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Das leicht Moppelige hat sich verflüchtigt, das Lächeln ist geblieben und sein Hang zur Ironie: Thronfolger Willem-Alexander.

König der Niederlande

Willem-Alexander: Mit Herz und ohne Krone

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Die Zeit des langen Wartens ist vorbei. Willem-Alexander wird zum König der Niederländer gekürt. Manchen ist er ein bisschen zu leger. Aber das Volk mag ihn, wie es überhaupt die Monarchie zu schätzen weiß.

Es war ein nervenaufreibender Tag, jener 30. April 1980 in Amsterdam. In der Innenstadt tobte eine Straßenschlacht mit Hausbesetzern. Hubschrauber kreisten in der Luft. Ganz in der Nähe der Proteste versagte Königinmutter Juliana gleich zweimal die Stimme, und auch Tochter Beatrix wirkte beim Amtseid als neue Königin sehr angespannt. Es ist ja selten, dass ein Monarch vereidigt wird. Der Purpurmantel der Oranier schien ein bisschen verblasst, die C&A-Besitzer Brenninkmeijer mussten mit Hermelin aus Familienbeständen aushelfen. Ganz vorn in der ersten Reihe der Nieuwe Kerk in Amsterdam saß ein etwas moppeliger, blonder Junge, er spürte die Hilflosigkeit der Mama und hob nur kurz den Daumen: Gut gemacht!

Am Dienstag steigt Willem-Alexander von Oranien, 46, nun selbst auf zum König der Niederlande. Das leicht Moppelige hat sich verflüchtigt, das Lächeln ist geblieben und sein Hang zur Ironie. Den Purpur will er anlegen, ansonsten aber wird er auf Einiges verzichten. Zur Zeremonie erscheint er in zivil und nicht in Uniform, das Militär hat als Requisite der Monarchie ausgedient. Er mag sich auch nicht Willem IV. nennen. Als König wird er Willem-Alexander I. sein. Hier also beginnt etwas Neues.

Tradition ist nicht alles. Aber sie bedeutet viel. Das lässt sich beobachten an diesem Tag im Frühling in Den Haag. Der Außenhandelsclub „De Maatschapij“, gegründet 1777, hat geladen in ein stolzes Bürgerhaus. Zwei Tramstationen weiter liegt das königliche Palais Noordeinde. Dort zieht bald der neue Hausherr ein. Und deshalb gibt Reinildis van Ditzhuyzen hier Wirtschaftsführern ein kleines royales Briefing. Als Reyna – spanisch für Königin – wird sie in Anspielung auf ihren Vornamen vorgestellt. Eigentlich ist van Ditzhuzyen Kunsthistorikerin, aber sie ist auch so etwas wie die niederländische Variante von Rolf Seelmann-Eggebert. Adelsexperte wird der ARD-Journalist oft genannt, das würde sie für sich nicht gelten lassen. Es klingt so nach Krönchen und Goldenes Blatt. Reinildis van Ditzhuyzen verkauft Geschichte. Mit leichtem Ton, aber ernst in der Sache. Das zeigt schon die akkurate Garderobe. Schwarzes Kleid, rote Strickjacke, goldene Halskette, perfektes Haar. An die Wand hinter ihr projiziert der Diaprojektor ein großes Bild von Willem-Alexander, davor führt van Ditzhuyzen durch die lange Geschichte des Hauses Oranien. Seit 1544 ist das Haus den Niederlanden verbunden. Nun soll Willem-Alexander die Geschichte weitererzählen. „Er wird sein Amt gut ausführen. Anders als seine Mutter, Königin Beatrix, aber gut“, sagt Reinildis van Ditzhuyzen. „Die Monarchie hat sich immer gewandelt.“

