In Spanien am Strand mallorca
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In Spanien am Strand.

Urlaub auf Mallorca

Mallorca 2020: Die Partymeilen sind dicht, die Strände voll

  • Martin Dahms
    vonMartin Dahms
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FR-Korrespondent Martin Dahms hat sich auf der Insel im Krisenmodus umgesehen.

  • Entspannt auf Mallorca, sorgenvoll in Barcelona - Spanien-Urlaub in Zeiten von Corona
  • Im recht leeren Mallorca ist jetzt alles zum Besten
  • Auf Mallorca ist es derzeit „wie im Oktober an der Ostsee“

Vier Möwen stehen im Sand und schauen aufmerksam wie Rettungsschwimmer aufs Meer hinaus. Eine wirft den Kopf in den Nacken und reißt den Schnabel auf, dass man ihre Zunge sieht. Sie gähnt. Es ist Ende Juli an der Playa de Palma auf Mallorca.

Ein paar Schritte vom Strand entfernt, in der „Sonnenbäckerei“, trinkt René Schlag einen Kaffee und sagt: „Das Schöne ist, wenn du jetzt dort hinten vorbeiläufst: Es stinkt nicht mehr nach Pisse.“ Dort hinten, am Balneario 5, auf Höhe des verrammelten Megaparks, fährt ein Streifenwagen der Lokalpolizei vor. Dort sitzen ein paar Jungs und trinken mit langen Strohhalmen Sangria aus einem Eimer. Das gibt es noch. Als die Beamten sie dazu auffordern, stehen die jungen Leute auf, ziehen sich ihre Masken über Mund und Nase und schlendern davon, als wäre nichts gewesen. Ihren Eimer dürfen sie mitnehmen.

Mallorca: Was alles anders ist als in den Jahren zuvor

Was ist an der Playa de Palma anders als im Juli vergangenen Jahres? „Das ist leicht zu erklären“, sagt Christian Lafourcade, der uruguayische Wirt der deutschen Kneipe „Zur Krone“. „Heute kannst du über die Uferpromenade spazieren. Vor einem Jahr hättest du keinen Schritt tun können, so voll war es.“

„In einer normalen Saison“, sagt der Rezeptionist Eduardo Murillo, der an der Playa de Palma wohnt, „magst du hier nicht vorbeikommen. Mein Sohn wird jetzt älter, und es gibt bestimmte Sachen, von denen ich nicht will, dass er sie sieht. Und ich fahre lieber an einen anderen Strand als an den vor meiner Haustür.“

Klaus-Dieter und Jutta Knode in der Krone: „Genau wie zuhause.“

Die Rückeroberung: Magaluf, 30 Kilometer westlich der Playa de Palma, ist sonst die Hochburg der britischen Partytouristen. Der Strand ist weiß und weich, das Meer ist warm und klar. Spanische und portugiesische Familie trollen sich friedlich im Sand und Wasser. Kein Englisch zu hören.

Mallorca: Die Treue der Deutschen zur Insel ist ein Phänomen

Die Familie Septinus aus Jülich, Großeltern, Eltern und ein Enkelkind, wohnt dieses Jahr nicht am Strand, sondern im Inselinneren, in einem wunderbaren Haus mit Garten und eigenem Schwimmbad im Dorf Caimari. Gebucht hatten sie schon im November, da ahnten sie noch nichts von Corona, aber jetzt sind sie froh, weit weg von allem Trubel zu sein. Sie waren gerade am Strand von Alcudia und „echt erschrocken“, sagt Mutter Anja Septinus. „Wir haben unheimlich viele Geschäfte geschlossen gesehen und Bars, wo wir letztes Jahr noch waren. Und ich hab so gedacht: Ach komm, wir haben zumindest dazu beigetragen, das hier aufrecht zu erhalten – indem wir gekommen sind.“

Mallorca hält sich aufrecht, mit Mühe. Drei Monate, von Mitte März bis Mitte Juni, war die Insel für Besucher geschlossen. Jetzt kommen die Menschen wieder. Leute, die die Insel mögen, wie Familie Septinus, und sich seit Jahren auf den Weg nach Mallorca machen. Die Treue der Deutschen zu Mallorca ist ein Phänomen. Klaus-Dieter Knode, Düsseldorfer Stammgast in der „Krone“ an der Playa de Palma, kommt seit 1966. Dieses Jahr war er gemeinsam mit seiner Frau Jutta schon im Februar auf Mallorca, danach hatten sie für den April und dann wieder für den Juni gebucht, anschließend sollte erstmal Pause sein bis Ende September, „wegen der Hitze“. Jetzt sind sie doch hier, sie haben lieber umgebucht als storniert. Und sind glücklich. „Die Insel ist ja wunderschön. Wunderschön. Jetzt ist sie noch schöner, weil sie ganz leer ist. Is‘ ja nix los.“

Familie Septinus: Menschen, die die Insel mögen, kommen jetzt wieder.

