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Winston Churchills grimmiger Blick

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Von: Gerd Braune

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Das Churchill-Porträt von Yousuf Karsh. Das Bild ziert auch eine Banknote.
Das Churchill-Porträt von Yousuf Karsh. Das Bild ziert auch eine Banknote. © Yousuf Karsh/Library and Archive

Den erntete 1941 der Fotograf Yousuf Karsh, hatte er dem Politiker doch eben die Zigarre weggenommen. Das Foto wurde berühmt - und nun aus einem Hotel in Kanada gestohlen.

Dreister Diebstahl in Kanadas Hauptstadt Ottawa: Aus dem Lesesaal des renommierten Hotel Chateau Laurier wurde ein Porträtfoto des britischen Premierministers Winston Churchill gestohlen. Es ist das berühmteste Foto Churchills, gemacht und signiert vom kanadischen Fotografen Yousuf Karsh, einem der profiliertesten Porträtfotografen des 20. Jahrhunderts. Erst jetzt wurde der Diebstahl entdeckt, der bereits vor Monaten verübt worden war.

Yousuf Karsh hat unzählige Persönlichkeiten porträtiert. Das Foto des grimmig blickenden britischen Regierungschefs, ohne Zigarre im Mund, das Karsh am 30. Dezember 1941 im Parlament in Ottawa nach einer Rede Churchills schoss, ging unter dem Titel „The Roaring Lion“ in die Geschichte der Fotografie ein. Die Bank of England wählte das Porträt, als sie 2006 eine Fünf-Pfund-Banknote herausgab.

Karsh hatte von 1972 bis 1992 sein Studio im Hotel Chateau Laurier, das heute als Fairmont Chateau Laurier zur Accor-Gruppe gehört. Bis wenige Jahre vor seinem Tod im Juli 2002 in Boston lebte er dort mit seiner Frau Estrellita. Als er aus dem Hotel auszug, überließ er diesem eine Serie seiner Fotos. Alle Bilder, die Karsh in begrenzter Auflage in seinem Studio machte, sind handsigniert. Sie sind in der „Karsh-Suite“ des Hotels zu sehen und im Lesesaal des Hotels. Dazu gehörte auch das berühmte Foto Churchills.

Durch Fälschung ersetzt

„Die Fotos von Yousuf Karsh sind Teil der Geschichte des Chateau Laurier“, sagt Geneviève Dumas, Managerin des Fairmont-Hotels in Ottawa. „Deshalb sind wir so traurig, dass dieses besonders berühmte Foto gestohlen wurde.“ Vergangene Woche war einem Mitarbeiter aufgefallen, dass der Rahmen mit dem 50 mal 60 Zentimeter großen Bild, der bisher an vier Haken befestigt war, nur an einem Draht hängt und dass der Rahmen geringfügig kleiner war als die der anderen Karsh-Bilder im Saal. Jerry Fielder, langjähriger Mitarbeiter von Karsh und heute Kurator des Nachlasses stellte schnell fest, dass die Unterschrift auf dem Bild nicht die von Karsh ist – und das Bild nicht das Original, das dieser 1998 dem Hotel geschenkt hatte.

Inzwischen konnte der Zeitpunkt des Diebstahls auf die Zeit vom 25. Dezember 2021 und dem 6. Januar 2022 eingegrenzt werden. Das Chateau Laurier bat nun Gäste, die in den vergangenen Monaten im Lesesaal Fotos gemacht hatten, diese einzureichen, zudem wurde in den sozialen Medien nach Fotos des Porträts gesucht. Das letzte Foto, das eindeutig das Original zeigt, wurde von einem Besucher am 25. Dezember aufgenommen, das erste bekannte Bild der Fälschung am 6. Januar.

In diesen Zeitraum fällt der 80. Jahrestag der Rede Churchills. Steht jemand, der besonders an dieser Phase der Geschichte oder an Churchill interessiert ist, hinter dem Diebstahl? Churchill war nach Ottawa gekommen und hielt am 30. Dezember im Parlament eine historische Rede, mit denen er Großbritannien und befreundete Nationen auf den Krieg gegen Hitler einschwor. Karsh war damals ein bekannter Fotograf in Ottawa und von Kanadas Premierminister William Lyon Mackenzie King eingeladen, ein Foto von Churchill zu machen.

Karsh, der Promi-Fotograf

Churchill, der nach seiner Rede in guter Stimmung war und ein Glas eines von ihm geschätzten kanadischen Whiskey kredenzt bekam, stimmte zögernd einem Foto im Empfangszimmer des Parlamentspräsidenten zu. Natürlich hatte er eine Zigarre im Mund, als er sich setzte. Doch Karsh fand, dass es bereits zu viele Fotos des Politikers mit Zigarre gab. „Sir, ich habe einen Aschenbecher für Sie bereitgestellt“, sagte Karsh. Da Churchill keine Anstalten machte, die Zigarre abzulegen, nahm Karsh sie ihm kurzerhand mit einer freundlichen Entschuldigung aus dem Mund und ging zu seiner Kamera. Der verblüffte Churchill blickte den Fotografen grimmig an – Karsh schoss das Foto. „Er sah so angriffslustig aus. Er hätte mich verschlingen können“, sagte Karsh später.

„Mein Porträt von Winston Churchill veränderte mein Leben. Ich wusste, dass es ein wichtiges Foto ist, aber ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass es eines der auf häufigsten reproduzierten Fotos in der Geschichte der Fotografie würde“, sagte Karsh. Dieses Bild begründete seinen Ruf als Spitzenfotograf. Mehr als 15 000 Personen fotografierte er während seiner 60-jährigen Karriere. Er hinterließ mehr als 250 000 Negative, die in Nationalbibliothek und -archiv Kanadas aufbewahrt werden. Er fotografierte Spitzenpolitike, Künstler, Sportler – darunter Namen wie Dwight D. Eisenhower, John und Jacqueline Kennedy, Fidel Castro, Nikita Chrustschow, Martin Luther King, Albert Einstein, Konrad Adenauer, Queen Elizabeth und Pablo Picasso.

Wieviele Originale des Churchill-Bildes existieren, kann Jerry Fielder nicht sagen. Neue Abzüge der Negative werden nicht gemacht. Signierte Exemplare sind im Besitz mehrerer Museen und Privatsammler, diese kauften direkt bei Karsh. Ein Churchill-Bild schenkte Karsh 1987 dem kanadischen Parlamentspräsidenten John Fraser. In dessen Zimmer, in dem das Foto entstand, hing es bis 2018, als das Parlament wegen Renovierung geschlossen wurde.

Die Polizei in Ottawa ermittelt nun. Fielder, der 14 Jahre mit Karsh arbeitete, glaubt, dass der Diebstahl gut vorbereitet und geplant wurde. Dass das Foto auf dem Schwarzmarkt zu Geld gemacht werden kann, ist angesichts seiner Bekanntheit fraglich. Genevieve Dumas hofft, dass das Bild zurückgegeben wird. „Vielleicht bekommt die Person, die den Diebstahl verübte, Gewissensbisse und gibt das Foto auf irgendeine Weise zurück.“

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