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Verschnaufpause: Ein Tourist verweilt einen Moment in der ehemaligen Jesuitenreduktion Jesús de Tavarangüe.

Pilgerstrecke

Wiederbelebung eines Paradieses

Angelehnt an den Erfolg des europäischen „Jakobswegs“ soll nun auch in Paraguay eine neue Pilgerstrecke entstehen, die mehrere Jesuiten-Dörfer miteinander verbindet.

Die Tourismusbehörde Paraguays plant einen neuen Pilgerweg, orientiert am Erfolg der europäischen Jakobswege nach Spanien. Er soll mehr als 30 Jesuiten-Dörfer, sogenannte Reduktionen, miteinander verbinden, die im 17. und 18. Jahrhundert in Paraguay, Argentinien, Brasilien, Uruguay und Bolivien entstanden. Zu den Orten zählt etwa die im 17. Jahrhundert gegründete Reduktion San Ignacio Mini auf heute argentinischem Gebiet. In der Blütezeit sollen dort etwa 4000 Menschen gelebt und gearbeitet haben. Seit 1984 sind die Ruinen der Reduktion Teil des Unesco-Weltkulturerbes.

Ihr Erfolg war oft auch ihr Verderb: Nach dem rasanten Aufstieg der Jesuiten seit ihrer Gründung 1534 kippte Mitte des 18. Jahrhunderts das Wohlwollen der Könige. Nach der Entdeckung Lateinamerikas waren die Jesuiten missionarisch wie wirtschaftlich so effizient, dass sie den Neid der spanischen und portugiesischen Siedler auf sich zogen. Auch in Lissabon und Madrid waren sie dem Hofstaat ein Dorn im Auge.

Überbleibsel: Indigene Skulpturen liegen im saftigen Gras.

Binnen weniger Jahre wurden die Jesuiten aus den Weltreichen Portugal, Frankreich und Spanien ausgewiesen – auch aus den Jesuiten-Reduktionen in Lateinamerika. Die „Neue Welt“ war ein Lockruf für Abenteurer und Glücksritter. Die spanische Krone deklarierte ihre Eroberungen als Verbreitung des Christentums.

Allerdings handelten ihre Werkzeuge vor Ort keineswegs danach: Die Ureinwohner wurden ihrer Freiheit beraubt und zur Arbeit gezwungen. Erfinder einer Abhilfe, der sogenannten Reduktionen, waren nicht die Jesuiten, sondern der Franziskaner Luis de Bolanos (1550-1629). In Asuncion, der heutigen Hauptstadt Paraguays, ließ er Einheimische zusammenleben und -arbeiten, um sie vor dem Zugriff der weltlichen Eroberer zu schützen.

1603 beschloss eine Jesuiten-Synode Maßnahmen gegen die Versklavung und Ausbeutung der Indios, unter anderem die Möglichkeit zum Schutz vor unmittelbarem spanischen Zugriff: die Geburtsstunde dessen, was von Seiten der Eroberer als „Heiliges Experiment“ bespöttelt wurde. Ab 1610 richteten sie im heutigen Paraguay selbstverwaltete Reduktionen zum Schutz der Indios vor Sklavenhändlern ein.

Geschichte: Die Ruinen stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert.

Die Schulen und Reduktionen in Paraguay, Argentinien, Brasilien und Bolivien entwickelten sich prächtig. Organisiert waren sie in Dörfern von 400 bis 7000 Einwohnern, die Ackerbau, Viehzucht und Handwerk, später auch Kunstgewerbe betrieben. Allein in den 30 Reduktionen des Guarani-Volkes lebten in den 1730er Jahren rund 140 000 Menschen. Mehr als 700 000 Indios sollen dort zwischen 1610 und 1767 getauft worden sein – und getaufte Indios durften gemäß königlichem Erlass von 1607 nicht versklavt werden.

Die Jesuiten reisten, oft beschwerlich, zu Wasser und zu Lande, um die Kommunikation zwischen den häufig weit voneinander entfernten Reduktionen aufrechtzuerhalten. Neben den Produkten für den eigenen Bedarf wurden bald auch Export-, Tausch- und Luxusgüter hergestellt: Baumwolle, Indigo, Tabak, Früchte und Mate. Auf die Erlöse wurden Steuern an die spanische Krone entrichtet; der Rest wurde reinvestiert. Eine kulturelle Frucht der Reduktionen war die geistliche Musik des sogenannten Jesuiten-Barock.

Der missionarische und vor allem wirtschaftliche Erfolg der Reduktionen – es herrschte dort eine austarierte Mischung aus Privat- und Gemeinschaftsbesitz – rief Neider auf den Plan: Militärs, Händler und Kaufleute, Großgrundbesitzer, teils sogar Bischöfe beklagten sich fortwährend über den Orden – und scheuten auch vor unlauteren Mitteln nicht zurück. In den 1630er Jahren wurden ganze Indio-Dörfer niedergebrannt, die Bewohner ermordet oder versklavt. Vergeblich baten die Jesuiten die Krone um Schutz.

Schließlich gestattete Spaniens König Philipp IV. dem Orden, eine bewaffnete Indio-Schutztruppe gegen die Überfälle der sogenannten Paulistas aufzustellen. Ein Gemisch von lokalen Unruhen und Aufständen, von gestreuten Gerüchten, Mythen und Legenden über vermeintliche Illoyalität und illegale Machenschaften der Jesuiten in den Reduktionen führten schließlich zum „Verlust des Paradieses“.

Attraktion: Die Touristenbehörde hofft auf deutlich mehr Besucher.

Die Könige Spaniens und Portugals schenkten den Einflüsterungen, Verleumdung und Hörensagen bei Hofe zunehmend Gehör und ordneten mehrere Untersuchungen an – deren Ergebnisse zwar stets die Vorwürfe Lügen straften. Doch das Klima verschlechterte sich immer mehr.

Portugals Erster Minister Sebastiao Jose de Carvalho e Mello, Marques de Pombal, übertölpelte den schwachen spanischen König Ferdinand VI. mit einem Gebietstausch, durch den sieben Reduktionen am Rio Uruguay mit rund 30 000 Bewohnern mit einem Schlag aufgelöst wurden. Entgegen den Rat der Patres ergriffen viele Einheimische die Waffen – und wurden 1753 vernichtend geschlagen. Der Vorfall war nur Anlass für weitere Maßnahmen. In Portugal wurde 1759 das Vermögen des Ordens beschlagnahmt und alle Jesuiten des Landes verwiesen. Der Vorwurf: Aufstachelung der Indios gegen den König sowie Mordkomplott. Andere Länder nahmen den Ball auf: Frankreich folgte 1764, Spanien 1767.

Mit Erlass vom 2. April 1767 wurden alle Jesuiten- Reduktionen aufgelöst. Allein in der Provinz Paraguay waren mehr als 110 000 christliche Einwohner betroffen, zwölf Gymnasien und eine Universität. Kolonisten übernahmen die Gebiete, ohne ihr Handwerk ausreichend zu verstehen. Ein jahrhundertelanger wirtschaftlicher Niedergang begann. Nun, gut 250 Jahre danach, sollen hier wieder Einnahmen generiert werden – und das Erbe der Jesuiten neu erfahrbar werden. (Alexander Brüggemann, kna)

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