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Seit 39 Monaten in Senne, fünf liegen noch vor ihm: Siegfried L., der sich einst einen falschen Doktortitel zulegte und zwei Jahre eine Entzugsklinik leitete.

Seniorengefängnis

Alt werden hinter Gittern

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In Bielefeld-Senne steht das größte Seniorengefängnis Deutschlands. In der ehemaligen Lungenklinik ist Platz für 87 Männer im Rentenalter, der jüngste Insasse ist 60, der Älteste 81 Jahre alt. Ein Ortsbesuch.

Das Gebäude sieht aus wie ein Studentenwohnheim. Helle Fassade, viele Fenster, breite Balkone. Ringsum ein Park mit hohen Bäumen und üppigen Blumenrabatten. Gepflasterte Wege führen hindurch. Am Rande des Parks ein schlichtes Café und eine Kirche, die einmal eine Sporthalle war, und in der jetzt Tag und Nacht Kerzen brennen. 

Willkommen in Deutschlands größtem Seniorengefängnis im offenen Vollzug. Breite Gänge, orange-rote Türen. Die Betten in den drei Ein- und 42 Zwei-Mann-Zimmern sind erhöht, die Gemeinschaftsduschen mit Haltegriffen gesichert. Selbst die Toiletten im Hafthaus Senne sind höher als anderenorts. Ein Arzt ist täglich vor Ort. 87 „lebensältere Gefangene“, wie es im besten Bürokratendeutsch heißt, finden – verteilt auf drei Etagen – in der ehemaligen Lungenfachklinik in Bielefeld-Senne Platz: Lebenslängliche und kleine Lichter, Rückfalltäter, die bis ins Greisenalter kriminell geblieben sind, sowie arme Teufel, die – oft aus materieller Not – erst im Rentenalter straffällig geworden sind. Der jüngste Insasse ist Anfang 60, der älteste 81 Jahre. 

„Die Kinder sind Gott weiß wo“

Die Klientel sei sehr gemischt, bestätigt Rolf Bahle, stellvertretender Amtsleiter der JVA Bielefeld und Leiter der 2012 eröffneten Lebensälterenabteilung. Betrugsdelikte überwögen. Neben anderen saß der ehemalige Manager Thomas Middelhoff in Bielefeld-Senne seine Strafe ab.
Bahle ist 64 Jahre, nur wenig jünger als die Mehrzahl der Insassen. Das Altersgefüge stelle ihn und die Kollegen vor ganz besondere Herausforderungen, sagt er. Viele der Insassen seien krank, manche an der Schwelle zur Demenz. Einsam seien fast alle. „Wenn einer über 80 ist, sind alle weggestorben, die Kinder sind Gott weiß wo. Dann wird es eng“, sagt Detlef Schlingmann, Bereichsleiter der Lebensälterenabteilung. 

Das Problem „Knast im Alter“ ist relativ neu und dem demografischen Wandel geschuldet. Etwa vier Prozent aller Strafgefangenen in Deutschland sind heute älter als 60 Jahre. 1990 waren es 1,4 Prozent, im Jahr 2003 bereits rund zwei Prozent. Inzwischen gibt es deutschlandweit mehrere Abteilungen für Ältere im offenen wie im geschlossenen Vollzug, in denen versucht wird, auf die besonderen Belange der inhaftierten Senioren einzugehen. 

Indes: Nicht jeder Straftäter, der die 60 überschritten habe, wolle auf die „Röchelabteilung“, sagt Bahle. „Denen ist das langweilig hier. Aber die meisten genießen es. Bei uns ist es ruhiger als in anderen Abteilungen. Keine laute Musik, niemand, der einen an der Nase zieht.“ 

„Es gibt schlimmere Orte als diesen“, bestätigt Siegfried L. die Vorzüge der Bielefelder „Lebensälterenabteilung“. Hinter dem 64-Jährigen mit dem graublonden Schnäuzer liegen viele Jahre Gefängnis und drei Herzinfarkte. Er weiß die Ruhe im Hafthaus Senne zu schätzen. Fünf Monate Haft liegen noch vor ihm, 39 hat der gelernte Goldschmied bereits in einem Einzelzimmer in Abteilung C mit einem bequemen Bett und einem Regal voller Bücher und DVDs abgesessen. 

Siegfried L. war viele Jahre drogenabhängig. Seit rund 20 Jahren ist er clean. „Ein letztes Aufbäumen“ nennt der vierfache Vater seinen Rückfall in die Kriminalität, der ihm 2010 eine Verurteilung wegen „Betrug, Urkundenfälschung, Missbrauch akademischer Titel und Verstöße gegen das Heilpraktikergesetz“ einbrachte.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein ehemaliger Drogenabhängiger berät als „Ex-User“ in einem Krankenhaus ganz offiziell Drogenabhängige und verliert den Job nach fünf Jahren wegen Krankheit. Versucht nach seiner Genesung einen Wiedereinstieg in die Drogenberatung, kassiert jedoch aufgrund seines Alters nur Absagen. „Irgendwann kam ich dann auf die Idee, meinen Lebenslauf ein wenig aufzuhübschen“, sagt Siegfried L. 

