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Country-Fans wurden in Las Vegas von den Schüssen überrascht.

Amoklauf in Las Vegas

"Wie eine Horror-Show"

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Horror bei einem "Country-Music-Festival" in Las Vegas. Ein Massenmörder bringt mindestens 50 Konzertbesucher um und verletzt mehr als 400 weitere. Nie zuvor kamen in den USA bei einer Schießerei so viele Menschen ums Leben.

Das dreitägige „Route 91 Harvest“-Festival  steuert am Sonntagabend seinem Finale entgegen. Viele der mehr als 30.000 ausgelassenen Country-Fans in Stetson, Mini-Rock und Western-Stiefeln singen den Refrain von Jason Aldeans „She‘s Country“ mit. Unter den Hit mischen sich plötzlich „Tak, Tak, Tak“-Laute. 

„Ich dachte, die haben aus Versehen vorzeitig mit dem Feuerwerk begonnen“, beschreibt Storme Warren die Szene, die der SiriusXM-Radiomoderator von der Seite der Bühne auf dem als „The Lot“ bekannten Platz vor dem Mandalay Bay Ressort am Südende des Las Vegas Strip erlebte. „Beim dritten Mal wusste ich, dass etwas nicht in Ordnung war“.  

Das Video eines Konzertbesuchers dokumentiert, wie Country-Star Aldean inmitten des Kugelhagels von der Bühne in Sicherheit gebracht wird. Dann bricht Panik aus. „Es war wie eine Horror-Show“, erinnert Ivetta Saldana an Menschen, die blutüberströmt auf dem Boden lagen, Deckung suchten oder vor den Salven davonzulaufen versuchten.

Die Kugeln schienen von überall her zu kommen. Daher gingen die herbeigeeilte Polizei und Sondereinsatz-Kommandos zunächst von mehreren Schützen aus. Sehr schnell konzentrierten sich die Sicherheitskräfte auf die oberen Etagen des „Mandalay-Bay“-Ressorts, aus der automatische Waffen in die Menge feuerten.

„Das war als ob jemand mit einem Maschinengewehr auf Fische im Aquarium schießt“, erklärt Experte James Gagliano auf CNN, warum das „Mandalay“-Massaker zum tödlichsten in der Geschichte der USA geriet.  

Die Konzertbesucherin Rachel De Kerf, die ihre Flucht auf Video dokumentierte, rannte um ihr Leben. „Es hörte nicht auf“, beschreibt sie den Kugelterror, der mit ein paar kurzen Unterbrechungen zehn bis fünfzehn Minuten anhielt. Die Ordner in den gelben T-Shirts trieben die Menge an. „Lauft, lauft, lauft“.

Derweil sperrte die Polizei den berühmten Strip in Las Vegas. Die Gäste in naheliegenden Hotels mussten in ihren Zimmern bleiben, die Lichter ausmachen und sich auf den Boden setzen. Der internationale Flughafen von Las Vegas, der gleich hinter dem Mandalay Bay Ressort liegt, stellte den Flugverkehr ein. Flüchtende waren auf die Start- und Landebahnen gelaufen. 

Ein Sondereinsatzkommando lokalisierte auf der 32. Etage des Ressorts das Zimmer aus dem die Schüsse fielen. Beim Sturm des Raums brachte sich der mutmaßliche Täter um. Die Polizei identifizierte diesen später als den 64-jährigen weißen Renter Stephen Paddock aus dem Wüstenstädtchen Mesquite, das rund hundert Kilometer vor den Toren Las Vegas liegt.

Der Sheriff von Clark County Joseph Lombardo nannte den Verdächtigen einen „einsamen Wolf“. Es gebe keinerlei Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund. Die Motive des mutmaßlichen Einzeltäters waren zunächst nicht klar. Paddocks Bruder Eric sagte dem Fernsehsender ABC, er „verstehe nicht“, was ihn zu der „unglaublichen“ Tat angetrieben habe könnte. „Er hat absolut keine Geheimnisse in seiner Vergangenheit“.

