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Schneemassen und Kälte

Winter-Extrem: Hunderte Autofahrer stecken über Nacht auf Autobahnen fest

  • Joachim Wille
    vonJoachim Wille
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Der extreme Wintereinbruch sorgt in ganz Deutschland für Chaos. In der Nacht stecken Hunderte Autofahrer auf Autobahnen fest.

  • Deutschland erlebt einen der kältesten Winter seit längerer Zeit. Grund dafür ist ein „Polarwirbel-Split“.
  • Der „Jahrundertwinter“ 78/79 war dennoch kälter als der aktuelle Winter.
  • Das Kältehoch „Gisela“ sorgt für Dauerforst. Autofahrer und Pendler erleben erhebliche Einschränkungen.

Update vom Dienstag, 9.2.2021, 8.39 Uhr: Auf zahlreihen Autobahnen in Deutschland kam es in der Nacht zum Dienstag zu erheblichen Verkehrsbehinderungen und langen Rückstaus aufgrund von Schnee und Glätte. Bei eisigen Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt und starken Schneefällen mussten sogar einige Autobahnabschnitte voll gesperrt werden.

Am schlimmsten betroffen war ein Abschnitt der Autobahn A2 bei Bielefeld. In der gesamten Nacht kam es dort zu starken Schneefällen. Mehrere LKW blieben liegen, die Autobahn musste von der Polizei in beide Richtungen gesperrt werden. Hunderte Autofahrer mussten die Nacht bei klirrender Kälte in ihren Autos verbringen. Wie „tagesschau.de“ berichtet bildete sich zweitweise ein etwa 37 Kilometer langer Stau.

Autofahrer werden mit Decken versorgt - Polizei registriert Verstöße gegen LKW-Fahrverbot

Auch im weiteren Verlauf der A2 bei Dortmund kam es zu langen Staus, nachdem sich dutzende Lastwagen festgefahren hatten. Dort registrierte die Polizei darüber hinaus insgesamt 340 Verstöße gegen das Fahrverbot von Lastwagen von über 7,5 Tonnen. Auch auf der A4 in Osthessen mussten Autofahrer teilweise bis zu 15 Stunden in ihren Autos verharren. Die jeweiligen Einsatzkräfte vor Ort versorgten die Insassen mit Decken und warmen Getränken.

Lkws und Autos stehen auf der Autobahn 2 im Stau. Auf der A2 bei Bielefeld verbrachten Fahrer zum Teil die ganze Nacht auf der Straße und mussten bei klirrender Kälte in ihren Autos ausharren.

Ebenfalls vom Wintereinbruch betroffen ist der Schienenverkehr. Der Verkehr auf zahlreichen Strecken im Fernverkehr wurde komplett eingestellt. So auch auf den Hauptverkehrslinien zwischen Hamburg und dem Ruhrgebiet, zwischen Leipzig und Dresden und von Hamburg in Richtung München und Köln. Die Bahn kündigte an, im Laufe des Dienstag-Vormittag bekanntzugeben, wann der Verkehr wieder aufgenommen werden kann. Mit Ausfällen und Verspätung muss aber weiter gerechnet werden.

Extreme Wetterlage: Eisige Temperaturen und bergeweise Neuschnee

Erstmeldung vom Montag, 7.2.2021, 17.11 Uhr: Frankfurt - Unwetter und bergeweise Schnee im Norden und Osten; Glatteis, Regen und Sturm in der Mitte; vergleichsweise milde Temperaturen im Süden – es herrscht eine Wetterlage, die hierzulande wirklich selten ist. Jene, die sich auskennen, ziehen bereits Vergleiche zum Rekordwinter 1978/79, der allerdings noch heftiger zuschlug.

Der aktuelle, extreme Wintereinbruch in der Nordhälfte Deutschlands ist die Folge einer Störung des Polarwirbels – eines sogenannten „Polarwirbel-Split“. Dabei strömt sehr kalte Luft bis nach Mitteleuropa. Der Polarwirbel ist ein Wirbel aus Frostluft, der sich im Winter über dem kalten Nordpol in der Stratosphäre ausbildet – in zehn bis 50 Kilometern über der Erde. Er wird normalerweise von kräftigen Winden, über 250 Stundenkilometer schnell, umschlossen. Sie wirken wie eine feste Grenze, lassen die polare Luft normalerweise nicht entweichen.

Plötzlich 40 Grad wärmer in 30 Kilometer Höhe durch „Polarwirbel-Split“

Allerdings kann es geschehen, dass warme Luft in den Polarwirbel eindringt und ihn dann sogar teilt – so geschehen in diesem Winter. Zugleich kehrten sich die Strömungsverhältnisse um, vom Westwind verwandelte er sich in einen Ostwind.

Raues Rügen: Ein einsamer Wanderer auf einem windumtosten Acker bei Puttgarden.