Mit einem falschen Doktortitel und einem ebenso falschen Zeugnis als Diplompsychologe bewarb er sich bei einer Drogenfachklinik im niederrheinischen Rees und wurde als Klinikleiter eingestellt. „Ich kannte mich ja aus mit der Materie und wusste aus eigener Erfahrung mehr über Therapien als die meisten meiner Kollegen.“ Zwei Jahre später flog der Schwindel auf. Der falsche Doktor wurde bei einer Fahrzeugkontrolle ohne Führerschein erwischt. Weitere Nachforschungen der Polizei ergaben, dass Siegfried L. nicht nur ein gültiger Fahrausweis fehlte. 

Jeden Nachmittag bis 17 Uhr arbeitet er im hauseigenen DVD-Verleih. Andere Insassen sind in der Schlosserei, der Tischlerei oder in der Gärtnerei der JVA beschäftigt. „Bei uns muss niemand arbeiten“, sagt Rolf Bahle. „Die meisten sind ohnehin im Rentenalter. Jeder kann selber entscheiden, ob er etwas tun oder den ganzen Tag im Gemeinschaftsraum vor dem Fernseher sitzen möchte.“ Ohnehin gewähre man den Lebensälteren so viele Freiheiten wie rechtlich vertretbar sei: Ausgänge sind schon am Vormittag, Telefonate ohne Zeitlimit erlaubt.

Werner M., in seinem ersten Leben Rechtsanwalt mit eigener Praxis, hat sich für einen Job in der hauseigenen Bücherei entschieden. Mehrere Stunden am Tag verbringt er zwischen Krimis und Science-Fiction-Romanen. An den Wochenenden fährt er regelmäßig nach Hause und nimmt einmal im Monat an einem Gesprächskreis teil. „Man kann es hier vergleichsweise gut aushalten“, sagt auch er. Die ersten Wochen allerdings seien eine Katastrophe gewesen, „35 Jahre machen Sie Ihren Job ohne Tadel, und kurz vor der Rente erwischt Sie so etwas. Plötzlich bricht Ihnen Ihre gesamte Existenz weg. Das ist ein Trauma.“

Der 65-jährige Doktor der Rechte ist wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden. Ein Mandant habe sich mit Hilfe von „Lizenzverträgen mit Auslandsbezug“, die er aufgesetzt habe, Steuervorteile verschafft und sei inzwischen im Ausland abgetaucht. Er habe nicht geahnt, was sein Mandant mit den Verträgen vorhatte, versichert Werner M. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe lediglich meine Arbeit gemacht.“ Im Mai 2019 wird er zwei Drittel seiner Strafe verbüßt haben. Er hofft, dann entlassen zu werden. Und: auf eine baldige Neubeurteilung des Falls durch ein Finanzgericht. 

Daniela Bröckl weiß um die Ängste und schlechten Träume von Männern wie Werner M. Die 55-Jährige ist katholische Seelsorgerin im Hafthaus Senne und hat mitgewirkt an dem Konzept der Lebensälterenabteilung. Gemeinsam mit einer evangelischen Kollegin, einem Psychologen und einem Sozialarbeiter begleitet sie die Senioren durch den Gefängnisalltag und versucht, sie auf eine Zukunft vorzubereiten, die sich deutlich von der jüngerer Strafgefangener unterscheidet. 

„Es ist etwas anderes, ob Sie mit 35 oder mit 65 in Haft kommen. Viele hier, die noch ein paar Jahre vor sich haben, fragen sich, ob sie lebend herauskommen, und wenn ja, wie viele Jahre in Freiheit ihnen bleiben werden.“ Manche stünden nach der Freilassung vor dem sozialen Aus. Keine Wohnung, keine Bezugspersonen. „Oft sind die Partnerinnen bereits gestorben. Die erwachsenen Kinder wollen nichts mehr von ihnen wissen. Alte Freunde haben sich abgewendet oder sind ebenfalls verstorben. Es ist schwer, im fortgeschrittenen Alter neue Kontakte zu schließen.“

„Ältere Gefangene müssen anders betreut werden als jüngere.“ Das berichtet Sozialarbeiter Oliver Buschmann, der seit Juli 2017 sein Büro in der Lebensälterenabteilung hat. Vorher hat er in mehreren Außenstellen der JVA Bielefeld mit einer jüngeren Klientel gearbeitet. Der Gesprächsbedarf bei den Älteren sei groß. „Besonders, wenn sie das erste Mal in Haft sind.“ Scham und Angst spielten eine große Rolle bei den Senioren. „Oft haben sie ein Leben lang zu Hause den Ton angegeben. Jetzt wenden sich plötzlich alle ab, und sie sind diejenigen, die um Hilfe bitten müssen.“

Etwa ein Jahr vor der Entlassung beginne die Vorbereitung auf ein Leben in Freiheit. Eine Wohnung oder ein Platz im Seniorenheim müssen gesucht werden. „Viele sind gar nicht mehr in der Lage, ihre Angelegenheiten allein zu regeln. Hier haben sie ja alles.“

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