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Jahrelang missbrauchten Andreas V. und Mario S. auf einem Campingplatz mehr als 30 Mädchen und Jungen. Die Täter wurden zu langen Haftstrafen mit Sicherheitsverwahrung verurteilt.

Missbrauchsfall Lügde

„An Widerwärtigkeit nicht zu überbieten“

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Jahrelang missbrauchten Andreas V. und Mario S. auf einem Campingplatz mehr als 30 Mädchen und Jungen. Die Täter wurden zu langen Haftstrafen mit Sicherheitsverwahrung verurteilt.

Immer wieder schaut Anke Grudda den beiden Angeklagten in die Augen. Ihr Ton bleibt ruhig: „Sie haben den Kindern unendliches Leid zugefügt. Sie haben ihre Kindheit schwer belastet, vielleicht sogar zerstört“, sagt die Vorsitzende Richterin. Auf der Anklagebank im prall gefüllten Saal 165 am Landgericht Detmold hält Andreas V. dem Blick stand, der Mitangeklagte Mario S. starrt auf den Tisch. Die Männer bleiben regungslos, emotionslos, stumm. Wie schon während des gesamten Prozesses.

Nach zehn Verhandlungstagen ist am Donnerstag das Urteil gefallen im Verfahren um den bislang größten Fall von Kindesmissbrauch in Nordrhein-Westfalen auf einem Campingplatz in Lügde. Am Ende stehen lange Freiheitsstrafen: 13 Jahre für den 56-jährigen Andreas V., zwölf Jahre für den 34-jährigen Mario S. – inklusive anschließender Sicherungsverwahrung. Für beide.

Fast 300-mal soll sich der eine an Kindern vergangen haben, 160-mal der andere. 24 Mädchen und acht Jungen wurden von ihnen in den letzten 20 Jahren missbraucht. Immer noch falle es schwer, die Taten in Worte zu fassen, so die Richterin. Die Fotos, die Videos und die Berichte der Kinder seien „an Widerwärtigkeit nicht zu überbieten“.

In der einstündigen Urteilsbegründung wird noch einmal deutlich, was so fassungslos macht: Es sind die Vielzahl der Taten, der lange Tatzeitraum, „aber es ist vor allem die Art und Weise, die so betroffen macht“, sagt Richterin Grudda.

Schwerer sexueller Missbrauch, das bedeute Oralverkehr, Analverkehr, Vaginalverkehr mit Kindern, teilweise erst vier Jahre alt. Erzwungen durch ein perfides System aus Belohnung, Bedrohung und Manipulation der Schwächsten. Die Kinder schwiegen, weil „Addy“ damit drohte, sie anderenfalls ins Heim zu schicken, oder weil Mario vorgab, sich dann umzubringen. Kindern, die sich offenbarten, wurde zunächst nicht geglaubt.

Knapp unter Höchstmaß

Die Richterin verweist auf die innere Zerrissenheit der Opfer. Zu Andreas V. sagt sie: „Die Kinder haben Sie geliebt.“ Er habe Ausflüge und Geschenke aber schließlich nur als Fassade benutzt, um seine pädophile Neigung zu verschleiern. „Es ging Ihnen immer nur um sich.“

Was er und Mario S. den Kindern angetan hätten, müssten diese nun ein Leben lang aufarbeiten. Die Opfer hätten mit Schlafstörungen, selbstverletzendem Verhalten und Schuldgefühlen zu kämpfen. „Manche haben Angst, dass die beiden aus dem Gefängnis ausbrechen und dann alles weitergeht.“

Dass beide Angeklagten in Sicherungsverwahrung bleiben werden, war für das Gericht unzweifelhaft. Beide hält das Gericht für unehrlich, manipulativ und frei von Reue. „Wir haben nicht den Eindruck, dass Sie nur im Ansatz begriffen haben, was Sie den Kindern angetan haben.“

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Für viele Beobachter wäre bei diesen Verbrechen nur eine lebenslange Strafe infrage gekommen, sagt Grudda, „aber das Gesetz sieht eine Höchststrafe von 15 Jahren vor“. Dass das Strafmaß knapp darunter bleibt, hängt mit den Geständnissen zusammen, die beide über ihre Anwälte am ersten Verhandlungstag abgelegt hatten. Für das Gericht sollen sie Signalwirkung haben: Ein Geständnis ist etwas wert – weil es die einzige Möglichkeit ist, den Opfern Aussagen zu ersparen. Trotzdem hatten die Betroffenen unter Ausschluss der Öffentlichkeit Gelegenheit dazu.

Einige Opfer hatten den Mut, vor Gericht auszusagen. Eine heute 19-Jährige wollte Andreas V. und Mario S. damit zeigen: Ihr habt keine Macht mehr über mich. Auch zur Urteilsverkündung ist sie gekommen. Wort für Wort hört sie sich in einem Nebenraum per Videoübertragung an. Sie will die Möglichkeit nutzen, einen Abschluss zu finden.

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