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Eine weiße Piste bei strahlender Herbstsonne: Auf der Resterhöhe in den Kitzbüheler Alpen startete die laufende Skisaison schon am 13. Oktober.

Wintersport

„Skitourismus mit der Brechstange“

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Österreichs Skigebietsbetreiber gehen an die Grenzen von Natur und Gesetz, um Wintersportler zu locken.

Grotesk. Und zwar „zunehmend grotesk“ sei der Wintertourismus in Tirol. Mit diesen Worten hatte der Tiroler Grünen-Politiker Michael Mingler seinem Ärger auf Twitter Luft gemacht. Unmutsgrund war der frühe Beginn des Skipistenbetriebes der Kitzbüheler Bergbahn – am 13. Oktober, so früh wie noch nie, bei 20 Grad und strahlendem Sonnenschein. Von den grünen Wiesen auf der Resterhöhe, die von einer einsamen weißen Piste aus Altschnee durchschnitten wurden, ist heute nichts mehr zu sehen. Inzwischen freut sich ganz Tirol über reichlich Schnee – vom Himmel, nicht aus den Depots.

Doch sind die Bilder von der Resterhöhe trotzdem kein Schnee von gestern. Vielmehr haben sie die Debatte um den zunehmenden Druck auf die Alpen durch den expandierenden Skitourismus nachhaltig befeuert. Georg Kaltschmid, Tourismussprecher der Tiroler Grünen, sprang seinem Parteikollegen bei und kommentierte: „Sowas darf es eigentlich nicht geben.“

Die Kitzbüheler Bergbahnen haben solche Bilder aber möglich gemacht. Wohl gemerkt nicht mit Schnee aus der Kanone, darauf legt Josef Burger, Vorstand der Kitzbüheler Bergbahn, wert. Auf Anfrage unterstreicht er nachdrücklich, dass für den frühen Saisonstart konservierter Altschnee aus den Depots genommen worden sei. Burger spricht daher von einer „ökologisch nachhaltigen Vorgehensweise“, weil der aufbewahrte Schnee „recycelt“ werde. Nur eines konnte Burger freilich nicht zurückweisen: „Ohne Zweifel kann man eine Schneezunge umgeben von Almweiden unterschiedlich und durchaus auch kritisch bewerten.“

Zumal zu einer Zeit, in der man noch im T-Shirt draußen sitzen konnte. Kein Wunder, dass die Aktion einen Shitstorm in den Sozialen Medien auslöste. Zu Recht, sagt Rudolf Erlacher, der Vizepräsident des Deutschen Alpenvereins. „Aber wenn auch neunzig Prozent den Kopf schütteln, bleiben immer noch zehn Prozent, die anbeißen.“ So scheint auch Burger kalkuliert zu haben – und seine Rechnung ging auf: Am 13. Oktober kamen rund 2000 Wintersportler auf die Resterhöhe, darunter auch zahlreiche Deutsche. „Aus diesen Zahlen ist ersichtlich, dass das frühe Skisportangebot nicht nur betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, sondern auch regionalwirtschaftlich positive Wertbeiträge liefert“, sagt Burger.

Ein Foto der weißen Piste in grüner Almlandschaft wollte die Bergbahn Kitzbühel trotzdem nicht zur Verfügung stellen. Michael Mingler und Georg Kaltschmid dafür umso lieber. Aber wirklich glaubwürdig sei die Aufregung der beiden Grünen-Politiker angesichts der ausufernden Alpenbelastung nicht, sagt Liliana Dagostin vom Österreichischen Alpenverein. Denn, so Dagostin: „Die Grünen sind verantwortlich dafür, dass das neue TSSP Wirklichkeit werden konnte.“

Erlaubte Erweiterung

TSSP – das ist die Abkürzung für das Tiroler Seilbahn- und Skigebietsprogramm, das die schwarz-grüne Landesregierung im Dezember geändert hat. Das Raumordnungsprogramm regelt, in welchen Fällen sich Skigebiete mit zusätzlichen Seilbahnen und/oder Pisten erweitern dürfen. „Die Neuerschließung von Schigebieten und die Neuerschließung von Gebieten für sonstige Freizeit-, Sport- und Erholungszwecke sind nicht zulässig“, heißt es darin nach wie vor. Doch Dagostin stellt klar: „Sobald ich zwei Skigebiete habe, die über einen komplett unberührten Raum drüberfahren, ist es keine verbotene Neuerschließung der unberührten Landschaft dazwischen, sondern eine erlaubte Erweiterung, weil der Ausgangspunkt, der betrachtet wird, die zwei Skigebiete sind. Und das ist aus unserer Sicht eine Irreführung.“