Ursache für einen „Polarwirbel-Split“ ist ein plötzlicher Temperaturanstieg in der Atmosphäre über dem Nordpol. Tatsächlich kam es Anfang Januar zu einer starken Erwärmung rund um das Polargebiet. „Die Temperatur in etwa 30 Kilometer Höhe ist in kurzer Zeit von minus 80 Grad auf minus 40 Grad angestiegen und dann auf diesem Niveau verblieben“, erläutert Meteorologin Verena Leyendecker von „wetteronline“. Diese Entwicklung wird nach dem Berliner Meteorologen Richard Scherhag auch „Berliner Phänomen“ genannt. Die Folge: Der Temperaturgegensatz zwischen der Arktis und den weiter südlich liegenden Regionen verringerte sich, der „Motor“ des Polarwirbels erstarb. Somit wurde auch das für das Wetter in Mitteleuropa wichtige Starkwindband „Jetstream“ instabil: Es „schlingerte“, wodurch kalte Polarluft in den letzten Wochen ungewöhnlich weit nach Süden vordringen konnte, Spanien zum Beispiel bekam dadurch ungewohnte Schneemengen ab.

Die genaue Ursache für die plötzliche Erwärmung beim „Berliner Phänomen“ ist nicht klar

Die genaue Ursache für die plötzliche Erwärmung beim Berliner Phänomen, das Scherhag 1952 entdeckte und bis zu 50 Grad Temperaturdifferenz ausmachen kann, ist nicht klar. Die Klima-Anomalie „La Niña“ könnte daran beteiligt sein. Klimaforschende sehen allerdings Anzeichen, dass das Phänomen aufgrund der Erderwärmung häufiger auftritt. Ein wahrscheinlicher Grund ist das Schwinden des arktischen Meereises und die zunehmende Erwärmung des Nordatlantik. Klimamodelle zeigen, dass der damit verbundene Wärmeeinstrom in die Atmosphäre die plötzliche Temperaturerhöhung in der Stratosphäre fördert. „Wir fanden heraus, dass es bei diesem Polarwirbel in der Stratosphäre einen Wandel zu länger anhaltenden Schwächezuständen gibt“, erläutert die Expertin Marlene Kretschmer vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK), die 2017 an einer Studie zu dem Thema beteiligt war.

Konkret heißt das: Schmilzt das Meereis nördlich von Skandinavien und Russland, gibt der dann offene Ozean mehr Wärme in die Luft ab. Das wiederum beeinflusst die Stratosphäre und bringt dadurch die Polarwinde durcheinander. Die Folge ist, dass es trotz Erderwärmung in Europa oder Nordamerika zu heftigen Wintereinbrüchen kommen kann. Kretschmers Fazit: „Tatsächlich erklärt dies die meisten beobachteten Kälteextreme in den eurasischen Wintern seit 1990.“

Trotz Polarwirbel-Split: Der „Jahrhundertwinter“ 78/79 war härter

Die Ursache für die aktuelle Zweiteilung des Wetters über Deutschland ist, dass Nord und Süd sich unter dem Einfluss verschiedener Systeme befinden. Vom Nordmeer bis ins östliche Mitteleuropa herrscht hoher Luftdruck, wodurch die sehr kalte Luft aus der Polarregion direkt in den Norden des Landes fließen konnte. Der Süden hingegen wurde beeinflusst durch das Tiefdruckgebiet „Tristan“, das feucht-milde Luft heranströmen ließ. Normalerweise sind die Tiefs nicht etwa in Mitteleuropa, sondern auf nördlicheren Bahnen unterwegs – auf der Höhe von Island und Nordskandinavien. Aktuell aber verändert das Zusammenbrechen des Polarwirbels die Zugbahnen.

Ein Vergleich mit ähnlichen Konstellationen in früheren Jahrzehnten liegt da nicht fern, etwa mit dem „Jahrhundertwinter“ 1978/79. Damals setzten kurz vor dem Jahreswechsel extremer Schneefall und Stürme ein, vor allem im Norden, dann auch im Osten Deutschlands. Die Temperaturen sanken so weit ab, dass die Ostsee zufror und der Schiffsverkehr in zahlreichen Häfen zum Erliegen kam. Viele Orte waren tagelang von der Außenwelt abgeschnitten, der Strom fiel aus, teils wurden eingeschlossene Menschen per Hubschrauber aus der Luft versorgt. Im Februar 1979 kam es dann zu weiteren starken Schneefällen, in mehreren Landesteilen musste erneut Katastrophenalarm ausgerufen werden. Selbst im normalerweise milden Frankfurt am Main lag in diesem Winter an 48 Tagen eine Schneedecke, und die tiefste Temperatur erreichte minus 17 Grad.

Das Kältehoch „Gisela“ sorgt für Dauerfrost in Deutschland

Es ist trotz der aktuellen Unwetter und Kältehoch „Gisela“, das in der neuen Woche laut dem Deutschen Wetterdienst die Wetterregie mit Dauerfrost außer im äußersten Süden übernimmt, unwahrscheinlich, dass der Winter 2020/21 am Ende an solche Extreme heranreichen wird. Der Dezember mit seinem typischen Schmuddelwetter war, gemessen am Mittelwert aus der international gültigen Referenzperiode 1961 bis 1990, rund 2,3 Grad zu warm. Und auch der Januar lag etwa ein Grad darüber. Um an den Winter 1978/79 heranzureichen, der über drei Grad zu kalt war, müsste der Februar die Wärme von Dezember und Januar nicht nur ausgleichen, sondern bundesweit wirklich sibirisch werden. (Joachim Wille)

Rubriklistenbild: © Festim Beqiri/dpa

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