Auf Mallorca lässt sich im Sommer 2020 auch die Hitze besser auhalten

„Nix los“ muss man im Falle Mallorcas genauer definieren. Die Strände sind voll, die Playa de Palma ebenso wie der Strand von Magaluf oder die kleine malerische Bucht Sant Joan in der Nähe von Alcudia, in der sich fast nur Einheimische tummeln. Die Strände sind voll, aber nicht brechend voll. Überall ist noch Platz für Neuankömmlinge – oder ein paar Möwen. Man fühlt sich von niemandem bedrängt. Das ist im Juli sonst nicht so. „Die liegen ja bis hier vorne hin. Die liegen ja wie die Heringe normalerweise im Sommer“, weiß Klaus-Dieter Knode. Am Strand diskutiert eine Gruppe junger Leute aus Berlin und Hamburg über die Lage. „Es ist wie im Oktober an der Ostsee“, sagt einer. Bei deutlich höheren Temperaturen. Aber auch die Hitze lässt sich besser aushalten, wenn man nicht ständig anderen Leuten auf die Füße tritt.

Vor dem Virus fürchtet sich hier niemand. Die, die es fürchten, sind in Deutschland geblieben. Gefährdet ist man hier „genau wie zuhause“, sagt Knode. So denken die meisten. Die Zahlen geben ihnen recht. Die Zahl der Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner in den vergangenen zwei Wochen liegt auf den Balearen mit 8,3 genauso hoch wie in Deutschland. Woanders sieht es schlimmer aus, zum Beispiel in Katalonien oder in Luxemburg.

Für alle Fälle herrscht auf den Balearen Maskenpflicht. „Das interessiert uns ja nicht“, sagt René Schlag, auch er ein Düsseldorfer, der gemeinsam mit seinem Freund Jürgen Detempli an der Playa de Palma Urlaub macht, „ob ich die Maske zuhause hab, oder hier, wo ich Urlaub mache, völlig egal.“ Ob man die Maske trägt oder nicht, ist offenbar eine Charakterfrage. Manche sind gewissenhaft oder fürchten die Bußgelder, viele andere haben die Maske zum Kinn runtergeschoben oder sie übers Handgelenk gezogen. Die Septinus gehören zur ersten Gruppe. „Wir achten auf Distanz, auf die Maskenpflicht“, sagt Großmutter Roswitha. „Wir verhalten uns zuhause auch so! Ich seh‘ da keine große Einschränkung.“

Ballermann-Touristen sorgen auf Mallorca für Ärger

Andere offenbar schon. Sie benehmen sich, „als wenn kein Corona wär‘“, sagt Jutta Knode mit einem feinen Lächeln. Gemeint sind „diese Ballermann-Touristen“, wie sie Torsten Nix nennt, der Ehemann von Anja Septinus. Die Ballermann-Touristen haben vor nicht langer Zeit in der sogenannten Bierstraße, nicht weit vom Balneario 6 – dem berühmten Ballermann –, gefeiert, gar nicht besonders ausschweifend, aber eben ohne Masken und ohne Abstand zu Nebenmann und Nebenfrau, ein deutscher Journalist hat das gefilmt, und fertig war der Skandal. „Da habe ich mich schon maßlos aufgeregt“, sagt Torsten Nix, der von der Geschichte noch in Deutschland mitbekam. „Gerade dass die aus unserem Land kommen, das fand ich besonders unangenehm. Wo die Spanier so schwer getroffen sind von Corona. Und dann kommen da so ein paar Idioten, die alles missachten – und damit im Grunde alle Anstrengungen der Spanier missachten.“

Christian Lafourcade: „Heute kannst du über die Uferpromenade spazieren.“

Über jenes freitägliche Bierstraßenvergnügen redet auf Mallorca immer noch alle Welt. Vor allem, weil es Konsequenzen hatte: Am Mittwoch darauf erklärte die Balearen-Regierung die Bierstraße und die Schinkenstraße an der Playa de Palma und die ebenso vergnügte Straße Punta Ballena in Magaluf für geschlossen. Über die Motive für diese vorerst zweimonatige Schließung schwirren einige Theorien herum. „Was wir hier hören ist, dass es einen Anruf aus Deutschland beim spanischen Gesundheitsminister gab“, sagt Eugenia Cusí, die Sprecherin des Verbandes der kleinen Restaurationsbetriebe auf Mallorca. „Und der Minister hat in Mallorca angerufen: Wir müssen einen guten Eindruck in Deutschland machen, sonst drehen die uns den Tourismus ab. So sind die Gerüchte.“

