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Wiesn oder wie?

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Von: Patrick Guyton

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Die Ruhe vor dem Tanz: Nicht nur in diesem Wiesnzelt wird’s von Samstag an hoch hergehen. Kneffel/dpa
Die Ruhe vor dem Tanz: Nicht nur in diesem Wiesnzelt wird’s von Samstag an hoch hergehen. Kneffel/dpa © Peter Kneffel/dpa

Trotz Pandemie, Krieg und Energiekrise beginnt am Samstag das Oktoberfest in München – und zwar ohne jede Einschränkung. Die einen können es kaum glauben, die anderen kaum erwarten

Das gibt es erstmals seit drei Jahren: An diesem Samstag wird Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf der Theresienwiese um Punkt 12 Uhr das erste Fass anzapfen, vermutlich mit zwei lässigen Schlägen, eine Maß Bier einschenken und ausrufen: „O’zapft is, auf eine friedliche Wiesn 2022.“ Nach den Corona-bedingten Absagen 2020 und 2021 ist dann wieder Oktoberfest, die Mutter aller Feste.

Diese 187. Wiesn steht unter einem merkwürdigen Stern – mit der weiterhin schwelenden Corona-Krise, dem Krieg in der Ukraine, dem Gas- und Strommangel. Dass sie stattfindet, sei „ein gutes Signal, gerade auch in schwerer Zeit“, meinte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schon im Mai bei der Pro-Entscheidung der Stadt. Das Fest stehe für „Lebensfreude und Weltoffenheit“. Gefeiert werden dürfte aber auch mit einem gewissen Titanic-Gefühl.

Über nichts wird in München gerade mehr spekuliert als darüber, wie diese Wiesn wird: Gibt es in den 17 Tagen weniger Besucher:innen als die üblichen 5,7 bis 6,7 Millionen? Oder gar mehr, weil es die Leute jetzt richtig krachen lassen wollen? Und was ist mit Corona? Die Stadt hatte rechtlich die Wahl: Das Fest ganz und ohne jede Einschränkung abzuhalten – oder gar nicht. Es war diskutiert worden über Impfnachweise an den Eingängen oder verpflichtende Schnelltests – doch nichts davon wäre durchsetzbar gewesen. So appelliert Reiter nun an die Eigenverantwortung der Menschen und ließ auch durchblicken, dass er dieses Jahr nicht oft auf der Theresienwiese sein wird. Sein Vorgänger, der populäre Christian Ude (SPD), teilte mit, er und seine Frau werden gar nicht gehen, da sie aufgrund ihres Alters (74 und 83 Jahre) zur „Hochrisikogruppe“ gehörten.

Bisschen Spaß muss sein

Christian Schottenhamel indes blickt optimistisch auf die Wiesn-Tage. „Gerade bei den ganzen Problemen wollen die Leute mal abgelenkt werden“, sagt der Wirt des gleichnamigen Fest-Großzeltes und Vorstand des Münchner Gastro-Verbandes Dehoga im Gespräch mit der FR. Seit ein paar Tagen würden die Reservierungen in den Zelten rasant an Fahrt aufnehmen.

Auch die Belegungen in den Hotels seien mittlerweile „sehr positiv“. Viele US-Amerikaner würden kommen, für die Deutschland aufgrund der Verschiebung des Währungskurses mittlerweile ein „Billig-Reiseland“ sei. Ein Blick ins Übernachtungsportal booking.com in dieser Woche zeigt aber auch: Es gibt noch genügend freie Hotelzimmer in München. Für das mittlere Wochenende von 23. bis 25. September etwa, das sogenannte Italiener-Wochenende, finden sich Doppelzimmer für 190 bis 220 Euro pro Nacht – in Wiesn-Zeiten vor Corona wären das absolute Schnäppchen gewesen.

