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Blick in den Ballsaal der Wiener Staatsoper während der Darbietung der Sopranistin Anna Netrebko.

Wiener Opernball

Unspektakulär, dafür politisch

Auf dem Wiener Opernball sorgen in diesem Jahr Altkanzler Gerhard Schröder und die Halbschwester von Barack Obama für Stimmung.

Es ist 23.37 Uhr, als sich Richard „Mörtel“ Lugner seinen Weg Richtung Tanzfläche bahnt. Er sei kein guter Tänzer, habe zwei linke Füße, hatte der Ex-Baumeister in den Tagen vor dem Wiener Opernball verkündet. Und auch sein Stargast, das australische Model Elle Macpherson, wollte eigentlich nicht mit ihm tanzen – aus Angst, den spendablen Gastgeber zu blamieren. Doch dieses Jahr war die Stimmung zwischen Lugner und seinem Gast so harmonisch, da wurde am Donnerstagabend sogar das Tanzbein geschwungen. Zumindest eine Minute lang.

„Sie ist eine Traumfrau. Sie ist wunderschön, nett und pünktlich“, sagte Lugner am Ballabend über das als „The Body“ bekannte Model. Macpherson wiederum konnte sich sehr für die Veranstaltung an sich begeistern. „Was mir am besten gefallen hat, waren die Debütantenpaare, die den ersten Walzer getanzt haben“, sagte sie.

Die Harmonie zwischen Lugner und „The Body“ war ein Sinnbild für den gesamten Ball. Denn das Spektakel war frei von Skandalen, Unfällen oder Aufregern. Daher rückten einige politische Botschaften in den Mittelpunkt. Österreichs Staatsoberhaupt Alexander Van der Bellen hatte die Halbschwester des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, Auma Obama, zu Gast. Die beiden trafen sich bereits am Nachmittag in der Wiener Hofburg.

Van der Bellen betonte dort, dass er mit der Einladung an die Kenianerin ein Zeichen setzen wolle, um die Beziehung zu Afrika auf eine neue Grundlage zu stellen. Obama engagiert sich mit ihrer Stiftung Sauti Kuu („Starke Stimme“) für Jugendliche in Afrika. „Frau Obama macht eine vorbildliche Arbeit, besonders im Bereich der Jugend“, lobte Van der Bellen.

Model Elle Macpherson macht gute Miene neben Richard Lugner.

Der Wiener Künstler Tom Neuwirth alias Conchita nutzte den Opernball, um für die bevorstehende EU-Wahl zu werben. „26. Mai! Es gibt keine Ausrede“, sagte Conchita und forderte die Wähler auf, zahlreich von ihrem demokratischen Recht Gebrauch zu machen. Conchita war zu Gast in der Loge von Österreichs Justizminister Josef Moser (ÖVP) und zog – wie schon am Wochenende beim Grazer Tuntenball – mit einer Glatze viele Blicke auf sich.

Auch mit Blick auf die Gästeliste war der Ball dieses Jahr sehr politisch. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) konnte neben DJ Ötzi, Model Barbara Meier und Sopranistin Anna Netrebko auch fast alle seine Minister treffen. Netrebko eröffnete den Opernball mit ihrem Ehemann Yusif Eyvazov. Die beiden sangen zusammen „O soave fanciulla“ aus „La Bohème“ von Giacomo Puccini. Netrebko war vor ihrem Auftritt sehr aufgeregt. „Wenn es vorbei ist, bin ich sehr happy“, sagte sie der Nachrichtenagentur APA.

Bundeskanzler Kurz jedenfalls war sehr beeindruckt. „Es war eine tolle Eröffnung“, sagte er der APA. Insbesondere von Anna Netrebko seien er, seine Lebensgefährtin Susanne Thier und seine Gäste begeistert gewesen. Kurz hatte den nordmazedonischen Regierungschef Zoran Zaev zum Ball geladen.

Nach dem Eröffnungstanz der 144 Debütantenpaare tanzten dann auch die mehr als 5000 Gäste. Auf dem Tanzparkett entdeckt werden konnte auch Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), der beim Mineralölkonzern OMV zu Gast war. Er bat seine Frau Soyeon Kim schon früh am Abend um einen Tanz und wiegte sich mit ihr gemütlich über die Tanzfläche.

Für Schröder war es nicht der erste Besuch beim Opernball. 1996 war er auf Einladung des damaligen VW-Chefs Ferdinand Piëch in Wien. Dem damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen trug das in der Heimat viel Ärger ein. Da Schröder inzwischen kein politisches Amt mehr innehat, dürfte ein Shitstorm aber dieses Mal ausbleiben. Dann steht der Opernball 2019 auch nachträglich ganz im Zeichen der Harmonie. (Fabian Nitschmann, dpa)

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