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Blick auf die Alstadt Genuas.

Genua

Wiedergeburt als Juwel

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Der Einsturz der Ponte Morandi hat Genua in eine Krise gestürzt. Doch die Stadt lässt sich nicht unterkriegen.

An der hohen Glasfront des Delfinbeckens drücken sich Kinder die Nasen platt. Gedränge gibt es auch vor der Haifischbucht, in der Grauhaie nervös kreisen und Rochen auf dem Sandboden dösen. Italienische Familien, aber auch einige ausländische Touristen sind an diesem Wintertag ins Aquarium von Genua gekommen, das zweitgrößte Europas. Der Metallbau im Industriestil ist eine der Attraktionen des Porto Antico, des alten Hafens, wo früher die Überseedampfer ablegten. Stararchitekt Renzo Piano gestaltete ihn in den 90er Jahren zu einer Art Erlebnispark um. Gleich neben dem Aquarium ankert eine beliebte Selfie-Kulisse: der hölzerne Dreimaster „Neptune“, Nachbau eines spanischen Segelschiffs aus dem 17. Jahrhundert, mit weiß-goldenen Galionsfiguren. Der Regisseur Roman Polanski hatte ihn für seinen Film „Piraten“ bauen lassen.

Bald sieben Monate sind vergangen, seit in Genua ein Teil der vierspurigen Autobahnbrücke Ponte Morandi ganz plötzlich einstürzte. Die Katastrophe, die 43 Menschenleben forderte, machte weltweit Schlagzeilen und war nicht nur für die 600 000 Genueser ein Schock. Sie warf einen dunklen Schatten auf das Image der ligurischen Hafenstadt. Mehr als vier Millionen Schiffspassagiere werden hier pro Jahr abgefertigt, fast die Hälfte davon Kreuzfahrturlauber aus aller Welt. Aber in den ersten Wochen nach dem Unglück kamen deutlich weniger Touristen. „Kein Wunder, es sah ja in den Fernsehbildern aus, als wäre eine Bombe in Genua explodiert“, sagt Stadtführer Alessandro Ravera. Wer heute mit ihm durch die mittelalterlichen Gassenschluchten der Altstadt mit ihren bis zu siebenstöckigen Häusern streift, am Porto Antico entlang oder durch die Geschäftsstraßen des Zentrums spaziert, bekommt von den Nachwirkungen nichts mit. Der Verkehr fließt, es gibt keine kilometerlangen Staus mehr, wie in der ersten Zeit nach dem Einsturz.

Allerdings muss man vom Zentrum nur wenige Metrostationen fahren, um zum Schauplatz der Katastrophe zu gelangen. Im Arbeiterviertel Sampierdarena ragen die beiden mehr als 40 Meter hohen Stümpfe des Morandi-Viadukts auf. Ein 200 Meter langes Teilstück war am 14. August 2018 in die Tiefe gestürzt, ins Polcevera-Tal, das mit seinem Flusslauf und mehreren Bahnlinien Genua in zwei Hälften zerschneidet. Die Autobahnbrücke verband nicht nur Südfrankreich und Mittelitalien, sondern auch den Osten und den Westen der Stadt. 25 Millionen Autos fuhren jedes Jahr darüber, auch der Lastwagen-Verkehr zum Hafen wälzte sich über die Brücke. Wer von Nizza nach Florenz will, muss nach wie vor einen langen Umweg fahren. In der Stadt und zum Hafen hin wurden neue Straßenverbindungen geschaffen.

Alles liegt lahm in der „Roten Zone“

Nur rund um die „Rote Zone“ liegt noch alles lahm. Die Via Walter Fillak führt direkt hinein in das geräumte Niemandsland unter den Brückenresten. Sie ist durch Gitter abgesperrt und von Militärjeeps bewacht. In der Ferne sieht man die leeren Häuserblocks, in denen vor jenem 14. August mehr als 650 Menschen lebten.

Anna Rita und Giusy treffen sich regelmäßig am 14. jedes Monats vor der Absperrung der Via Fillak. Gemeinsam mit Dutzenden ehemaliger Nachbarn gedenken sie dann der Toten. Fast alle Opfer waren in Autos und Lastwagen in die Tiefe gestürzt. Das Wohnviertel blieb verschont. Anna Rita und Giusy, beide Mitte 60, sind unter der Morandi-Brücke groß geworden. Sie waren Mädchen, als sie in den 60ern über den Eisenbahner-Wohnblocks errichtet wurde. Als sie einstürzte, mussten sie ein ganzes Leben Hals über Kopf hinter sich lassen.

