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In der schönen Mitte das Herrenhaus: Um das Anwesen liegen kleine Cottages auf sanften Hügeln verteilt, biegen sich verwitterte Brücken über murmelnde Bäche.

Nachhaltige Mode

Wie’s im Buche steht

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In seinem schottischen Anwesen Dumfries House fördert Prinz Charles ökologische Projekte. FR-Redakteur Manuel Almeida Vergara war auf einer Konferenz rund um das Thema nachhaltige Mode unterwegs.

Eigentlich fehlt nur die ältere Dame mit weißem Haar und Strohhut, die behände ihre Rosen schneidet, sie behutsam in ihr Körbchen legt. Ansonsten sieht es hier tatsächlich aus wie in einem Rosamunde-Pilcher-Film. Stoisch reckt sich das angegraute Herrenhaus einem wolkenverhangenen Himmel entgegen, durch den hier und da und dort gleißend die Sonne bricht. Gemütlich watscheln Gänse vom Seerosenteich über den knirschenden Kiesweg zum akribisch gepflegten Rasen hinüber. Malerisch liegen kleine Cottages auf sanften Hügeln, biegen sich verwitterte Brücken über murmelnde Bäche, drängen sich hochgewachsene Bäume zu kleinen Wäldern zusammen.

Rings um das Dumfries House scheint die Welt noch so in Ordnung wie in der Pilcherschen Erzählung, in der allenfalls die Wiederkehr einer vergessenen Liebe das schottische Idyll zu stören droht. Und ein bisschen stimmt das mit der Welt und der Ordnung sogar. 250 Jahre lang war das 1759 erbaute Anwesen der Öffentlichkeit nicht zugänglich, bevor es zu neuem Leben erweckt wurde, durch das Wohlwollen eines Prinzen zudem. 2007 erwarb der britische Thronfolger Charles, ohnehin bekannt für ein großes Interesse an ökologische Ansätzen, mit seiner Stiftung das Dumfries House, ließ es umbauen, ausbauen, verwandeln in ein Ausbildungszentrum, ein Experimentierfeld für nachhaltige Konzepte.

Nicht ohne einen Scotch: Prinz Charles begrüßt die Gäste, darunter Inga Griese von „Icon“, Nadja Swarovski, „Vogue“-Chefin Christiane Arp und Scott Lipinski vom Fashion Council Germany (von links).

„The Prince’s Foundation bietet hier innovative und inspirierende Programme an“, sagt Jacqueline Farrell, die als Direktorin das Bildungsangebot des Hauses überblickt, etwas hölzern. Im backsteinernen Pierburg Building lernen Stadtkinder in Kursen gesundes Essen und nachhaltigen Gartenbau, in einem Öko-Bauernhof ein paar baumgesäumte Wege weiter unten das Landleben kennen, zudem Schweine, Hühner und Cröllwitzer Puten, die als Favoriten des Prinzen gelten. Im Restaurant auf dem Gelände gibt es regionale Bio-Produkte für die Gäste und Ausbildungsplätze für Jugendliche aus der Umgebung.

„Und seit 2014 werden Besucherinnen und Besucher im Textiles Training Centre in traditionellem britischen Modehandwerk unterrichtet, vom Nähen über das Weben bis hin zur Stickarbeit“, sagt Jacqueline Farrell. Das Blumenschneiden aus dem Pilcher-Roman übernehmen an diesem wechselhaften Septembertag denn auch junge Designerinnen und Designer aus Hamburg und Berlin. Emsig tragen sie die schönsten Wildblumen zusammen, rote Mohnblüten, blaue Kornblumen, gelben Lämmersalat. In der Textilwerkstatt legen sie ihre Ernte auf wollweiße Leinenstücke, walzen, pressen, klopfen die Blüten, bis sie blasse Muster auf den Textilien hinterlassen. „Auf eine größere Produktion lässt sich die natürliche Färbetechnik wohl nicht übertragen“, sagt Lara Krude. „Aber so ein Muster ließe sich doch einscannen und technisch aufdrucken.“

2017 gründete Krude ihr Modelabel unter eigenem Namen in Hamburg. Nachhaltig sind ihre großzügigen Kleider und geräumigen Mäntel nicht nur, weil sie in Qualität und Ästhetik weit mehr als eine Saison überstehen, aus hochwertigem Material und in sachlicher Formsprache gemacht sind für die modische Langlebigkeit. „Ich benutze außerdem nur natürliche Materialien wie Baumwolle, Leinen, Seide und Wolle, keine Plastikknöpfe, keine Plastikeinlagen“, sagt Krude. Ihre Kleider sollen theoretisch kompostierbar sein, natürlich nicht innerhalb weniger Wochen, „aber sie liegen eben nicht 400 Jahre herum wie irgendwelche Polyesterteile.“ Mit diesem Ansatz wurde Krude, die ausschließlich in Europa produzieren lässt, Teil des „German Sustain Concepts“.