Kaltschmid spricht lieber von den sich verändernden Klimabedingungen bei der Frage, was für ihn die größte Belastung der Alpen darstellt. Bilder wie die von der Resterhöhe seien tourismusschädigend, und schließlich ist er als nebentätiger Hotelier auch auf Touristen angewiesen, die zum Skifahren möglichst zahlreich nach Tirol kommen. Er ist aber gegen einen „Skitourismus mit der Brechstange“, wie ihn längst nicht nur die Bilder von der Resterhöhe belegten: „Hier werden Grenzen überschritten.“

Protest und Petition: Drei der 13 500 Menschen, die gegen die Verbindung von Hochoetz und Kühtai sind.

Das lässt sich durchaus auf weitere Skigebiete in Österreich beziehen: Die Pitztaler Gletscherbahnen haben im vergangenen Jahr rund 8500 Kubikmeter Fels abgetragen, um einen für sie wichtigen Skiweg breiter zu machen. Während die Betreiber von „ordentlichen Instandhaltungsarbeiten“ sprechen, da zuvor ein Teil des weggesprengten Felsens abgebrochen war, sind sich die Behörden einig, dass die Sprengung illegal war – und haben eine Teilsperrung des Skiwegs verhängt.

Liliana Dagostin schüttelt da zum wiederholten Mal den Kopf über die Pitztaler Skiliftbetreiber. „Die Tatsache, dass diese Maßnahme ohne Bewilligung erfolgt ist, ist nichts Besonderes“, sagt sie und verweist auf eine illegal errichtete Talabfahrt von 2006, die erst im Nachhinein als „Notweg“ genehmigt wurde. Die aktuelle Sprengung sei aber sehr wohl etwas Besonderes. „Aufgrund der vielen Kubikmeter, die man hier in die Luft gejagt hat. Es war ein ganzer Berg“, sagt Dagostin.

Umso brisanter, da Pitztal seit Jahren auf grünes Licht für den Zusammenschluss mit Sölden im benachbarten Ötztal hofft. Nach den Plänen beider Parteien soll hier das größte Gletscherskigebiet Europas entstehen, frei nach dem verklärenden Bild einer „Gletscher-Ehe“, das die Projektbeteiligten beschwören. Liliana Dagostin indes gießt Wasser in den Wein: „Das Projekt sieht eine zusätzliche Pistenfläche von 64 Hektar vor. Das sind enorme Eingriffe. Man kleckert nicht, man klotzt.“ Entsprechend hofft sie, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung negativ ausfällt. Jedenfalls bekämpft der Alpenverein das Projekt nicht mehr auf einsamem Posten, inzwischen mehren sich die Stimmen derer, die nach der illegalen Sprengung im Pitztal rufen: „Keine Erweiterungsbewilligung für Gesetzesbrecher.“

Wettbewerbsfähig bleiben

Andernorts müssen Österreichs Skigebietsbetreiber nicht erst das Gesetz brechen, bis die Expansionsbestrebungen der Seilbahner Gegenwind bekommen: Rund 13 500 Menschen haben die Petition „Nein zur Zerstörung von Feldringer Böden und Schafjoch“ von Gerd Estermann unterschrieben, der schon gegen die Verbindungspläne der Skigebiete Kühtai und Hochoetz vor seiner Haustür mobil gemacht hat, als diese nur gerüchtehalber bekannt waren. „Neuerschließungen und Skigebietserweiterungen führen zur Zerstörung von Landschaft und Natur und schränken den Erholungswert eines Gebietes erheblich ein“, heißt es in dem Petitionsschreiben, mit dem Estermann im vergangenen Jahr online gegangen ist.

