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Alternativmedizin ist ein Religionsersatz, sagt Eckart von Hirschhausen.

Reformation

"Wir brauchen mehr unbändige Freude am Leben"

Der Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen schreibt an den Reformator Martin Luther: über Humor, wie wenig Essen noch mit Genuss zu tun hat und was Ärzte und Theologen heute gemeinsam haben.

Lieber Martin Luther,

darf ich Martin zu Dir sagen? Du kommst mir so vor wie ein Verwandter im Geiste. Wobei das wahrscheinlich viele sagen. Nun bin ich Arzt, und ich weiß: So viel hast Du von unserem Berufsstand nie gehalten: „Schlecht ist einer dran, wenn er auf ärztliche Hilfe angewiesen ist.“ Noch schlechter hast Du eigentlich nur über Theologen geredet. Und über Juristen. Gut, dass Du keiner geworden bist, so wie Dein Vater das wollte. Ich mag Deine Idee, dass alles, was die Menschen angeht, für die Menschen auch verständlich sein soll. Du hast das Kirchenlatein übersetzt und warst mir ein Vorbild darin, es Dir mit dem Ärztelatein gleichzutun. Für Deine Wortkraft können wir Deutsche Dir ewig dankbar sein, für neue Ausdrücke wie „Nächstenliebe“ oder das Wort „Denkmal“, das für mich auch immer wie ein Imperativ klingt, und für bildreiche Wendungen wie „Perlen vor die Säue werfen“.

Du warst Wegbereiter für die innere Freiheit, für Bildung und den Mut, sich für seine Meinung einzusetzen. Menschen wie Dich brauchen wir heute dringend wieder! Wie zufrieden bist Du mit dem Reformationsjahr? Du wurdest ja ganz schön rangenommen. Manche hätten sich auch gewünscht, Du wärst einfach drei Jahre früher gestorben – bevor Du verbittert und verbiestert Deine antisemitischen Schriften verfasst hast. Aber schweigen war ja nie Dein Ding, das mit dem Mönchstum ebenso wenig. Du hast so viel hinterlassen, dass sich jedes Jahrhundert zu jeder Feier das Passende herausgezogen hat. Oder neue „Zitate“ von Dir erfunden hat. Wenn ich wüsste, dass morgen das Reformationsjahr zu Ende ginge, würde ich heute noch einen Apfelkuchen essen. Das mit dem Apfelbaum pflanzen hast Du ja nie gesagt. Und was die Protestanten 2017 und darüber hinaus lernen dürfen: Wenn das Leben endlich ist – wann fangen wir endlich an, zu leben? Mal ganz ehrlich: Wenn morgen die Welt untergeht, pflanz keinen Baum! Lade Freunde ein und iss Apfelkuchen! Denn: „Der Himmel ist uns umsonst gegeben und geschenkt. Sei guter Dinge und freue Dich! Denn Gott ist Dein Freund.“

Du nanntest Dich Luther vom griechischen Wort „Eleutheros“, der Befreite. Das war sozusagen Dein Künstlername. Du hast die Freiheit des Christenmenschen begründet. Aber warst Du selber ein freier Mensch? Eine Zeit lang warst Du vogelfrei, was nichts anderes bedeutete, als dass jeder Dich töten durfte. Du warst ein Mann des Mittelalters, mit vielen Krankheiten und mit vielen Ängsten. Selbst in deinem Welthit „Ein feste Burg ist unser Gott“ ist die Welt voller Teufel. Heute steckt der Teufel nur noch im Detail, aber Krankheiten und Ängste gehören weiter zum Menschen dazu. Und der Mechanismus, mit Angst zu regieren, ist leider immer noch erfolgreich. Da hast frischen Wind in die Kirche gebracht, das Fundraising-Modell für den Petersdom infrage gestellt, und deswegen sind immer noch ein paar Leute sauer auf Dich.