Anna Rita lebt jetzt zusammen mit ihrer Schwester in der Altstadt. Giusy hat mit der Entschädigung, die der frühere Autobahnbetreiber Autostrade per L’Italia an die „sfollati“, die Geräumten, zahlen musste, eine neue Wohnung gekauft. Etwa 300 000 Euro gab es im Schnitt pro Familie. Giusy hatte die Entschädigungssumme als Mitglied des Nachbarschaftskomitees mit ausgehandelt. „Aber für uns hat das alles keinen Preis“, sagt sie. „Das Viertel war unsere Heimat. Jeder kannte jeden.“ Jetzt sind die früheren Nachbarn verstreut. Giusy fühlt sich entwurzelt. Sie ist seit dem Unglück abgemagert, sucht Hilfe bei einer Psychologin.

Entwurzelt: Giusy Moretti und Anna Rita Certo (r.) an der Absperrung.

Auf der anderen Seite des Polcevera-Tals, wo ein Gewerbe- und Industriegebiet liegt, wird seit Anfang Februar am Abriss des westlichen Brückenstumpfes gearbeitet. Die schweren Maschinen sind dieselben, die auch schon das vor der Insel Giglio gekenterte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia aufrichteten. Mit ihnen werden nach und nach die bis zu 800 Tonnen schweren Fahrbahnteile an Stahlseilen zu Boden gelassen. Im März oder April startet dann der Abriss der Wohnblocks, Giusys alte Heimat. Es wird für sie noch einmal ein schwieriger Moment werden.

Zeitgleich soll bereits die neue Brücke gebaut werden. Entworfen hat sie Renzo Piano, selbst Genueser. 43 Lichtelemente werden an die Toten erinnern. Zahlen muss auch dafür der frühere Betreiber Autostrade. Die Populisten-Regierung in Rom gab dem zum Benetton-Konzern gehörenden Unternehmen von Anfang an die Schuld. Es habe die Instandhaltung vernachlässigt. Die Ermittlungen scheinen das zu bestätigen, laufen aber noch.

Die Stadt und die Region Ligurien drücken derweil aufs Tempo. Bis April 2020 soll die neue Brücke fertig sein. „Das sind wir den Bürgern schuldig“, sagt Stadtoberhaupt Marco Bucci, ein früherer Topmanager. Die Bürger sind aber skeptisch. Egal, mit wem man spricht in Genua, kaum jemand glaubt an das Versprechen. Zu groß ist die Wut, dass etwas so Unfassbares überhaupt geschehen konnte und der Staat sie nicht schützte. „Wir haben kein Vertrauen mehr“, sagen nicht nur Giusy und Anna Rita.

Früher war Genua eine Stahl- und Industriestadt. Dann kam in den 70er Jahren die Krise, seither hat es 25 Prozent seiner Einwohner verloren. Der Hafen floriert zwar wieder, ist aber hoch automatisiert. Um neue Jobs zu schaffen, bleibt der Tourismus, das weiß auch Bürgermeister Bucci. Er ist an diesem Abend zu einer Tagung in Genuas 120 Jahre altes „Grand Hotel Savoia“ gekommen, wo schon Igor Strawinsky und Liza Minelli nächtigten. Thema: Wie kann sich die Stadt als Urlaubsziel besser vermarkten?

Dieses Jahr wird eine Rekordzahl von Kreuzfahrttouristen im Hafen an Bord gehen. Sie sollen überzeugt werden, einige Tage in der Stadt zu verbringen. „Genua ist ein Juwel, das man entdecken muss“, sagt Bucci. Nicht nur Aquarium und Altstadt gebe es, sondern eine Oper von Weltklasse, Museen und tolle Architektur, wie die Unesco-geschützten Renaissance-Paläste aus der Zeit, als Genua eine mächtige Seefahrerrepublik war. Und bald auch die neue Brücke von Renzo Piano, Sinnbild einer Wiedergeburt. „Das Unglück, so tragisch es war, ist auch eine Chance für die Stadt“, glaubt Bucci.

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