzen Sie den Zustand Ihrer Heimatstadt New York ein, die ja von der Corona-Pandemie hart getroffen wurde?

Aus solchen schrecklichen Situationen kommen immer auch gute Sachen heraus, und man muss immer auf die gute Seite der Dinge schauen. Die Menschen haben verstanden, wie kostbar das Leben ist, und sind jetzt so aufgeregt, es endlich wieder genießen zu können - und es liegt irgendwie eine liebevollere Stimmung über allem und jedem. Die Menschen freuen sich, ihr Leben wieder zu haben, andere Menschen zu sehen und mit anderen Menschen zu sprechen – gutes Karma überall.

Wie bewerten Sie denn die Club-Szene in New York dieser Tage?

Früher habe ich schon, wenn ich nur mal kurz aus New York weg war, die Stadt total vermisst und konnte es gar nicht abwarten, wieder zurückzukommen – weil ich dachte, ich verpasse etwas. Aber jetzt hat die Welt aufgeholt. New York hat nicht mehr diese Exklusivität. Es gibt jetzt andere Weltklasse-Städte, die genauso entwickelt sind und den kulturellen Zeitgeist anführen wie New York - und die eine tolle Club-Szene haben. Es gibt keine gute Club-Szene in New York dieser Tage – nicht so wie in Deutschland oder in anderen Städten.

Woran liegt das?

Indem die Branche reguliert wurde und versucht wurde, alle zu schützen, hat man sie entmannt. Das kann nicht mehr funktionieren. Es gibt jetzt Menschen in New York, die – wenn sie nach elf Uhr abends noch Lärm hören – die Polizei rufen. Dabei ist das Nachtleben wichtig - es ist Inkubator für so viele kulturelle Ideen. Deswegen gibt es so eine Faszination, so viel kommt daher. Wenn man das erstickt, ist das keine gute Idee. Ich weiß, dass es Probleme gibt und man damit umgehen muss – aber in New York wird damit nicht korrekt umgegangen.

Was hat denn „Studio 54“ so außergewöhnlich gemacht?

Es gab natürlich die Stars und die Beleuchtung und all das, aber für mich war es einfach diese Freiheit. Sobald du durch diese Tür durchgegangen warst, warst du frei – frei zu tun und lassen, was du wolltest, und frei zu sein, wer oder was auch immer du wolltest.

Vermissen Sie den Club?

Ich sehe das ambivalent. Im Leben tendiert man dazu, das Schlechte zu vergessen und sich nur an das Gute zu erinnern, aber ich vergesse das Schlechte nicht. Es war das erste Unternehmen, das ich je hatte, und es war unglaublich aufregend und so viel Spaß. Es war wie meine erste Liebe. Insofern vermisse ich es in dieser Hinsicht schon – aber ich schaue immer nach vorne.

Gibt es einen Moment, den Sie besonders in Erinnerung haben?

Ja, das ist wie sich an den ersten Kuss zu erinnern. In unserer Eröffnungsnacht waren wir so beschäftigt. Mein Business-Partner Steve Rubell und ich haben uns nur kurz rausgezogen, um eine Suppe zu essen. Danach habe ich weitergearbeitet bis vielleicht ein oder zwei Uhr nachts, Steve ist noch geblieben. Um fünf Uhr morgens hat er mich dann angerufen – und wir beide waren gemeinsam mit Cher auf dem Cover der „New York Post“ mit einem riesigen Foto. Da haben wir uns gefühlt, als hätten wir es geschafft, als wären wir die Könige der Welt.

Hätten Sie Ihren Kindern erlaubt, ins „Studio 54“ zu gehen?

Jetzt wo ich Vater bin, ist das sehr schwer, mit all diesen Dingen umzugehen, mit denen junge Menschen heutzutage umgehen müssen. Aber ja – es wäre sehr schwierig für mich gewesen, ihnen zu sagen, dass sie dort nicht hingehen dürfen.

Was würden Sie denn als den derzeit besten Club der Welt ansehen – und waren Sie schon einmal im „Berghain“ in Berlin?

Ja. Es gibt ein paar dieser Nachtclubs in Berlin und auch in Ibiza, wo diese ganz bestimmte Elektrizität in der Luft liegt.

Könnte „Studio 54“ wiederbelebt werden – und würde die heutige Technik es schwieriger machen?

Ja – und ja, es wäre schwieriger. Man muss die Privatsphäre der Menschen schützen, sonst können sie sich nicht frei fühlen. Manche Clubs haben da ja schon Wege gefunden. Die Menschen müssen sich frei fühlen – als ob sie machen können, was sie wollen, solange sie niemandem wehtun und es nicht illegal ist. Und diese neuen Technologien befördern das nicht, das muss man einschränken. Aber ja - ich warte seit 40 Jahren darauf, dass jemand da mit einer Idee für ein neues „Studio 54“ um die Ecke kommt.

Wären Sie wieder dabei?

Nein, ich bin durch mit dem Business. Es frisst die Menschen, die darin arbeiten, auf – normalerweise. Aus irgendeinem Grund habe ich es geschafft. Um zehn Uhr abends zur Arbeit zu gehen, nachdem man schon den ganzen Tag gearbeitet hat – nein, da habe ich kein Interesse mehr dran.

Also sind Sie keine Nachteule mehr?

Ich habe einen zehn Jahre alten Sohn – also nein. Ich liebe meine Arbeit und ich liebe meine Familie. Früher bin ich ständig ausgegangen – aber das ist vorbei. Inzwischen bin ich weit vor Mitternacht im Bett, vor zehn, und stehe früh auf.

Sie werden 75 – wie fühlt sich das an?

Ich kann das gar nicht glauben, noch nicht mal aussprechen. Aber ich bin immer noch genauso energiegeladen, intensiv, fokussiert, unheilbar neugierig auf alles und motiviert wie immer. Ich habe immer noch diesen Hunger und diese Leidenschaft. Meine Frau sagt, dass ich immer noch mehr Energie habe als alle anderen und das stimmt wahrscheinlich. Eine große Party wird es aber nicht geben. Ich war schon immer schüchtern und introvertiert – und genau so jemanden habe ich auch geheiratet. Wir sind glücklich einfach nur miteinander zu Hause – aber nach außen hin arbeite ich an all diesen extravaganten und provokativen Projekten. Ich liebe meine Arbeit, ich liebe meine Familie und bin glücklich mit allem, was ich habe. Mir ist egal, was andere Leute haben. Ich bin der reichste Mensch der Welt.

Christina Horsten, dpa

Ian Schrager wurde am 19. Juli 1946 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren und gründete gemeinsam mit Steve Rubell (1943–1989) Ende der 70er Jahre den Nachtclub „Studio 54“. Drei Jahre tanzten dort die Stars der damaligen Zeit durch die Nächte. Dann wurden Schrager und Rubell unter anderem wegen Steuerhinterziehung verhaftet und landeten im Gefängnis. Heute besitzt Schrager, der zum zweiten Mal verheiratet ist und drei Kinder hat, mehrere Hotels. dpa

Ian Schrager.

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