Martin, Du hast auch gesagt: Wenn im Himmel nicht gelacht wird, möchte ich da gar nicht hin. Was mich als Deinen Reformationsbotschafter gefreut hat, wie viel du für den Humor übrig hattest: „Wer immer und überall lachen kann, der ist ein wahrer Doktor der Theologie.“ – „Wo Glaube ist, da ist auch Lachen.“ Und am Wichtigsten: „Woran erkennt man ein befreites Herz? Am Lachen!“

Was Du damals nicht wissen konntest: Inzwischen haben die Ärzte viele Aufgaben der Theologen übernommen. Was man zu Deiner Zeit noch mit Gott und dem Pfarrer ausgemacht hat, das verhandelt man heute mit seinem Palliativmediziner und der Krankenkasse. Du warst Vorreiter der Aufklärung und der wissenschaftlichen Revolution, was die Heilkünste enorm nach vorne gebracht hat. Allerdings ging auf dem Weg der Geist verloren, sogar in den konfessionellen Krankenhäusern. Der Mammon hat die Medizin voll im Griff. Ein Hospital war ja mal – vom Wort her – gedacht als ein Ort für Gäste. Und die Bezeichnung „Charité“ für das größte Krankenhaus Europas kommt ja nicht von „Shareholder Value“, sondern von „Caritas“, der Nächstenliebe. Dass Mitgefühl, Zuwendung und Hoffnung der Kern der abendländischen Medizin waren, weiß heute kaum einer mehr, und es kommt in den Fallpauschalen auch nicht vor. Dieses Wort kannst Du nicht kennen. Es ist der Ablasshandel der Mediziner mit den Kassen und führt zu ähnlichem Unsinn wie zu Deiner Zeit.

Was hast Du damals wirklich gemeint? Was hast Du gewollt? Du wolltest das Geschäft mit der Angst vertreiben. Als Du merktest, dass in Deiner Abwesenheit Deine Mitstreiter alle Bilder entfernten und die Liturgie umkrempelten und die Menschen im Gottesdienst gegen sich aufbrachten, hast du die Wartburg verlassen und sie mit einer Predigt wieder beruhigt: „Brauchen nicht alle Menschen eine Kindheit, in der sie liebevoll von der Mutter mit weicher Nahrung aufgezogen werden? Verlangt denn eine Mutter von ihren Kindern, dass sie sofort erwachsen werden müssen?“

Die Magie aus der Medizin vertrieben

Den Wittenbergern alles Gewohnte zu entziehen, wäre Dir „lieblos“ und daher unchristlich und auch sinnlos vorgekommen. „Auch soll man sich viel mehr mit den Sakramenten und ihren Kräften beschäftigen als mit den Sünden.“ Weißt Du, wo heute noch das Wort „Sünde“ vorkommt? Nur noch im Zusammenhang mit Essen! Bei jeder Sahnetorte spricht man von Sünde, als trennten uns Kalorien von Gott. Mit dieser Wärmeeinheit bereiten wir uns das Fegefeuer auf Erden, und wir verderben uns die Freude an allem, was Dir noch einfach gemundet hat. Jesus hat ja Wasser zu Wein verwandelt – und nicht in Rhabarberschorle. Das Christentum ist eine der wenigen Religionen, die den Rausch und das Feiern feiern. Wir vergessen das. Und auch, dass jeder Mensch ein Wunder ist und über Nacht aus dem ganzen Wein wieder Wasser machen kann!

Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus uns Menschen. Und je nüchternen und wortkarger die Ärzte daherkommen, desto mehr treiben sie die Menschen dorthin, wo mehr gesprochen, mehr versprochen und mehr berührt wird: in den ganzen schillernden Bereich der Alternativmedizin. Und so ergeht es auch Deiner evangelischen Kirche: Je nüchterner und abstrakter die Protestanten daherkommen, desto weniger fühlen Menschen sich da in all ihren Nöten verstanden und aufgehoben. Sie stimmen mit den Füßen ab und gehen mit ihrer Frömmigkeit lieber zur Iris-Diagnostik, weil ihnen da jemand in die Augen schaut, oder zum Homöopathen, weil sie da ganzheitlich gesehen werden.