Immer schön mitmachen: Lara Krude nimmt aus Workshops Ideen für ihr Label mit.

Das Förderprogramm des Fashion Council Germany, des 2015 gegründeten Moderats, der sich durch politische und wirtschaftliche Lobbyarbeit für Mode aus Deutschland engagiert und zur Reise nach Schottland geladen hat, soll junge Marken bei der Positionierung ihrer nachhaltigen Mode am Markt unterstützen. Am zweijährigen Programm mit Workshops, Präsentations- und Verkaufsmöglichkeiten nehmen neben Krude auch der Designer Ashley Marc Hovelle, Lydia Maurer mit ihrem Bademodenlabel Phylyda, Antonia Goy und Björn Kubeja mit ihrem Label Working Title für aufwendige Strickunikate Teil. Der Verzicht auf synthetische Materialien und Zutaten, eine regionale Produktion unter fairen Bedingungen, der Fokus auf langlebige Produkte ist ihnen allen gemein.

Deswegen wurden sie nicht nur von einer Fachjury als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Förderprogramms ausgewählt, sondern sind nun auch in die gefällige schottische Landschaft East Ayrshire gereist. Hier initiiert der Fashion Council Germany gemeinsam mit dem Dumfries House eine dreitägige Konferenz rund um das Thema der nachhaltigen Mode. Auf den Podien sitzen Akteurinnen und Akteure aus der schottischen und der deutschen Modeindustrie, davor Nachwuchsdesignerinnen und -designer, Schülerinnen und Schüler aus beiden Ländern. Dass es überhaupt zum Austausch im Herrenhaus mit seinen bunt gestrichenen Räumen und feingliedrigen Chippendale-Möbeln kommt, daran dürfte Scott Lipinski nicht ganz unbeteiligt gewesen sein.

„Das Dumfries House in Cumnock ist für mich kein unbekannter Ort“, sagt der Geschäftsführer des Fashion Councils, der in der schottischen Ortschaft aufgewachsen ist und über Prinz Charles denn auch formvollendet zu sprechen weiß. „Seitdem die Stiftung Seiner Königlichen Hoheit, Prinz Charles, der Duke von Rothsay das Anwesen erworben hat, verfolge ich die Entwicklung und den Aufbau der Bildungseinrichtungen.“ Die gemeinsame Konferenz „German Scottish Sustain Days“ sei entstanden, da sich beide Einrichtungen der Förderung junger Talente aus der Modebranche verpflichteten. Gerade für diese werde „Nachhaltigkeit mehr und mehr zu einem natürlichen Selbstverständnis“, sagt Lipinski.

„Wer heute Ressourcen nutzt, um etwas Neues in die Welt zu bringen, muss sich auch der Verantwortung stellen, die damit einhergeht“, sagt Lara Krude denn auch. Es sind aber nicht nur die kleinen Labels, auch die Großen erkennen offenbar die Dringlichkeit des Themas – wenn nicht aus einem eigenen Pflichtbewusstsein heraus, dann doch zumindest durch die Gewissheit, dass gerade die Kundinnen und Kunden der Zukunft nicht mehr blindlings kaufen wollen, was ihnen vorgesetzt wird. Man sieht es ihnen an, den Schülerinnen und Schülern, die sich an diesen drei Tagen durch die langen Flure des Dumfries House schieben, mit skeptischen Blicken und gespitzten Ohren zwischen großformatigen Landschaftsbildern und prächtigen Blumenarrangements Platz nehmen.

Bis das Körbchen voll ist: Antonia Goy und Björn Kubeja sind in Sammellaune.

Walter Wählt erzählt ihnen in seinem Vortrag, dass selbst die Digitalisierung, durch den Boom an Onlineshops eigentlich als Unheilsbringer verschrien, auch einen Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit leisten kann. „Durch das digitale Design, wie wir es bei Adidas machen, müssen wir weniger Musterteile produzieren“, erklärt Wählt, der bei der Sportmarke für technologische Designprozesse verantwortlich ist. Realitätsnahe Entwürfe am Computer sollen haptische Muster überflüssig machen, die sonst produziert, gesichtet, getestet und weggeworfen werden. Mit verbesserten Tools in Bezug auf Größen- und Stilempfehlungen im Onlineshop wolle Adidas außerdem Retouren, durch Videokonferenzen die Anzahl der Geschäftsreisen mit dem Flugzeug reduzieren. „Und Fortschritte in der digitalen Colorierung können Testfärbungen ersetzen“, sagt Wählt. „Das verringert den Verbrauch von Wasser zur Textilfärbung.“