Die Enge des Palastes

Dass sich die Monarchie ändern wird, daran hat Willem-Alexander nie einen Zweifel gelassen. Schon als Kind war ihm alles Aufgesetzte fremd. Wenn die Mutter ihn wegen des gern gepflegten breiten Haager Dialekts rüffelte, hat der Schüler nur geantwortet. „Hör dich mal an, wie gestelzt das klingt im Fernsehen.“ Zwei Wochen vor seinem Machtantritt hat der Prinz jetzt selbst im Fernsehen geredet an der Seite seiner Frau Maxima. Willem-Alexander hat viel gescherzt und gelassen erklärt: „Ich bin kein Protokollfetischist. Die Menschen können mich so ansprechen, wie sie wollen.“

Noch ehe das Interview gesendet wurde, hatten Hollands Medien daraus eine Nachricht gemacht. Willem-Alexander verzichtet auf die Anrede Majestät. Seine Großmutter, Königin Juliana, hat das Majestätische ebenfalls abgelehnt. Sie ist Fahrrad gefahren und hat auch mal Gummistiefel getragen. Die gewöhnliche Königin hat man sie genannt. So viel gewöhnliche Alltäglichkeit führte die Monarchie aber auch fast an den Abgrund. In den Fünfzigerjahren vertraute sich Juliana der Geistheilerin Greet Hofmans an. Deren pazifistische Grundhaltung ließ die Königin über eine Art Blockfreiheit der Niederlande räsonieren. Die Ehe mit Prinz Bernhard stand damals auf dem Spiel. Die Monarchie auch.

Darüber spricht Reinildis van Ditzhuyzen nicht an diesem Tag. Aber wer ihr zuhört, begreift: Willem-Alexander ist Teil einer großen Erzählung. Er muss nun ein eigenes Kapitel hinzufügen. Er weiß nicht nur, was von ihm erwartet wird, sondern auch, was ihn erwartet. „Man glaubt immer, dass ein Prinz alles tun und lassen kann. Aber niemand ist so unfrei wie jemand, der in einem königlichen Palast geboren worden ist“, warnte schon Pastor Hendrik Jan Kater 1967 bei Willem-Alexanders Taufe.

Das Kind erfährt die Unfreiheit früh. Ehemalige Lehrer umschreiben ihn als verträumt, aber auch als verletzlich. Als Zeitungen über die depressive Erkrankung von Prinz Claus berichten, gesteht Willem-Alexander: „Andere Väter werden auch krank, aber die Kinder müssen es nicht in der Zeitung lesen.“ Das Kind sucht Zuflucht beim Großvater, von ihm erbt es die Leidenschaft fürs Fliegen. Und die Aufmüpfigkeit.

Willem-Alexander verlässt das Gymnasium in Den Haag und macht 1985 das Abitur in Wales. Es ist der Versuch, der Enge in der Heimat zu entfliehen. Wie auch die Dienstzeit bei der Marine. Doch Holland ist klein, und für einen Königssohn gibt es kein Entkommen. Nicht einmal beim Sport. Die Elf-Städte-Tour, jenen legendären Volkslauf auf den zugefrorenen Grachten in Friesland, legt er 1986 inkognito zurück – in Jeans und Marlboro-Jacke. Die heimische Presse macht aus der Kleidung einen Skandal. Der Prinz zieht später daraus eine Lehre fürs Leben: „Ich finde Popularität gefährlich. Gefährlich, oberflächlich und vergänglich.“

Gefährliche, vergängliche Popularität

So vergänglich wie die Monarchie. Sie hat nicht nur einmal am Abgrund gestanden, die Königschaft der Oranier, da muss man nur Reinildis von Ditzhuyzen zuhören. Im Saal unter dem schweren Kronleuchter dominiert Businessblau und grauer Haaransatz. Es wird gescherzt und gelacht. Aber die Sache ist ernst. Denn die Monarchie in den Niederlanden begann mit einem Affront. Wilhelm I. entstammte zwar einem uralten Geschlecht, der königliche Titel aber fehlte. Er hat sich 1815 kurzerhand selbst zum König ernannt. Geschichte wird gemacht. Und sei es durch Heirat. Wilhelm III. war 1879 immer noch ohne legitimen Nachfolger, als sich die zwanzig Jahre alte Emma von Waldeck-Pyrmont des gut vierzig Jahre älteren Mannes erbarmt: „Wir können den armen Mann doch nicht wieder allein nach Hause zurückkehren lassen“, soll sie bei dessen Besuch den älteren Schwestern entgegnet haben. Das Paar blieb nicht allein, 1880 kam Thronfolgerin Wilhelmina zur Welt. Das Haus Oranien war gerettet. Vorerst.

