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Nah dran: Im südafrikanischen „Zulu Nyala Game Reserve“ beobachten Ranger ein Breitmaulnashorn.

Virtuelle Safari

Wild im Bild

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Weil in Zeiten der Pandemie auch viele Tierreservate in Afrika geschlossen sind, gehen die Ranger neue Wege – und laden ein zur virtuellen Safari.

Von Zeit zu Zeit kommt es vor, dass der Mensch etwas schmerzlich vermisst – aber dann erkennen muss, dass dies nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Die Natur ist da ein gutes Beispiel. In Südafrika sind unter „Natur“ vor allem wilde Tiere zu verstehen, denen der Mensch mehr oder weniger große Gebiete reserviert hat, um sich dort selbst entspannen zu können. Solche Reservate sind in der Regel das ganz Jahr hindurch rund um die Uhr geöffnet, denn das Entspannungsbedürfnis des Homo sapiens kennt keine Grenzen und keine Saison.

Ganz selten kommt es allerdings vor, dass die Wildparks dicht gemacht werden, etwa weil die Verspannten gefährliche Erreger mit sich herumschleppen. Dann werden die Menschen per Dekret ins Haus verbannt – und die wilde Tierwelt atmet auf. Aus dem Krügerpark sind derzeit Bilder von Löwenrudeln zu sehen, die sich auf einer ansonsten dicht befahrenen Teerstraße räkeln, auf der außer ein paar Ranger-Jeeps nun kein einziges Auto mehr verkehrt. Spätestens jetzt versteht man, unter welchem Stress die Könige der Tiere angesichts der täglichen Staus im Park zu leiden haben. Sie müssen sich ständig im Busch verstecken, anstatt sich von oben die Sonne und von unten die Hitze des Teers aufs Fell brennen zu lassen.

Ein überzeugendes Format

Es wäre allerdings gelacht, wenn sich der Mensch mit seiner Vertreibung aus dem Naturparadies so einfach abfinden würde. Ein paar pfiffige Homines digitales haben jetzt Wege gefunden, wie sie ihren isolierten Artgenossen trotzdem die therapeutische Erfahrung des wilden Tierreichs nahe bringen können – eine Erfindung, die sie treffsicher „virtuelle Safari“ nennen. Dabei begibt sich der Ranger statt von einem guten Dutzend Gästen nur von einem Kameramann begleitet auf den Weg, um wilde Tiere aufzuspüren, was dann live auf der Webseite des Tierreservats oder in Sozialen Netzwerken übertragen wird.

Auf die ersten vier Blicke überzeugt das Reality-TV im Naturreservat. Erstens kann der eingesperrte Naturfreund die gewöhnlich frühmorgens zum Sonnenaufgang oder spätnachmittags in der Dämmerung unternommenen Game-Drives auf der Couch bei einem Glas Wein genießen und muss sich nicht im offenen Jeep frierend stundenlang durchschütteln lassen. Zweitens braucht keiner zu befürchten, neben dem irgendwie immer präsenten lauten US-Amerikaner zu sitzen zu kommen, dessen Teleobjektiv anderen entweder in die Rippen sticht oder die Nase zertrümmert. Drittens können gut ausgestattete Tierreservate mehrere Teams gleichzeitig ausschicken, um dann nur die interessantesten Filme auszustrahlen: Auf diese Weise ist der Zuschauer stets ganz nah am Tier und verschwendet keine Zeit mit Hin- und Herfahrerei. Und viertens können die Ranger – wie im wirklichen Leben auch – mit Fragen gelöchert werden: Die interaktive Technologie mit ihrem Chat-Modus macht’s möglich.

Bei so vielen guten Gründen ist davon auszugehen, dass uns die virtuellen Safaris – wie viele andere während der Corona-Katastrophe ersonnenen Errungenschaften – auch nach dem Sieg über das Virus begleiten werden. Zur Freude der Löwenmeute und des Rests der wilden Tierwelt.

Wer allerdings schon einmal einen Game Drive erlebt hat, weiß, dass der eigentliche Reiz des Originals ausgerechnet aus dem besteht, was bei der virtuellen Version peinlichst vermieden wird. Das viel zu frühe Aufstehen, das einen bereits in einen Vorzustand der Trance versetzt; das stundenlange Durcheinandergeschütteltwerden (ohne, dass es etwas zu sehen gäbe), das diesen Zustand noch verstärkt; und schließlich die ungewohnten Gerüche, die die Erregung ihrem Höhepunkt zuführen. Und wenn sich dann endlich das wilde Tier zu erkennen gibt, ist die Verzückung perfekt: Auch wenn es sich dabei nur um einen seine Beute rollenden Mistkäfer handelt.

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