Der österreichische Kristallhersteller Swarovski wiederum stellt mit seinem „Upcycled Crystal Programme“ jungen Designerinnen und Designern alte Kristalle zur Wiederverarbeitung zur Verfügung, fördert zudem nachhaltige Ideen, die weit über das Modesegment hinausgehen. In Kooperation mit dem Unternehmen, das auch Mitinitiator der Konferenz im Dumfries House ist, hat Industriedesigner Sean Ross etwa eine Konstruktion erarbeitet, die mit Hilfe alter Kristalle Sonnenlicht bündelt und Solarenergie erzeugt. Die Interieurdesignerin Hannah Livesey wiederum stattet Heimtextilien und Dekostoffe mit unzähligen Swarovski-Kristallen aus. „Die sollen möglichst viel Licht an die Wände im Wohnraum reflektieren, sodass weniger elektrische Lichtquellen nötig werden“, erklärt Swarovski-Chefdesigner Roman Rzeznitzek auf dem Podium.

Den Zuhörerinnen und Zuhörern gefallen die Muster, die vielen funkelnden Steine in allen erdenklichen Farben und Formen, die Platten und Plättchen, Herzen und Herzchen noch ein bisschen besser, als sie hören, dass Swarovski bei der Produktion auf schädliche Chemikalien verzichtet und das viele Wasser, das zur Kristallherstellung benötigt wird, so oft wie möglich wiederverwendet. „Wir sind uns natürlich bewusst, dass Wasser ein rares Gut ist und haben auch deswegen 2000 die Waterschool in Österreich gegründet“, sagt Vorstandsfrau und Kreativdirektorin Nadja Swarovski. Mittlerweile gebe es von dem Bildungsprojekt des Unternehmens Ableger in China und Indien, in Nord- und Südamerika. „In unterschiedlichen Weltregionen gibt es auch unterschiedliche Probleme in Bezug auf Wasser“, so Swarovski. „Ob Knappheit, Verschmutzung oder Hygiene.“ Das Unternehmen unterstütze Lehrerinnen und Lehrer vor Ort dabei, Kindern den entsprechenden Umgang mit Wasser beizubringen. „Unserer Waterschool in Brasilien ist außerdem ein Aufforstungsprogramm angeschlossen, was aktuell wichtiger denn je erscheint.“ Es sei spürbar, dass bei den Schülerinnen und Schülern ein Verantwortungsbewusstsein in Bezug auf die Umwelt wachse.

Nur noch drüber walzen: Natürliche Färbetechniken werden geübt.

Auch Scott Lipinski vom German Fashion Council spricht von einem Umdenken gerade durch die jüngeren Generationen. „Nachhaltige Mode ist nicht mehr wegzudenken“, sagt er. „Sie ist längst kein Nischenthema mehr, oder das ‚hässliche Entlein‘ der Branche.“ Neben den verschiedenen Bestrebungen entlang der Wertschöpfungskette beobachte er noch eine andere Entwicklung, gerade bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Förderprogramms seines Vereins. „Spannend finde ich, dass die Gruppe einem Branchentrend in Eigendynamik folgt“, sagt er. „Sie löst Herausforderungen, indem sie sich hin und wieder zusammenschließt und gemeinsam auftritt.“ Dieses Gemeinschaftsdenken scheint gerade auch in der schottischen Szene eine Rolle zu spielen.

Während Wolken und Sonne vor dem Dumfries House flüchtige Muster auf die grünen Hügel werfen – bei Rosamunde Pilcher wäre dies wohl der Moment, in dem die vergessene Liebe im Oldtimer die Serpentinen herunterrauschen – berichtet der bekannte schottische Designer Patrick Grant von seinem 2016 gegründeten Sozialprojekt Community Clothing. Von Billigproduktionen in Niedriglohnländern ohnehin massiv bedroht, muss sich die traditionelle schottische Textilproduktion einer weiteren Herausforderung stellen: Durch die saisonabhängige Nachfrage arbeiten viele Fabriken mehrere Monate im Jahr weit unter der vollen Kapazität. In derzeit 19 Fabriken nutzt das 2016 gegründete Projekt Community Clothing die Leerläufe zur Herstellung eigener kleiner Kollektionen, stabilisiert so die regionale Produktion und sichert Arbeitsplätze.