Die Politiker der Republik kommen und gehen, Dynastien bleiben. Selbst Ronald van Raak hat vor der royalen Kraft des Faktischen kapituliert. „Die Mehrheit der Niederländer will die Monarchie. Selbst unsere Wähler wollen sie“, gesteht van Raak, 43. Der Mann ist Historiker und Abgeordneter der Linkspartei SP, er hat über den Konservatismus in den Niederlanden promoviert. Van Raak trägt eine Harry-Potter-Brille und agiert ähnlich leidenschaftlich wie Jürgen Klopp. Nur eben in der Politik. Im Programm seiner Partei steht eigentlich die Abschaffung der Monarchie. Und nun haben selbst die Sozialisten kapituliert. Was ist das Geheimnis der Oranier? „Wir sind ein Land der Minderheiten“, sagt van Raak. „Wir haben keine Leitkultur. Die Oranier sind unser einigendes Band.“

Nicht zu nah und nicht zu fern

Coos Huijsen, 74, hat für dieses Oranje-Band eine Erklärung. Er nennt es das niederländische Paradox. Huijsen war mal Lehrer, dann Abgeordneter, aber im Herzen ist es die Geschichte seines Lnades, die ihn interessiert. Er hat vielleicht das Gescheiteste geschrieben, das über die Oranier geschrieben worden ist. Warum das republikanische Moment in den Niederlanden verstummt ist? Coos Huijsen hat darauf eine einleuchtende Antwort. Er spricht über den Oranie-Mythos. „Die Oranier haben im 17. Jahrhundert im Kampf gegen die spanischen Habsburger Unabhängigkeit, Freiheit und Toleranz für die Niederlande erkämpft. Dafür stehen sie noch heute – auch als Könige.“ Die Monarchie als Freiheitsgarant. Jedes säkulare Land braucht eine zivile Religion. In der Niederlanden ist es das Königshaus.

„Die Republik ist etwas für den Verstand, die Monarchie für das Herz“, sagt Reinildis van Ditzhuyzen und die Wirtschaftsführer nicken. Sie schätzen die Monarchie als Institution der Stabilität, und sie wissen, das Königshaus öffnet ihnen im Ausland Türen für den Handel. Ihre Monarchie ist also eine sehr rationale Sache. Selbst bei der Inauguration. Willem-Alexander wird am Dienstag nämlich gar nicht gekrönt in Amsterdam. Er wird nur in sein Amt eingeführt. „Die Krone ruht wie Zepter und Reichsapfel während der ganzen Zeit auf einem Kissen“, erklärt van Ditzhuyzen. Berührt freilich werden die Insignien nicht. Erst leistet der König seinen Eid auf die Verfassung, dann die Abgeordneten als Vertreter des Volks. Das alles kommt ganz ohne kirchlichen Segen aus. „Von einer Huldigung sprechen die Niederländer deshalb und nicht von einer Krönung“, erläutert van Ditzhuyzen geduldig. Die ganze Feier ist ein sehr nüchterner-niederländischer Moment. Ihr Monarch ist eigentlich ein König ohne Krone.

Mit Herz - und Maxima

Aber er hat Herz. Und er hat Maxima. Die Frau des neuen Monarchen schenkt dem Königshaus ein Lächeln. Und da sie aus Argentinien stammt auch eine weitere Geschichte. Integration kann funktionieren – nicht nur am Hof. Dabei ist es gar nicht so einfach gewesen mit dem Integrieren. Willem-Alexander lernte die Bank-Mitarbeiterin 1999 in Sevilla kennen. „Stell keine Fragen“, hatte er seiner Mutter damals gesagt. Die Fragen stellten dann andere. Maximas Vater hatte dem argentinischen Diktator Videla als Agrarminister gedient. Eine Kommission wurde eingerichtet, um die Sachlage zu untersuchen. Maximas Vater musste der Hochzeit 2002 schließlich fernbleiben. Man traf sich später auf der Hochzeitsreise in der Schweiz. Niederländischer Pragmatismus eben.

