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In zwei Kliniken haben die Ärzte eine gravierende Infektion bei Klaus Grandzinski übersehen.

Interview

„Wir brauchen eine Sicherheitskultur“

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Stefan Gronemeyer über eine Meldepflicht für Fehler und ein Umdenken der Ärzteschaft.

Stefan Gronemeyer ist Vize-Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen. 

Herr Gronemeyer, das Thema Behandlungsfehler wird zwar seit Jahren diskutiert, aber aus Sicht der Patienten gibt es keinerlei Verbesserungen. Oder täuscht der Eindruck?
Nein. Unsere Bilanz ist ernüchternd. Wir beobachten immer wieder die gleichen Fehler, auch immer wieder solche, die eigentlich nie passieren dürfen. Diese sogenannten Never-Events sind besonders folgenschwer, aber sehr leicht vermeidbar. Jedes Jahr kommt es wieder vor, dass bei Operationen Instrumente oder Tupfer im Körper vergessen, die falschen Körperteile operiert oder Patienten verwechselt werden.

Wie kann das sein?
Fehler in der Medizin sind bei uns immer noch ein Tabuthema – trotz aller Bemühungen, dies zu ändern. Es gibt so gut wie keine Transparenz, keine systematische Aufarbeitung. Ärzte, so das von vielen Medizinern immer noch gepflegte Bild, machen keine Fehler. Und wenn es doch einmal passiert, dann wird oft behauptet, es sei einzig und allein die Schuld oder das Versagen eines Einzelnen. Dem will sich natürlich kein Arzt aussetzen. Deshalb erzeugt diese Art der Auseinandersetzung eine starke Abwehrhaltung gegenüber einer offenen Fehlerdebatte. Die Folge ist, dass Deutschland in Sachen Patientensicherheit internationalen Standards hinterherhinkt.

Stefan Gronemeyer.

Was muss geschehen?
Wir brauchen in der Medizin eine echte Sicherheitskultur, ähnlich wie in der Luftfahrt. Auch in der Medizin passieren Fehler. Sie sind aber in aller Regel nicht auf das Versagen eines Einzelnen zurückzuführen, sondern sie entstehen in komplexen Prozessen, an denen viele Menschen beteiligt sind. Anstelle eines Bloßstellens und persönlicher Schuldzuweisungen müssen also die Abläufe auf den Prüfstand gestellt werden. Dieser Paradigmenwechsel ist unabdingbar. Ich appelliere an die Ärzteschaft, das zum Schwerpunkt zu machen. Kleinreden hilft nicht weiter.

Was braucht es darüber hinaus?
Es gibt, anders als in anderen Ländern, kein Meldesystem für fehlerbedingte Schadensereignisse und damit auch keine aussagefähige Statistik. Wir verfügen nur über Daten der Fälle, in denen sich Patienten bei den Krankenkassen oder den Ärztekammern beschwert haben, dass bei ihrer Behandlung etwas schiefgelaufen ist. Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung hat im vergangenen Jahr etwa 3500 Behandlungsfehler bei derartigen Fällen registriert, die Ärztekammern rund 1800. Diese Zahlen zeigen aber nicht das tatsächliche Ausmaß des Problems. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs.

Von wie vielen Fällen muss man ausgehen?
Nach sehr guten Studien und wissenschaftlichen Erhebungen liegt die Zahl der Behandlungsfehler beim 30-fachen dieser Meldungen. Man muss also von mehr als 150 000 Fällen ausgehen. Anders ausgedrückt: In einem Prozent aller Krankenhausbehandlungen tritt ein vermeidbarer Schaden ein. In 0,1 Prozent der Fälle führen solche vermeidbaren, unerwünschten Ereignisse sogar zum Tod.

Was nutzt eine Statistik?
Nur so können wir feststellen, wie groß das Problem tatsächlich ist und welche Arten von Fehlern gemacht werden. Dann kann man gezielt Schritte zur Vermeidung einleiten und später anhand der Daten kontrollieren, ob diese auch wirklich geholfen haben. Die seit Jahrzehnten mit großem Aufwand erhobene Statistik der Berufsunfälle hat maßgeblich dazu beigetragen, die Zahl der Verletzten und Getöteten in diesem Bereich massiv zu senken. Und ohne die Verkehrsunfallstatistik gäbe es wahrscheinlich heute keine Gurtpflicht.

Interview: Timot Szent-Ivanyi

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