Doch die Bergbahnen Hochoetz und Kühtai wollen ihre zusammengezählt 80 Pistenkilometer nicht länger nur durch einen kostenlosen Skibus verbunden wissen. Auch soll es „mehr als ein bloßer Bus-Ersatz über den Berg von einem Skigebiet ins andere“ sein, wie der Geschäftsführer der Bergbahnen Kühtai, Philip Haslwanter, die vorgestellten Pläne vergangene Woche kommentierte. Im Gespräch mit der FR bestätigte Haslwanter, dass eine Verbindung der beiden Skigebiete via Seilbahn „aus skitouristischer Sicht keine Lösung“ sei, wenn dabei keine zusätzlichen Pistenkilometer herumkämen. „Wir sind aktuell zwei kleine Skigebiete und wollen ein mittleres Skigebiet werden, um wettbewerbsfähig zu bleiben.“

Und so ist es nun auch geplant: Von Hochoetz und Kühtai soll eine Seilbahn hinauf zum Schafjoch führen. Hinzu käme eine dritte Seilbahn, die in ein skitechnisch noch nicht erschlossenes Gebiet westlich der Feldringer Böden führt. So sollen auf 38 Hektar zusätzliche 15 Pistenkilometer gewonnen werden. „Die Feldringer Böden haben wir von Anfang an außen vor gelassen“, sagt Haslwanter, jedoch sei das betroffene Gebiet auf dem Schafjoch „ein Waldrücken wie jeder andere auch“.

„Wir wollen hier keinen Massentourismus“, sagt Cornelia Lackner.

Gerd Estermann überzeugt das nicht: „Die Feldringer Böden und das Schafjoch bilden eine kleinräumige landschaftliche und ökologische Einheit. Die Trennung gibt es nur in den Köpfen der Seilbahner und Touristiker, die ausschließlich den ökonomischen Aspekt sehen.“

Diesen Vorwurf an die örtlichen Skigebietsbetreiber erhebt auch Bio-Bäuerin Cornelia Lackner im 200 Kilometer entfernten Piesendorf im Salzburger Land, einem Vorort von Zell am See. Dort verbindet sich die Schmittenhöhebahn bis zur nächsten Saison nach Norden hin mit dem Skicircus Saalbach-Hinterglemm, sodass sich dann das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs von Fieberbrunn in Tirol bis Zell am See in Salzburg erstrecken wird.

Doch wollen die Betreiber der Schmittenhöhebahn mehr: Seit Jahren kämpfen sie dafür, von der Schmittenhöhe aus den Hochsonnberg am Fuße Piesendorfs skitechnisch zu erschließen. Dafür sollten die Lackners anfangs sogar das Feld auf dem Hochsonnberg räumen, wo sie auf 1700 Metern eine Alm mit Rasserindern betreiben. „Das kam überhaupt nicht in Frage“, sagt Cornelia Lackner. Enteignet werden können sie zwar nicht, trotzdem sorgt sich die Bio-Bäuerin um „die landwirtschaftlich-bäuerliche Kultur“ im Ort und auf der Alm. „Wir wollen keinen Massentourismus hier.“ Daher hat Cornelia Lackner die Bürgerinitiative „Rettet den Hochsonnberg“ gegründet. Gut 250 Piesendorfer haben bereits unterschrieben, um die Pläne von Schmitten-Vorstand Erich Egger zu verhindern.

Seinen Plänen zufolge soll in Piesendorf auf 730 Metern Höhe eine Talstation mit Parkmöglichkeiten für 700 Fahrzeuge entstehen. Von dort aus soll es mit vier Liften hinauf zum rund 2200 Meter hohen Hochsonnberg gehen, inklusive Pisten hinunter zur Talstation und hinüber zur Schmittenhöhe, deren Gipfel 200 Meter tiefer liegt. Im Gespräch mit der FR erklärt Egger, warum für ihn der Hochsonnberg so interessant ist: „Die Erweiterung im Höhenbereich ist im Hinblick auf den Klimawandel ganz wichtig. Wir wissen, dass wir im Höhenbereich in den nächsten 50 Jahren künftig weiterhin Winter haben werden.“ Und die Schneesicherheit, so Egger, sei nach der Größe des Skigebietes das zweite, ausschlaggebende Kriterium, nach dem Skifahrer ihre Winterdestination auswählten.

