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Schuppentiere gelten in Asien nach wie vor als Delikatesse. Und werden weiterhin gejagt und gegessen.

Schuppentier

Das Wildern geht weiter

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Als der Verdacht aufkam, das Coronavirus könnte übers Schuppentier auf den Menschen übergesprungen sein, schöpften Tierschützer Hoffnung für die bedrohte Art. Leider vergebens.

Schuppentiere sind die weltweit am meisten illegal gehandelten Tiere. Ihr Fleisch gilt in einigen Ländern Asiens als Spezialität, ihren Schuppen schreibt die traditionelle chinesische Medizin eine Wirkung gegen allerlei Krankheiten zu. Sie könnten zudem die Zwischenwirte für das neuartige Coronavirus gewesen sein, die den Erreger erstmals auf den Menschen übertragen haben.

Doch trotz der extremen Bedrohung der Tiere und trotz ihrer möglichen Rolle bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 scheint das Töten unvermindert weiterzugehen und der illegale Markt fortzubestehen. Wie die Naturschutzorganisation WWF mitteilt, sind im Hafen Port Klang in Malaysia laut Behördenangaben sechs Tonnen Schmugglerware aus afrikanischen Schuppentieren beschlagnahmt worden. Da jede getrocknete Schuppe nur wenige Gramm wiegt, befürchtet der WWF, dass für diese Menge Tausende Tiere ihr Leben lassen mussten.

„Wildtiermärkte schließen!“

„Lasst die Schuppentiere in Ruhe, dann lassen sie auch uns in Ruhe“, appelliert Arnulf Köhncke, Leiter Artenschutz beim WWF Deutschland, an die Adresse der Skrupellosen und Unbelehrbaren: „Diese hoch bedrohten Tiere gehören in die Natur und weder in den Kochtopf noch in der getrockneten Variante in Arzneimittel.“ Köhncke fordert die Schließung „illegaler, schlecht regulierter und hochriskanter Wildtiermärkte“, wo zum Teil auch lebende Schuppentiere zum Verkauf angeboten werden. Gäbe es diese Märkte nicht mehr, so der Naturschützer, lasse sich auch die Gefahr weiterer Zoonosen verringern. Covid-19 hatte sehr wahrscheinlich seinen Ursprung auf einem Wildtiermarkt in der chinesischen Stadt Wuhan.

Zoonosen sind Infektionskrankheiten, deren Erreger von Tieren auf den Menschen überspringen. Die Tollwut gehört dazu, Aids, Ebola, Sars, Mers – und auch Covid-19. Nach heutigem Stand sind etwa 60 Prozent aller Infektionskrankheiten Zoonosen, wiederum 72 Prozent davon stammen von Wildtieren. Der erste tierische Wirt für Sars-CoV-2 dürfte die Fledermaus gewesen sein. Noch ist unklar, ob das neue Coronavirus direkt von den Flugsäugern auf den Menschen übertragen wurde – auch Fledermäuse werden in Asien gegessen und für die traditionelle chinesische Medizin verwendet – oder ob es einen Zwischenwirt gab. Das Schuppentier wäre ein möglicher Kandidat, denn in ihm wurden Corona-Virenstämme nachgewiesen, die eng mit Sars-CoV-2 verwandt sind.

Zwar sei nicht davon auszugehen, dass die getrockneten Schuppen mit Viren belastet seien, sagt Köhncke – anders als bei Schuppentieren, die auf einem Markt geschlachtet werden, um anschließend als Essen auf dem Tisch zu landen. Jedoch seien die beschlagnahmten Schuppen ein Zeichen dafür, „dass der illegale Wildtierhandel weiterhin boomt“; trotz Corona-Krise. Zu allem Übel erschwere die Pandemie auch das Vorgehen gegen Wilderer – unter anderem, weil das Wegbrechen der Einnahmen aus dem Tourismus in Schutzgebieten die Arbeitsplätze von Gemeindewildhütern gefährdet.

Nach Angaben des WWF sind weltweit mindestens 7000 Wildtierarten durch Wilderei und illegalen Handel bedroht. Der Mensch tut damit nicht nur diesen Tieren Furchtbares an, sondern gefährdet auch sich selbst, wie die aktuelle Corona-Pandemie zeigt. Doch nicht allein der enge Kontakt und das Töten von Wildtieren bergen das Risiko, dass vorher unbekannte Erreger in den Menschen gelangen, sondern auch die Vernichtung von Lebensräumen. Eine jetzt veröffentlichte Analyse des WWF mit dem Titel „The Loss of Nature and Rise of Pandemics“ (Der Verlust von Natur und das Aufkommen von Pandemien) warnt vor wachsenden globalen Gesundheitsrisiken aufgrund von Umweltzerstörung; insbesondere nehme die Gefahr weiterer Zoonosen zu.

„Im schlimmsten Fall ist Covid-19 nur ein Vorgeschmack darauf, was uns drohen könnte“, lautet die Warnung des WWF. Die aktuelle Pandemie bezeichnet Eberhard Brandes vom Vorstand des WWF Deutschland als „Krise mit Ansage“. Denn „seit Jahren warnen Mediziner wie Umweltschützer, dass durch massive Naturzerstörung und den illegalen Wildtierhandel nicht nur die Gesundheit unseres Planeten, sondern auch unsere eigene Gesundheit in Gefahr ist“. Eine intakte Natur hingegen sei ein „Bollwerk gegen neue Krankheitserreger und Pandemien“ und müsse „endlich als entscheidender Schlüsselfaktor für unsere Gesundheit wahrgenommen werden“.

Der Mensch kommt zu nah

In den über die Jahrtausende gewachsenen Ökosystemen leben Tier- und Pflanzenarten in einem natürlichen Gleichgewicht. Dazu gehören auch Parasiten, Bakterien, Viren und Pilze, die Lebewesen in ihrer gewohnten Umgebung oft gar nicht krank machen. Dringen Menschen jedoch immer weiter zerstörerisch in solches Terrain vor, so verlieren die Erreger ihre angestammten Wirte – und suchen sich neue. Das kann dann der Mensch sein. Auch führt das Roden von Wäldern dazu, dass der Lebensraum für Wildtiere immer kleiner wird und sie deshalb zwangsläufig näher an die Menschen heranrücken, so eng, wie es die Natur eigentlich nicht vorgesehen hat.

„Wir müssen unsere Beziehung zur Natur überdenken und korrigieren“, sagt Eberhard Brandes. Die Zusammenhänge zwischen gesunden, vielfältigen Lebensräumen einerseits und der menschlichen Gesundheit andererseits müssen bei der globalen Gesundheitsvorsorge in den Fokus gestellt werden. Der WWF fordert die Bundesregierung deshalb auf, sich für einen „sofortigen Stopp der weltweiten Entwaldung und für den Erhalt vitaler, vielfältiger Lebensräume einzusetzen“. Insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer bräuchten technische und finanzielle Unterstützung, „um eine Schließung des illegalen und unregulierten Wildartenhandels und eine effektivere Kontrolle des legalen Handels umzusetzen“.

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