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Ein Mitarbeiter im Archiv des DRK-Suchdienstes: Noch immer können vermisste Personen ausfindig gemacht werden.

Rotes Kreuz

Wiedersehen nach 72 Jahren

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Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes bringt ein Geschwisterpaar nach langer Zeit wieder zusammen.

Neun Knospen hat die Rose schon, die Christel Ehrich und Günter Peleiski im April gemeinsam gepflanzt haben – als Zeichen ihrer Wiedervereinigung. Es war der Tag, an dem sich das Geschwisterpaar nach 72 Jahren zum ersten Mal wieder sah. „Ich kann diesen Moment nicht mit Worten beschreiben“, sagt die 79-Jährige, „ich konnte nicht fassen, dass mein Bruder vor mir steht“. Vergessen hat Christel Ehrich ihren Bruder nie. Immer trug sie ein kleines Foto von ihm bei sich. Heute ist er 74.

In den Kriegswirren verlieren die beiden sich aus den Augen. Sie flüchtet im November 1944 aus Ostpreußen nach Grimmen in Mecklenburg-Vorpommern, er landet mit zwei Jahren mit einem Kindertransport im Erzgebirge und durchlebt fortan eine Odyssee durch Kinderheime und Krankenhäuser, kommt schließlich bei einer Pflegefamilie unter.

Dass er eine Schwester hat, wusste er nicht 

Irgendwann im Erwachsenenalter macht sich Günter Peleiski zunächst auf die Suche nach seiner Mutter. „Ich war ein Mensch ohne Wurzeln“, sagt er. Dass er eine Schwester hat, das wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, er war ja gerade mal zwei Jahre, als er seine Schwester zum letzten Mal sah. „Ich war oft am Ende und wollte aufgeben, doch meine Frau hat mich immer wieder bestärkt“, erzählt er. 

2013 meldet Peleiski sich beim Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK). Mehr als drei Jahre sollte es dauern, bis die Mitarbeiter fündig werden. Dann der Durchbruch. Sie stellen fest, dass seine Mutter verstorben war – und führen ihn zu seiner Schwester. „Mein kleiner Bruder“, so nennt Christel Ehrich den 74-Jährigen, der tatsächlich einen halben Kopf kleiner ist als sie. Dabei streicht sie ihm liebevoll über die Schulter, schaut ihm lächelnd in die Augen.

Der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes rechnet auch in diesem Jahr mit mehr als 8000 Suchanfragen zu Vermissten des Zweiten Weltkrieges.

Schon im ersten halben Jahr haben sich mehr als 4000 Menschen an das DRK gewendet. 2016 waren es insgesamt knapp 9000 Anfragen zum Verbleib und über das Schicksal kriegsvermisster Angehöriger. In rund 40 Prozent der Fälle konnten schicksalsklärende Auskünfte erteilt werden.

Dem Suchdienst lagen 1959 insgesamt noch 2,5 Millionen offene Anfragen vor, von denen knapp die Hälfte bis Ende der 1990er Jahre geklärt werden konnten. Durch den Zugang zu ehemals sowjetischen Kriegsgefangenenakten seit Beginn der 90er Jahre ergeben sich seitdem für den Suchdienst neue Recherchemöglichkeiten.

Auch die Suchanfragen von Flüchtlingen, die in den vergangenen Jahren auf dem Weg nach Deutschland den Kontakt zu Angehörigen verloren haben, bewegen sich weiter auf einem hohen Niveau: 2016 gab es knapp 2800 Anfragen, so viele wie noch nie.

Auch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres verzeichnete das DRK schon knapp 1200 Anfragen, meist von Menschen aus Afghanistan, Syrien und Somalia. Davon sind mehr als 300 unbegleitete Minderjährige dabei, die auf der Suche nach ihren Eltern oder Geschwistern sind.

So wie Hamed Jafari: Er kam 2015 mit 14 Jahren nach Deutschland, allein. Mutter, Vater, Hamed und seine drei jüngeren Geschwister verloren einander an der Grenze zwischen Afghanistan und dem Iran. Der Junge setzte die Reise allein fort, lebte dann in München in einem Heim für unbegleitete Flüchtlinge.

Über den DRK-Suchdienst stellte er ein Foto von sich auf der Internetseite Trace the Face online. Das Projekt gibt es seit 2015. Hier veröffentlichen ausschließlich Rotkreuz-Suchdienste Fotos von Kindern und Jugendlichen, die ihre Angehörigen suchen – oder Fotos von Angehörigen, die ihre Kinder suchen.

Von Oktober 2015 bis Juni 2017 wurden auf der passwortgeschützten Seite mehr als 1600 Fotos hochgeladen, insgesamt 21 Suchfälle von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen konnten so geklärt werden.

Auch Hamed findet über die Webseite seine Eltern wieder. Sie leben im Iran. Hamed hofft, sie bald wieder sehen zu können.

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