Dass die Alternativmedizin ein Religionsersatz ist, merkt man spätestens, wenn man ihre Wirksamkeitsnachweise hinterfragt. Es sage bei einem gemütlichen Abendessen unter Freunden mal einer, dass Homöopathie auf einer sehr guten Kombination psychologischer Prinzipien und nicht auf den Kügelchen beruht, dann schicken sie einen so humorlos in die Verbannung in die Küche wie Dich damals auf die Wartburg. Zu Deiner Zeit war man ohne ärztliche Behandlung ja besser dran als mit. Der Aderlass ist ein gutes Beispiel: Offensichtlich schwächte es den Körper, ihm sinnlos Blut abzuzapfen, aber die Praxis hielt sich über Jahrhunderte, weil sie eine Opfergabe mit einem dramatischen Ritual verband. Auch irreale Vorstellungen haben reale Konsequenzen. „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, sagt Mephisto, aber haben wir Protestanten vielleicht mit der Verbannung alles Mystischen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet? So wie Du zu recht gegen Ablass und Aberglauben gekämpft hast, haben Deine Nachfolger vergessen, dass hinter dem faulen Zauber auch ein legitimes Bedürfnis nach Verzauberung steckt. Und nach sozialer Unterstützung.

In Deiner Kirche wird so sehr auf das Wort gesetzt, dass vergessen wurde: Worte brauchen auch Taten. Und „Performance“. Du warst ja offenbar ein Naturtalent der Verkündigung, glaubhaft, weil du ein „Wounded Healer“ warst, wie die Schamanen das nennen. Du hast selber Krankheiten und Krisen durchgemacht und konntest deshalb anderen von deiner Erfahrung etwas mitgeben. Aber wo hat körperliches Leid noch einen Platz in der Amtskirche?

Natürlich ist es unseriös, zu sagen: „Bete, und alles wird wieder gut!“ Noch schlimmer ist es zu sagen: „Du bist krank geworden, weil du nicht gebetet hast!“ Aber daneben muss es doch eine Form geben, die verantwortlich und fürsorglich ist! Von der Kanzel wird im Gottesdienst vorgelesen, wer gestorben ist. Für wen ist das wichtig? Wäre es nicht wichtiger zu sagen, wer krank geworden ist; wer sich über einen Besuch besonders freuen würde; wer um Beistand bittet? Dafür gibt es doch Gemeinde, und jemanden, der drei Türen weiter wohnt. So wie Du das Priestertum aller Gläubigen begründet hast, gibt es auch ein „Heilertum“ aller Gläubigen. Nicht als Aufforderung zur Selbstüberschätzung, aber wir alle haben „heilende Hände“ am Ende unserer Arme: wenn wir anpacken, jemandem die Hand halten oder auf die Schulter klopfen.

Vielleicht ist Dein großes Jubiläum ja ein guter Moment darüber nachzudenken, was wir Dir alles unterjubeln, obwohl es gar nicht von Dir gedacht und gewollt war. Ein guter Moment auch, uns ein bisschen von der Kargheit und Wortlastigkeit zu befreien und eine kleine „Gegenreformation“ zu starten: zu mehr Miteinander und Füreinander, zu mehr Sinnlichkeit und Körperlichkeit in der Kirche, und zu mehr Ekstase und unbändiger Freude am Leben. Ja, wir werden alle eines Tages sterben. Aber an allen anderen Tagen eben nicht! Und wenn es eine frohe Botschaft gibt, dann sollte man das den Menschen, die sich auf sie berufen, auch anmerken. Oder?

Lieber Martin, ich bin gespannt auf Deine Antwort. Du weißt ja, wie Du Menschen erreichst!

Herzlich,

Dein Eckart von Hirschhausen

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