Riesen-gaudi

Das Oktoberfest ist das größte Volksfest der Welt. Für die 42 Hektar große Theresienwiese wurden dieses Jahr 487 Betriebe zugelassen, die meisten aus der Gastronomie und dem Schaustellergewerbe.

In den 17 Festhallen gibt es insgesamt 120 000 Sitzplätze. Die Maß Bier kostet 2022 zwischen 12,60 und 13,80 Euro, also knapp 16 Prozent mehr als auf der letzten Wiesn 2019. Dort wurden 7,3 Millionen Maß ausgeschenkt, 870 000 halbe Hendl verkauft und 124 Ochsen gegessen. Gesamtumsatz des Festes: 1,2 Milliarden Euro.

Beim Personal sieht der Gastronom Schottenhamel das Fest gut aufgestellt. Bis vor einigen Wochen noch sei es schwer gewesen, Bedienungen, Schankkellner oder Spülkräfte zu rekrutieren. „Doch jetzt haben wir die Mitarbeiter, und wir haben auch einen Puffer eingebaut.“ Die Corona-Gefahr sei beherrschbar, meint der Festwirt – auch in den knallvollen Großzelten, wo jeweils bis zu 10 000 Menschen eng an eng sitzen oder stehen, essen, trinken, singen und sich in den Armen liegen. Schottenhamel verweist auf die vorangegangenen bayerischen Volksfeste in Straubing und Rosenheim – das Gäuboden- und das Herbstfest: „Dort gab es keine Superspreader-Geschehnisse.“ Die Krankenhäuser waren zwar nicht überlastet, allerdings stiegen die Inzidenzen in beiden Orten nach den Festen drastisch an, Straubing lag mit dem Wert 737 plötzlich bundesweit an der Spitze.

Auch der hohe Energieverbrauch des Fests in Zeiten des Mangels wollen die Stadt und die Gastronomen nicht als Kritikpunkt gelten lassen. Laut Wiesn-Pressestelle verbrauche das Oktoberfest vier Gigawattstunden Strom und zwei an Gas. Dies seien nur 0,6 und 0,1 Promille des jeweiligen Gesamtverbrauchs der Stadt pro Jahr. Christian Schottenhamel hat ein praktisches Beispiel: In einem modernen Grill einer Großküche ließen sich 150 Hendl mit der Energie braten, die vier Privathaushalte für je zwei Hendl im Backofen benötigten.

Wer Layla will, kriegt Layla

Und was ist mit dem viel diskutierten und deshalb so populär gewordenen Lied über die Puffmama Layla – „sie ist schöner, jünger, geiler“? „Ich fand das etwas deppert“, meint Christian Schottenhamel zur Debatte. Jeder Wirt könne selbst entscheiden, was gespielt wird. „Und wenn die Leute Layla wollen, dann bekommen sie es auch.“

Wolfgang Köbele wird mit seiner populären Band „Münchner Zwietracht“ nach 25 Oktoberfesten diesmal nicht auf der Wiesn und im Marstall-Zelt sein. Er hat sich entschieden, in dieser Zeit andere kleinere Volksfeste zu bespielen, von Berlin über Braunschweig bis in die Schweiz. „Diese Wiesn wackelt hinten und vorne“, sagt er im Gespräch. „Jeder wird mit einem schlechten Gewissen hingehen.“ Würden sich bei einem Konzert mit 2000 Besucher:innen 20 infizieren, fiele das nicht groß auf. Bei 600 000 Menschen an Wiesn-Spitzentagen seien das aber 6000. „Und das jeden Tag neu. Das passt alles nicht, diese Wiesn passt nicht zur Zeit.“ Auf das Puffmama-Lied verzichtet die Zwietracht auch: „Layla geht unter meine musikalische Gürtellinie“.

Wer’s mag, mag’s genau so: Eröffnungstag der letzten Wiesn 2019.
Wer’s mag, mag’s genau so: Eröffnungstag der letzten Wiesn 2019. dpa © Sven Hoppe/dpa

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