Es ist nicht einfach für einen Thronfolger. Man muss lange auf seine Zeit warten – und die ganze Zeit gibt es Erwartungen. Willem-Alexander hat diese bewusst unterlaufen. Der künftige König kann ein Sturkopf sein. Über den Palastgarten der Mutter ist der Hobbypilot einmal mit dem Kleinflugzeug gebraust, die Königin fand das nicht lustig. Auch an die Universität in Leiden, von den Oranier einst als calvinistisches Bollwerk der Freiheit gegründet, zog ihn zunächst wenig. Noch weniger in die Jurisprudenz. „Wenn sie mich zu Jura zwingen, studiere ich lieber Geschichte“, hat er Freunden anvertraut. Familie und Tradition haben dann doch gesiegt. Willem-Alexander hat Geschichte studiert. In Leiden. Das Bücherregal in der Studierstube zierte ein Bild seiner Großmutter, Königin Juliana.

Zum Thronfolger wird man geboren, zum König wird man gemacht. Im Fall von Willem-Alexander helfen dabei sein Vater Prinz Claus, sein Sekretär Jaap Leeuwenburg und ein peinlicher Moment: Bei den Olympischen Spielen 1996 feiert Willem-Alexander etwas zu heftig mit den Hockeydamen seines Landes. Die Presse in der Heimat ist pikiert. Da hat es Prinz Pils, wie sie den feierfreudigen Thronfolger ohnehin schon nennen, etwas übertrieben. Bald erleben die Niederlande die Königwerdung eines Königs. Leeuwenburg streicht ihm die Partys. Und der besorgte Vater gibt ihm eine Aufgabe. Immer öfter sieht man den Prinzen jetzt mit Akten und Dossiers zum Thema Deichbau, Klimawandel und Wasserschutz. Das niederländischste aller Elemente führt ihn schließlich an die Spitze des UN-Komitees zum Wassermanagement. Dass sich seine Mutter, Königin Beatrix, gut mit UN-Chef Kofi Annan verstand, war der Berufung sicherlich nicht abträglich.

Wohl kein Philosophenkönig

So ist das mit Königskindern. Wenn sie etwas erreichen, war es immer die Familie. Wenn sie scheitern, sind sie es ganz allein. Willem-Alexander sei intelligent, aber kein Intellektueller wird aus seiner Studienzeit über den König kolportiert. Andere sagen, man könne sich mit ihm eher über Autos unterhalten, als über Automobilität. Er wird wohl kein Philosophenkönig.

Es ist aber auch nicht einfach für einen Monarchen. Er soll nicht abgehoben sein, aber auch nicht zu profan. Volksnah, aber nicht volkstümelnd. Beatrix’ Perfektionismus ließ zwar viele verzweifeln. Doch nun fürchten manche Willem-Alexanders legere Art könne die Aura der Monarchie untergraben. Am Nationalfeiertag hat er sich nämlich auch schon mal im Klobrillenweitwurf geübt. Der frühere Amsterdamer Bürgermeister Job Cohen schaut eher auf die neue Königin und warnt vor Jet-Set-Royals.

Die resolute Oranien-Kennerin Reinildis van Ditzhuyzen aber ist gelassen. „Willem-Alexander ist nahbarer als seine Mutter“, sagt sie, „Er hat eine soziale Agenda. Er ist mehr Förderer als Forderer“. Und die Zukunft der Monarchie? Van Ditzhuyzen hat sich zum Gespräch in einen Nebenraum zurückgezogen. „Niemand kann vorhersehen, was passiert“, sagt sie und verweist auf den Leitspruch des Hauses Oranien-Nassau: „Je maintiendrai – Ich werde durchhalten.“ Hoch lebe der König!

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