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In den USA sitzt der oberste Leugner des Klimawandels im Weißen Haus: „Es wäre nicht schlecht, jetzt ein bisschen von der guten alten globalen Erwärmung zu haben“, twitterte Trump, als im Januar ein Schneesturm im Land tobte.

Klima

Wetterextreme

Der Klimawandel ist real – und er ist vom Menschen gemacht. Darüber sind sich die allermeisten Forscher einig. Trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die das alles leugnen – nicht nur in der Politik.

Eigentlich ist es eher eine technische Marke, eine statistische Formalität. Beunruhigend ist sie trotzdem.

Die Hinweise, dass der Klimawandel von Menschen gemacht ist, hätten inzwischen den „Goldstandard“ der Sicherheit erreicht, schreibt eine Gruppe von elf renommierten internationalen Wissenschaftlern um den US-Klimatologen Benjamin Santer im Fachjournal „Nature Climate Change“. Das heißt, dass Wissenschaftler mit der gleichen Gewissheit, mit der sie 2012 die Entdeckung des Elementarteilchens Higgs-Boson verkündeten, heute sagen: Der Klimawandel ist real – und er wurde von den Menschen verursacht.

„Die Behauptung, dass die Wissenschaftler die Ursache des Klimawandels nicht kennen, ist falsch“, sagte Santer, ein weltweit angesehener Klimatologe aus Kalifornien und Hauptautor der Studie, jüngst der Nachrichtenagentur Reuters. „Wir kennen ihn.“ Die Menschheit könne es sich nicht erlauben, so klare Signale zu ignorieren, warnen er und seine Kollegen.

Die Ursache? Zuallererst der gigantische Ausstoß von Kohlendioxid in die Atmosphäre.

Die Zeichen sind überall zu sehen – zumindest für die, die hinschauen wollen. 2018 war das wärmste Jahr in Deutschland seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Damit fallen acht der neun wärmsten Jahre seit 1881 in das 21. Jahrhundert. Ein „trauriger Rekord“ sei das, sagte dann auch Paul Becker, Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes (DWD), als die Bilanz verkündet wurde. Aber eben auch ein Zeichen, dass der Klimawandel Deutschland im Griff hat.

Der Cholatse im Himalaya: Forscher sagen, ein Drittel der dortigen Gletscher werde bis zum Jahr 2100 abtauen.

Das neue Jahr schließt sich gefühlt gleich daran an: Für den gestrigen Mittwoch waren Temperaturen von bis zu 21 Grad vorhergesagt – für weite Teile Deutschlands. Es sei „ungewöhnlich mild“ für die Jahreszeit, sagt auch der DWD. Und obwohl der Klimawandel nur schwer als direkte Ursache für einzelne Wetterereignisse herangezogen werden kann: Selbst für diejenigen, die sich schwertun mit den Erklärungen der Wissenschaft, ist die Realität inzwischen quasi auf der Haut zu spüren.

Trotzdem stellte sich ein AfD-Abgeordneter im vergangenen März ans Rednerpult des Deutschen Bundestags und sagte „der Irrlehre des von Menschen gemachten Klimawandels den Kampf an“. Er bezeichnete den Klimawandel als eine „nur in der Fantasie grüner Ideologen existierende Scheinkrise“. – Trotzdem schlägt der jungen schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg nach ihrem Auftritt auf dem Weltwirtschaftsforum nicht nur Kritik, sondern regelrechter Hass entgegen. – Trotzdem sitzt in den USA ein Klimawandelleugner im Weißen Haus. „Es wäre nicht schlecht, jetzt ein bisschen von der guten alten globalen Erwärmung zu haben“, twitterte Donald Trump süffisant, als Schnee und Eis im Januar Teile der USA lahmlegten.

Dabei wandelt sich auch in den USA das Bewusstsein: Noch 2013 glaubten nur 47 Prozent der Bevölkerung, dass der Klimawandel von Menschen verursacht sei – 2018 waren es 62 Prozent. In Deutschland glauben einer Umfrage der Universität Stuttgart zufolge immer noch 16 Prozent der Befragten, dass der Klimawandel ein natürliches Phänomen ist.

Gleichzeitig spielen Klimawandelleugner politisch eine immer größere Rolle. Wie eine am Dienstag veröffentlichte Studie zeigt, steht die Mehrheit der rechten und rechtspopulistischen Parteien in Europa einer gemeinsamen Klimaschutzpolitik skeptisch oder gar ablehnend gegenüber. Dazu gehört auch die AfD, die von den Autoren der Studie zur Kategorie „Leugner und Skeptiker“ gezählt wird. Heißt: Die AfD (und andere Parteien dieser Kategorie) bestreiten oder bezweifeln wissenschaftliche Erkenntnisse über den Einfluss des menschlichen Handelns auf das Klima. Dabei treffen die Hiobsbotschaften beständig aus aller Welt ein.

Eine aktuelle Auswahl:

Anfang Februar kommt ein Gutachten zu dem Schluss: Ein Drittel der Himalaya-Gletscher wird bis zum Ende des Jahrhunderts schmelzen. Selbst wenn derzeitige Anstrengungen, den Klimawandel einzudämmen, Erfolg zeigten, seien die Wasserquellen für 1,9 Milliarden Menschen bedroht.

