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Afrika nimmt den Naturschutz in Nationalparks selbst in die Hand

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Von: Johannes Dieterich

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Welchen Interessen die Wildparks dienen, ist manchmal unklar.
Welchen Interessen die Wildparks dienen, ist manchmal unklar. © Imago

Wildparks gehen auf die Kolonialherrschaft zurück – gegründet als Jagdreviere, ohne Rücksicht auf Indigene. Afrika sucht nun nach einem eigenen Weg.

Seronera/Tansania – Zuletzt schlugen die Naturschützerinnen und Naturschützer im Juni zu. Wieder einmal sollten die Masaai einer Vergrößerung des Serengeti-Parks weichen. Als die sich weigerten, schoss die tansanische Polizei mit scharfer Munition und tötete einen Angehörigen des legendären Volks, dessen großgewachsene Hirten mit langen Stöcken in keinem Werbeprospekt der Serengeti fehlen.

Seit der Gründung des Parks unter maßgeblicher Beteiligung des Frankfurter Zoodirektors Bernhard Grzimek mussten die Masaai schon widerholt dem Schutzgebiet weichen. Zuletzt zugunsten eines Jagdgebiets für arabische Ölscheichs, deren Dollar-Banknoten die Regierung in Dodoma betörten. Schließlich müsse das viele, für den Schutz wilder Tiere nötige Geld auch irgendwo herkommen, heißt es.

Der Vorfall wirft ein grelles Licht auf die Absurdität des Naturschutzes in Afrika. Ein Volk, das seit Jahrtausenden in einem Naturparadies lebt und dies beschützt hat, wird aus Gründen des Naturschutzes verjagt. In diesem Fall zugunsten begüterter Ausländer. Die Öl-Potentaten haben für ein Jagdgebiet bezahlt und dürfen dafür auch den einen oder anderen Löwen abknallen.

Kolonialistische Denkweise: Deutungshoheit über Naturschutz in Afrika

Von dem Geld sehen die Masaai allerdings nichts. Das geht zur Regierung in Dodoma – wer weiß, wo die Petrodollar schließlich landen? Ein „unbegreiflicher Vorgang“, sagt der Geschäftsführer der „African Wildlife Foundation“, Kaddu Sebunya: „Wir müssen die Art und Weise, wie Naturschutz auf unserem Kontinent betrieben wird, von Grund auf verändern.“

Der kenianische Naturschützer organisierte den „Kongress für Afrikas Schutzgebiete“, der in der vergangenen Woche in Ruandas Hauptstadt Kigali stattfand. Das erste Mal, dass sich Regierungsvertreterinnen und -vertreter von 52 afrikanischen Staaten und Manager:innen der rund 8500 Naturschutzgebiete des Kontinents im eigenen Kreis und nicht unter der Ägide ausländischer Naturschutzorganisationen trafen.

Afrikanischen Fachleuten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der „Ersten Welt“ schon lange ein Dorn im Auge: Sie führen deren Denkweise auf den Kolonialismus zurück – und dessen Verständnis des Naturschutzes als „Festung“. Europäerinnen und Europäer sehen die Menschen in Afrika als größten Feind der großartigen Fauna und Flora ihres Kontinents. Sie müssen durch Zwangsumsiedlungen, mit Feuerwaffen und Stacheldrahtzäunen von den Schutzgebieten ferngehalten werden. Dass es die Einheimischen waren, die ihre Tier- und Pflanzenwelt über Jahrtausende erhalten haben (im Gegensatz zur Praxis in Europa), bleibt unerwähnt. Genauso, dass die Europäer in der Kolonialzeit mit ihren Jagdflinten die afrikanischen Wildbestände um bis zu 90 Prozent dezimierten.

Afrikas Nationalparks: Naturschutz vs. Jadg- und Abenteuer-Interessen

Ein weiterer Vorwurf lautet: Die Wildparks wurden weniger zum Schutz der Natur als zum Schutz ihrer Jagd- und Abenteuer-Interessen eingerichtet. Schließlich sind Afrikas Nationalparks ausschließlich auf die Bedürfnisse ausländischer Touristinnen und Touristen ausgerichtet – ob sie mit Fotoapparaten oder Repetiergewehren kommen. Dagegen kommen die Afrikanerinnen und Afrikaner in den Reservaten vornehmlich als tanzende Mädchen in Baströckchen, als Kellner oder höchstens als Spurensucher vor. Für sie seien Elefanten nur als Fleisch in der Suppe interessant, spotten Bleichgesichter gerne. Die Diskrepanz zwischen dem Urlaubsleben weißer Naturfans in den Parks und dem ärmlichen Leben afrikanischer Dorfbewohnerinnen und -bewohner jenseits der Parks könnte nicht größer sein.

Derzeit fordert die internationale Naturschutzlobby, mindestens 30 Prozent der gesamten Erdoberfläche unter Schutz zu stellen, um der Klimaerhitzung und dem Artensterben zu begegnen. Tansania ist jetzt schon am Ziel angelangt: Ein Drittel der Fläche des Landes steht unter Naturschutz. Dort darf weder ein einheimischer Rancher seine Rinder weiden, noch der Staat nach Bodenschätzen suchen lassen. Wird in einem Schutzgebiet ein Staudamm gebaut, um die Bevölkerung mit Strom zu versorgen, schreit der Rest der Welt auf.

Naturschutz in afrikanischen Wildparks: Die Rolle des Geldes

Solange die Interessen und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt werden, könne Naturschutz nur scheitern, sagt Kaddu Sebunya: Der Grund für den Paradigmenwechsel. Unter anderem müsse die Ökonomie in den Regionen um die Parks auf die Schutzgebiete abgestimmt werden, sagt der Sozialwissenschaftler. Denn nichts ist für wilde Tiere gefährlicher als arme und unzufriedene Menschen.

Seit einiger Zeit versuchen – auch internationale – Naturschutzorganisationen in Projekten herauszufinden, wie die Koexistenz von Mensch und wilden Tieren aussehen könnte. Einfach ist es nicht, aber machbar, so der Kern ihrer Erkenntnis. Natürlich spielt dabei auch das Geld eine Rolle, das für die Integration menschlichen Wirtschaftens mit der wilden Natur zur Verfügung steht. Bisher verfügten fast ausschließlich ausländische Regierungen und Naturschutzverbände über die Finanzen. Das soll sich nun ändern.

Einer der wichtigsten Beschlüsse der mehr als 2000 afrikanischen Delegierten in Kigali war die Bildung eines panafrikanischen Fonds, aus dem der Naturschutz finanziert werden soll und in den ausländische Regierungen und Naturschützer:innen einzahlen können. Afrika wäre dann erstmals in der Lage, selbst darüber zu entscheiden, auf welche Weise die einzigartige Natur des Kontinents geschützt werden soll. Mehr Erfolg als die europäischen Jäger-Kolonialisten werden sie auf jeden Fall haben. (Johannes Dieterich)

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