Am Samstag nach der Freitagsparty zog Polizei in der Bierstraße auf, so war die Ordnung schnell wiederhergestellt. Drastischere Maßnahmen waren überflüssig. Dass die Regionalregierung sie trotzdem traf, ist „aus meiner bescheidenen Sicht der Dinge eine Werbeaktion für die Sicherheit auf der Insel“, sagt Christian Lafourcade von der „Krone“. Eine Demonstration der Entschlossenheit im Kampf gegen das Virus. Oder noch mehr. „Die Regierung hier möchte den Sauftourismus nicht mehr haben“, glaubt der nahe der Playa de Palma lebende deutsche Geschäftsmann Peter Berghoff. Corona sei bloß der Vorwand für eine ohnehin geplante Politik gegen das schrankenlose Vergnügen.

Die Sau kann man auf Mallorca derzeit nicht rauslassen

Darüber wird auf Mallorca nun schon seit Jahren geredet, ohne dass sich die Dinge bisher fundamental geändert hätten. Für einen Sommer nun auf einmal doch, Corona sei Dank. Die Berlin-Hamburger Freundesgruppe am Strand findet das „schade, das Nachtleben fehlt schon“. Aber anderseits sei nun „alles schön ruhig“, und sowieso gehe es ihnen hauptsächlich darum, mal wieder zehn Tage gemeinsam zu verbringen. Nun bummeln sie abends über die Strandpromenade der Playa de Palma, an der fast alle Läden und Kneipen geöffnet haben. Gepflegte Entspannung. Nur die Sau kann man hier derzeit nicht rauslassen.

Im Inselinneren weiß man von den Enthemmungen an der Playa de Palma und in Magaluf sowieso nur aus den Medien. Hier war die Welt immer etwas stiller, selbst in der Hochsaison. Jetzt ist sie noch stiller. Auf dem Parkplatz beim Santuari de Lluch, einer Klosteranlage im Tramuntana-Gebirge, steht ein gutes Dutzend Autos, „sonst ist der voll“, sagt die Ticketverkäuferin. Es gibt aber auch Ecken, die nie vom Massentourismus berührt waren, so wie das wunderbare Landschafts- und Kunstmuseum Sa Bassa Blanca auf einer Halbinsel ganz im Nordosten Mallorcas. Den Besuchern wird vor dem Zutritt Fieber gemessen. Es sind nur eine Handvoll. So wie immer, sagt die Frau am Eingang.

Annett Köhler mit ihren Gästen in der Sonnenbäckerei.

So schnell ist Mallorca nicht unterzukriegen

Es ist ein schönes Gefühl, die Insel für sich zu haben. Aber wovon leben die Mallorquiner? Alle sind voller Hoffnung, dass es irgendwie weiter und wieder aufwärts geht. Pedro Pascual und seine nepalesische Frau Doma Sherpa haben gerade das „Petit Caimari“ eröffnet, ein Achtzimmer-Landhotel, am 20. Juli kamen die ersten Gäste. „Fürs nächste Jahr hoffen wir, dass es einen Impfstoff gibt und Covid vergessen ist“, sagt Pascual.

Die Restaurantgruppe Tast, der Eugenia Cusí vorsteht, eröffnet an diesem Mittwoch (29.07.2020) ein neues Lokal am zentralen Platz von Sóller mit großer Terrasse. „Ich werde auf nichts verzichten, was ein gutes Geschäft sein kann“, sagt Cusí. Peter Berghoff hat das deutsche Ärztezentrum, das er an der Playa de Palma betrieb, wegen der Coronakrise geschlossen. Sein neues Geschäft ist die „Wohnung und Haus Mallorca“. „Was im Moment wahnsinnig boomt, ist Finca-Urlaub. Die Fincas gehen weg wie sonst was“, sagt er. Und auch Anett Köhler, die Betreiberin der „Sonnenbäckerei“ aus dem Erzgebirge, die im Winter auf Mallorca Dresdner Stollen verkauft, kennt keine Verzagtheit. „Also wir sind noch hier in einem Jahr“, sagt sie fröhlich. „Wir strukturieren halt um. Und machen andere Sachen, die vielleicht besser funktionieren.“ So schnell ist Mallorca also nicht unterzukriegen. (Von Martin Dahms)

Urlaub trotz Corona ist zwar möglich, aber immer schwingt auch die Angst vor einer Infektion im Ausland mit. Auf Mallorca müssen mehrere Touristen jetzt in Corona-Quarantäne.

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