Am 6. Februar teilt die Weltwetterorganisation mit: Die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen.

Wenige Tage später warnt UN-Generalsekretär António Guterres: Afrika drohe durch den Klimawandel ein „Desaster“.

Mitte Februar dann zeigen internationale Forscher: Die Antarktis verliert deutlich mehr Eis als bekannt – und auch der bisher als eher stabil geltende Osten des Kontinents ist betroffen.

Wie kann man all das ignorieren? Die schwedische Wissenschaftlerin Karin Edvardsson Björnberg wollte herausfinden, wer was leugnet – und warum. In ihrer 2017 erschienenen Studie untersuchten sie und ihre Kollegen deshalb wissenschaftliche Artikel der vergangenen Jahre zu diesem Thema. Dabei zeigte sich: Die Gründe der Klimawandelleugner sind komplex und divers. Es kommt, wie so oft, auf den Kontext an – und darauf, wen man fragt.

Die Leugner sind sich nicht einmal einig in dem, was sie leugnen: Während die einen beispielsweise abstreiten, dass überhaupt irgendeine relevante Erderwärmung stattfindet, sagen die anderen, dass es die zwar schon gebe, aber der Mensch damit nichts zu tun habe. Es gibt sogar Leugner, die die Existenz des menschengemachten Klimawandels akzeptieren, aber nicht davon überzeugt sind, dass er einen nennenswerten Einfluss auf Mensch oder Umwelt haben wird. Eine vierte Gruppe begnügt sich damit, zu behaupten, dass ja in der Wissenschaft selbst kein Konsens herrsche.

Im Grunde aber ist es ein Teufelskreis. Persönliche psychologische Mechanismen verbinden sich mit gut organisierter, jahrelanger Lobbyarbeit. Vor allem in den USA sei die Leugnung des Klimawandels die bei weitem am besten koordinierte und finanzierte Form der Wissenschaftsleugnung, schreiben die Autoren rund um Benjamin Santer.

Wintersonnenbad in Berlin? Bei Temperaturen um zwölf Grad Celsius ging das an diesem Montag gut.

Daran beteiligen sich neben der Industrie, Regierungen sowie politischen und religiösen Organisationen zum Beispiel auch Fernsehsender wie Fox News, die viel eher Argumente senden, die dem wissenschaftlichen Konsens widersprechen, als beispielsweise CNN. Teils seien dabei „dieselben PR-Experten, die zuvor die Schädlichkeit des Rauchens als wissenschaftlich ungeklärt darzustellen versuchten“, aktiv, schreibt der Potsdamer Klimaexperte Stefan Rahmstorf.

Auch eine kleine Zahl Wissenschaftler zählt zu den Klimawandelleugnern – und vermittelt so den Eindruck, man sei sich selbst unter Experten nicht einig. Die Forscher nutzen dann beispielsweise umstrittene Details, um gleich das große Ganze infrage zu stellen. Sie sind in der Regel keine Klimawissenschaftler und arbeiten oft in Thinktanks. Mit ihrer Hilfe versuchen die Interessengruppen, Wissenschaft mit „Wissenschaft“ zu bekämpfen.

Das alles kann verwirren. Für den US-amerikanischen Bildungswissenschaftler Michael Ranney ist das einer der Gründe, aus denen Menschen nicht an den Klimawandel glauben. Sie erhielten beispielsweise über das Internet falsche Informationen oder wüssten generell nicht gut genug über die Erderwärmung Bescheid, sagte er gegenüber CBC. Andere Wissenschaftler sehen das etwas anders: Nicht die Menge an Informationen sei entscheidend, sondern wie man sie wahrnehme.

Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Wer nicht von wirtschaftlichen Interessen geleitet ist, der täuscht sich vielleicht selbst ganz gern, weil ihm der Klimawandel wie ein unlösbares Problem vorkommt, an dem der Mensch nur verzweifeln kann. Ein anderer Grund könnte sein, dass Menschen nicht von der vorherrschenden Meinung innerhalb ihrer sozialen Gruppe abweichen wollen.

Auch bestimmte Werte, die auf den ersten Blick nichts mit Klimawandel per se zu tun haben, können einen Einfluss haben: Wer zum Beispiel an die Macht des freien Marktes glaubt oder konservativer ist, der tendiert eher dazu, den Klimawandel als Problem kleinzureden oder gar nicht erst wahrzunehmen – das jedenfalls haben Studien ergeben, die Karin Edvardsson Björnberg ausgewertet hat.

Das Problem am Klimawandel ist: Seine Auswirkungen sind massiv, aber wir sehen gerade erst den Anfang. Den Klimawandel ernst zu nehmen, heißt in gewissem Maße auch, der Wissenschaft zu vertrauen. In Zeiten, in denen immer mehr Menschen wieder überzeugt sind, dass die Erde flach ist oder dass Kinder keine Schutzimpfungen mehr brauchen, weil „die Krankheiten ja ausgerottet sind“, scheint dieses Vertrauen zu fehlen.

Aber es gibt auch Hoffnung: Der Politikwissenschaftler Matthew Motta hat herausgefunden, dass Kinder, die sich im Alter von zwölf bis 14 Jahren für Wissenschaft und Forschung interessierten, den Argumenten der Klimawissenschaftler folgen. Und ihrem Urteil vertrauen.

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