Die Polizei stellte in dem Hotelzimmer zehn Gewehre und Munition sicher. Weitere Aufschlüsse versprechen sich die Ermittler von der Durchsuchung des Hauses in Mesquite und der Befragung seiner Partnerin, die „mit fast hundertprozentiger Sicherheit“ identifiziert worden sei. Lombardo nannte die Frau „eine Person, an der wir interessiert sind“.  

Die tödlichste Schießerei der US-Geschichte

Ob es sich dabei um dieselbe Person handelt, die sich 45 Minuten vor dem Massaker durch die Konzertbesucher drängte und düstere Drohungen aussprach, blieb unklar. Augenzeugen berichten, eine Frau habe gesagt: „Ihr werdet heute alle sterben“.

Schon die vorläufige Zahl der Toten und Verletzten macht die Schießerei zu der tödlichsten in der Geschichte der USA. Die Zahl der Opfer übersteigt die des Massakers im „Pulse“-Nachtclub von Orlando im Juni 2016 und die des Blutbads in der Grundschule von Sandy Hook in New Jersey 2012.  

Die europäischen Botschaften bemühen sich fieberhaft darum, Auskünfte zu erhalten, ob sich Staatsbürger unter den Toten und Verletzen befinden. 

US-Präsident Donald Trump, der Gouverneur von Nevada, Brian Sandoval und zahlreiche andere Politiker drückten den Opfern und Angehörigen ihr Mitgefühl aus. Papst Franziskus schloss die Betroffenen in seine Gebete ein. Auch die Ex-Präsidenten Barack Obama und Bill Clinton zeigten ihre Anteilnahme. 

In einer Ansprache an die Nation rief Trump seine Landsleute zur Einheit auf. Der Präsident nannte den Massenmord als „Akt des absolut Bösen“. Das Land sei vereint in „Traurigkeit, Schock und Trauer“. Trump dankte für den schnellen Einsatz der Polizei und Rettungshelfer, die eine noch größere Katastrophe verhindert hätten. Am Mittwoch wollte der Präsident Las Vegas besuchen.

Die Schießerei löste erneut den Ruf nach strengeren Waffengesetzten aus. „Der Kongress muss endlich seinen Hintern heben, und etwas tun“, empörte sich Senator Chris Murphy. Der Demokrat profilierte sich nach dem Massaker an der „Sandy Hook“-Grundschule als lautstarker Advokat für Begrenzungen beim Zugang zu Waffen und Munition. 

Beim Schützen von Las Vegas gibt es nach Angaben der US-Ermittler bisher keine Hinweise auf Verbindungen zu internationalen Terrororganisationen. Das sagte am Montag ein Sprecher der US-Bundespolizei FBI. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hatte die von einem 64-Jährigen verübte Bluttat für sich reklamiert.

Keine Änderung der Gesetze erwartet

„Nirgendwo anders als in Amerika passieren diese schrecklichen Massenschießereien in solcher Regelmäßigkeit,“ klagt Murphy die „Laissez-Fair“-Politik an. „Die Gedanken und Gebete sind grausam leer, wenn sie sich mit gesetzgeberischer Indifferenz paaren“.   

Nevada gehört zu den Bundesstaaten, in denen jede Person über 18 Jahre, die legal eine Waffe besitzen darf, diese an den meisten Orten offen tragen kann.   

Die Harvard-Forscher Daniel Hemenway und Matthew Miller untersuchten die Korrelation zwischen Waffenbesitz und Mörderrate in 26 Industrienationen und entdeckten einen „im höchsten Maße signifikanten Zusammenhang“. Die Mordrate mit Handfeuerwaffen liegt im Durchschnitt um das 20-fache über den der OECD-Staaten abzüglich Mexikos.

Nur wenige Analysten erwarten nach dem Mandalay-Massaker eine Änderung der Gesetze. Tatsächlich steigt in den Tagen nach Schießereien in den USA der Absatz an Waffen. Zur Eröffnung des Handels legte der Aktienkurs des Waffenherstellers Smith&Wesson am Montag um 3,77 Prozent zu. 

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