Dabei sei der Hochsonnberg alles andere als schneesicher, je weiter man von seinem Gipfel hinabsteige, sagt Cornelia Lackner: „Der Hochsonnberg ist – wie der Name schon sagt – ein äußerst sonnenbestrahlter Süd-West-Hang. Der Pistenbetrieb ist nur durch eine flächenhafte Dauerbeschneiung möglich.“ Auf ihrem Handy zeigt die Bäuerin Fotos von grünen Bergweiden, aufgenommen am 24. Dezember 2018.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die Schmittenhöhebahn ihre bislang bestehenden Pisten bereits mit Schneekanonen präpariert. „Die Beschneiung macht man im Herbst, um eine Grundbeschneiung herbeizuführen, damit man den Start der Saison absichert. Und wenn im Laufe der Saison kein Schnee mehr kommt, dann hat man ein Angebot.“ So sind auch auf dem Hochsonnberg ein Speicherteich und eine Beschneiungsanlage vorgesehen, um die natürliche Schneesicherheit im Höhenbereich gen Tal künstlich gewährleisten zu können.

Höchste Instanz muss entscheiden

Cornelia Lackners Bürgerinitiative und der Österreichische Alpenverein sind nur zwei von insgesamt vier Parteien, die Einspruch gegen das Projekt erhoben haben, nachdem das Land Salzburg der Schmittenhöhebahn bereits vor zehn Jahren grünes Licht gegeben hatte. Es liegt nun bei der höchsten Instanz, dem Verwaltungsgerichtshof in Wien, auf dem Schreibtisch. Liliana Dagostin sagt, es gehe dabei um mehr als den empfindlichen Rückzugsort der alpenweit bedrohten Raufußhühner, die auf dem Hochsonnberg leben: „Man erweitert im Bewusstsein, dass man alles machen kann durch technische Beschneiung. Und das ist aus unserer Sicht das falsche Zeichen in Zeiten des Klimawandels.“

Ihr Alpenvereins-Kollege Rudolf Erlacher nennt es gar „schlitzohrig“, dass Skibetreiber ausgerechnet mit dem Klimawandel argumentieren, um sich – wie Egger um den Hochsonnberg – zu erweitern: „Es geht nicht nur darum, dass der Klimawandel diesen Skigebieten das Leben schwer macht wegen der Schneesicherheit, sondern es ist ein wohlfeiles Argument, um alte Interessen, nämlich das Erweitern des Skigebietes in diese Räume hinein, auszuargumentieren.“

Egger führt derweil an, dass die Einbindung Piesendorfs an sein Skigebiet auch der Gemeinde zugute käme. Es gäbe in der Region „keinen Plan B“, der Skitourismus sei alternativlos. „Niemand sollte uns das Recht absprechen, dass diese Form des Tourismus vielen Menschen Arbeit gibt und ein gutes Einkommen verschafft. Letztlich ist es auch eine deutlich geringere Belastung als wenn wir hier Industrie hätten.“

Bei Cornelia Lackner verhält es sich etwas anders. Sollte das Projekt Schmittenhöhe genehmigt werden, würde eine Piste direkt an ihrer Alm vorbeiführen und deren Betrieb erheblich beeinträchtigen. Und selbst ihrem zweiten Standbein könnte die Erweiterung zum Nachteil gereichen: In ihrem Bauernhaus vermietet sie sechs Zimmer an Touristen. „Und die kommen, weil sie hier Ruhe und Natur suchen – keinen Massentourismus.“

Zahlen und Fakten

Allein im Land Tirol, das etwa halb so groß ist wie Hessen, gibt es 93 Skigebiete. Mit 305 Pistenkilometern ist Ski Alberg Tirols größtes, zusammenhängendes Skigebiet.

Im Land Salzburg ist der Skicircus Saalbach-Hinterglemm-Leogang-Fieberbrunn das Größte der 52 Skigebiete des Landes. Seit dem Anschluss

von Fieberbrunn, das sich mit seinen ehemals eigenständigen 40 Pistenkilometern als das

„best versteckte Skigebiet Tirols“ vermarktet hat, bringt der Skicircus nun 270 zusammenhängende Pistenkilometer zusammen – und ab nächster

Saison 77 mehr, wenn die Skiregion Zell am See angeschlossen ist.

Die Zahl der Touristen, die in der Skisaison in Tirol nächtigen, hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf durchschnittlich 25 Millionen eingependelt. Im Land Salzburg beläuft sich die Zahl

auf 14 Millionen. Dass die Zahlen stagnieren, ist einer der Gründe, weshalb sich Skigebiete ver-größern wollen.

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