Christopher Street Day 2020 in Frankfurt: Coronabedingt ist dieses Jahr vieles anders.
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Christopher Street Day 2020 in Frankfurt: Coronabedingt ist dieses Jahr vieles anders.

CSD light

Wie Frankfurt trotz Corona den Christopher-Street-Day feiert

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Die queere Szene macht sich beim CSD in Frankfurt am Samstag mit Autos und zu Fuß in der Frankfurter Innenstadt sichtbar, ergänzt durch Online-Formate.

  • CSD in Frankfurt muss in Coronakrise neue Wege suchen
  • Pandemiebedingt muss vieles ausfallen
  • CSD setzt auch um umstrittenen Autokorso

Das, was man am Samstag um 11.35 Uhr auf dem Frankfurter Römerberg sieht, hat mit dem traditionellen Christopher Street Day wenig zu tun. Ein paar Dutzend Menschen stehen unschlüssig um den mit Bändern abgesperrte Platz herum, es weht (noch) keine Regenbogenfahne vom Römerbalkon, keine Musik schallt durch die Innenstadt, keine Motivwagen reihen sich auf. Keine Stände stehen auf der Zeil und in der Alten Gasse. Die Party auf der Konstablerwache fällt aus, der Stöckelschuhlauf auch.

Es ist, mit einem Wort, eine Light-Version des Christopher Street Days, den die Veranstalter am Wochenende auf die Beine gestellt haben. Pandemiebedingt.

CSD in Frankfurt: Feier mit Regenbogenfahne und Rotkäppchensekt

Mit Glockenschlag um zwölf öffnet sich die Tür zum Römerbalkon und heraus tritt unter anderem Silvia Weber (SPD), Dezernentin für Bildung und Integration in Frankfurt, eine große Regenbogenfahne in der Hand. Die wird gehisst, es gibt den ersten Applaus.

Ordner fragen die Community, ob sie über das Flatterband in den abgesperrten Bereich kommen wollen. „Pass ich da überhaupt drüber?“, meint ein Teilnehmer. Ordner bitten die Menschen, ihre Masken überzuziehen. „Kannst du bitte auch deine Maske auflassen, wenn du was trinkst?“, scherzt ein Mann.

Rotkäppchensekt wird geöffnet, jetzt wehen mehr Regenbogenfahnen, die Regenbogen-Crew der Aidshilfe zeigt schlanke Körper unter Farbe. Silvia Weber ruft zur Solidarität mit Künstler*innen auf, die unter der Coronakrise leiden, verkündet, dass der Mietvertrag für das Szenelokal Café Switchboard in der Alten Gasse bis 2028 verlängert worden sei, zum zweiten Mal bekommt sie Applaus.

CSD in Frankfurt: Unsichtbarkeit überwinden

Nun greift Joachim Letschert am Römer zum Mikrofon. 15 Jahre lang hat er den CSD Frankfurt mitorganisiert, nun ist Schluss, Christian Setzepfandt, Stadtführer und Vorstand der Aidshilfe Frankfurt, würdigt Letschert als den intellektuellen Kopf des Vereins.

Unterdessen reihen sich rund 50 Autos am Mainkai auf, ausnahmsweise, trotz der Sperrung, die noch bis 1. September beschlossen ist. „Dass mit dem Autokorso ist nicht so optimal“, gibt Letschert zu, aus Umweltschutzgründen, „wir sind uns dessen bewusst“. Es gebe aber auch ein „Menschenrecht“, sich zu versammeln und für die gemeinsame Sache einzustehen, dieses Menschenrecht habe bei den Bedenken überwogen.

In diesem Jahr feiere der CSD wieder ein Jubiläum, sagt er, nach 50 Jahren Stone-Wall-Riots im vergangenen Jahr nun 50 Jahre CSD-Demonstrationen, die 1970 in den Vereinigten Staaten begonnen haben. Nach 50 Jahren sei die queere Community „in der Mitte der Gesellschaft angekommen und sogar ein wenig unsichtbar geworden, weil es so normal geworden ist“, sagt Letschert. Einmal im Jahr, beim CSD, wolle man diese Unsichtbarkeit überwinden, zusammen lachen, feiern, demonstrieren - und auch trauern.

CSD in Frankfurt: 500 Menschen schweigen und trauern

In der Schweigeminute, die Christian Setzepfandt moderiert, steigen etwa 100 schwarze Luftballons in den Himmel, musikalisch begleitet mit „Over the Rainbow“ auf dem Saxophon, in Erinnerung an die Menschen, die an Aids gestorben sind. Eine besondere Stimmung herrscht in diesem Moment auf dem Römerberg, wo die mittlerweile 500 Menschen innehalten und schweigen.

Noch heute lebten 35 Millionen Menschen mit Aids oder HIV, 25 Millionen davon auf dem afrikanischen Kontinent, so Setzepfandt, der eine humanitäre Katastrophe heraufziehen sieht. Denn durch die mangelnde Versorgung mit Medikamenten in Folge der Coronakrise drohten in diesem und im nächsten Jahr eine halbe Million Menschen vorzeitig an den Folgen von Aids zu sterben.

Der Moment vergeht, die Stimmung wird fröhlicher, die Menschen laufen zum Mainkai, setzen sich in die Wagen, die mit Regenbogenflaggen und Einhörnern dekoriert sind, Teilnehmer breiten eine riesige Regenbogenflagge aus und laufen vor dem Autokorso her.

CSD in Corona-Zeiten: Hoffen auf „feiern wie immer“

Nun schallt Musik aus den Auto-Lautsprechern, Radio Sub (91,8 FM) überträgt live, der Zug läuft über die Braubachstraße zur Konrad-Adenauer-Straße, über die Alte Gasse zur Stiftstraße, wo schon Dutzende am Straßenrand warten, am Roßmarkt vorbei zur Weißadlergasse, um schließlich an der Hasengasse zu enden.

Auf ihrer Website hatten die Veranstalter knapp vier Stunden Unterhaltungsprogramm hochgeladen, Live-Auftritte und Interviews mit Ladenbesitzern und Szenewirten. Durch das Programm führten Frankfurter Drag-Queens. Die Online-Formate seien wichtig, um in Coronazeiten Sichtbarkeit herzustellen, hielten die Moderator*innen fest, um dann festzustellen. „Wir sind froh, wenn wir nächstes Jahr wieder wie immer feiern können.“

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