Die Kleider werden direkt an Kundinnen und Kunden in der Umgebung verkauft, zu fairen Preisen, denn die vielen Zwischenstationen eines klassischen Handelsweges entfallen. „Wir wollen, dass Menschen wieder stolz sind auf ihre Kleidung, dass sie den Wert der Ware wieder erkennen“, sagt Grant. „Und ein Weg, das zu schaffen, ist, in ihrer Gegend zu produzieren, in den Städten, die sie kennen, mit den Menschen, die sie lieben.“ Dass sich so nur verhältnismäßig kleine Stückzahlen produzieren lassen, muss kein Manko sein. „Ihr müsst nicht wachsen, nur um des Wachsens willen“, ruft Grant den jungen Designerinnen und Designern entgegen, und fast scheint es, als würden die schweren Lüster im Raum unter seiner sonoren Stimme zu klirren beginnen.

Lara Krude, der Hamburger Designerin, imponiert dieser Gedanke. Für sie seien während der Konferenz gerade die Besuche traditionsreicher Webereien interessant. „Immer wieder haben wir gehört, dass es eben nicht um den größten Gewinn gehen muss, sondern darum, eine Firma gesunder Größe aufzubauen“, sagt sie, „mit Menschen, die gerne dort arbeiten.“ Gerade die Hersteller, die besonders eng in ihren Gemeinden verwurzelt arbeiten, schauten doch automatisch, dass es ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gut gehe. „Das ist ein schöner Gedanke, der auch für den Aufbau meiner Firma funktioniert“, sagt Krude, die an diesem Septembertag noch ihren formvollendeten Knicks üben muss.

Denn irgendwann gibt sich tatsächlich auch der Hausherr die Ehre. Bei einem privaten Treffen in einem mit Wandteppichen verhangenen Empfangsraum will sich Prinz Charles über nachhaltige Mode austauschen. „Seine Königliche Hoheit Prinz Charles, der Duke von Rothsay war sehr daran interessiert, die Gäste persönlich kennenzulernen“, sagt Scott Lipinski noch einmal vollkommen stilecht. „Vor vierzig Jahren wurde er für seine Haltung zum Umweltschutz und nachhaltigen Konzepten noch belächelt. Heute sind seine Aussagen von damals aktueller denn je.“ Schon damals stapfte Charles schließlich öffentlichkeitswirksam in Gummistiefeln über Bio-Bauernhöfe, fantasierte von gesunden Landschaften und schönen Gärten, wie sie heute rundum das Dumfries House zu finden sind. Und in Rosamunde-Pilcher-Romanen sowieso.

Dumfries House

1754 wurde mit der Errichtung des Dumfries House in der schottischen Ortschaft Cumnock unweit von Glasgow begonnen, etwa drei Jahre später wurde es fertig gstellt. Der Graf von Dumfries, William Dalrymple-Crichton, hatte den Bau in Auftrag gegeben. 1814 erbte John Crichton-Stuart, der zweite Markgraf von Bute das Anwesen. Im frühen 19. Jahrhundert ließ er umfassende Umbauarbeiten vornehmen, hinzukamen etwa zwei Flügel und Pavillons. Bis 2007 blieb das Haus im Besitz der Familie, die allerdings bereits in den 1990er Jahren versucht hatte, das Dumfries House zu verkaufen.

2007 fand sich ein Käufer für das Herrenhaus: Für rund 45 Millionen Pfund – umgerechnet etwa 50,7 Millionen Euro – ging das Dumfries House an die Stiftung The Prince’s Foundation des britischen Thronfolgers Prinz Charles. Nach seinen Plänen entstand hier eine Bildungsstätte und Touristendestination rund um Themen der Nachhaltigkeit. 2008 wurde mit entsprechenden Umbauarbeiten am Haupt- und mehreren Nebenhäusern begonnen. Zeitgleich wurde das Gebäude der Öffentlichkeit bereits durch Führungen zugänglich gemacht. Ab Mitte 2009 wurde ein Bauernhof auf dem Gelände restauriert, der heute als Öko-Farm Fleisch- und Milchprodukte herstellt, sowie als Lernstätte dient. 2010 wurden weitere Gebäude auf dem rund 800 Hektar großen Gelände restauriert, entstanden sind etwa ein Lernzentrum für Schulkinder, ein Restaurant samt Catering-Service und ein Haus mit einigen Hotelzimmern.

260 Arbeits- und Ausbildungsplätze bietet das Dumfries House und ist damit einer der größten Arbeitgeber der Gegend, die durch den Rückzug der Kohleindustrie in den 1980er Jahren zu einer wirtschaftlich benachteiligten Region Schottlands geworden war. Nach eigenen Angaben zählt die Einrichtung im Jahr rund 140 000 touristische Besucherinnen und Besucher und mehr als 8000 Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer im Kindes und Erwachsenenalter.

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