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Die letzte Flucht, bevor Eddy bei uns einzog, war die aus einer linken Wohngemeinschaft. Dort hatte man so viel Verständnis für ihn, dass er es nicht mehr ertrug.

Heimkinder

Wenn selbst gut sein nicht hilft

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Die Autorin Monika Held nahm Ende der 60er einen Jungen auf, der in Heimen und zuletzt auf der Straße gelebt hatte. Sie musste erkennen, dass der Einzelne nicht zu retten vermag, was Staat und Gesellschaft versäumt haben.

Das Radio-Feature von Ulrike Meinhof, am 7. November 1969 vom HR gesendet, hatte einen nüchternen Titel: ‚Guxhagen, Mädchen in Fürsorgeerziehung, ein Heim in Hessen‘. Der Inhalt war dramatisch und ich glaubte jedes Wort, das in diesem Feature gesprochen wurde.
Einsperren. Aussperren. Stubenarrest. Arbeit als Fron ohne Lohn. Drakonische Strafen.

Ich sah die Heimleiterin vor mir, wie sie mit Überzeugung sagte, Zucht und Ordnung sei das, was junge Menschen brauchten, um auf den rechten Weg der Tugend zurückzukehren. Die Mädchen waren in ihren Augen Streunerinnen, verwahrloste Diebinnen. Für viele Zuhörer war das ein Schock. Für mich nicht. Ich war zwar kein Heimkind, nur ein Nachkriegskind mit einem „Schatten“ auf der Lunge, das mit anderen „Schattenkindern“ in Kinderheimen gesund werden sollte. Auch Erholungsheime waren Heime.

Über die Bilder, die das Meinhof-Feature auslöste, schoben sich die Bilder meiner Kinderkur. Sechs Uhr aufstehen. Gymnastik am Strand. Marschieren am Strand. Singen am Strand: Wenn die bunten Fahnen wehen. Einfache Befehle: Beim Essen wird nicht gesprochen! Was auf dem Teller ist, wird gegessen! Mittwochs Brotsuppe. Ekelhafter konnte eine Suppe nicht sein. Also: Reinschaufeln und runterwürgen. Mir drehte sich der Magen um und ich kotzte den Brei zurück auf den Teller. Und wieder hieß es: Was auf dem Teller ist, wird gegessen. In meiner Erinnerung haben zwei Mädchen und ein Junge einen ganzen Tag lang trotzig die Tränen unterdrückt und vor dieser kalten, stinkenden Pampe gesessen.

Gewalt gebiert Wut

Ich stellte mir das Gesicht der Heimleiterin während des Gesprächs mit Ulrike Meinhof vor. Es glich dem unserer ‚Tante Dörte‘ im Erholungsheim. Es war nicht böse, nur herzlos. Klar, dass die Jugendlichen aus den Erziehungsheimen flohen. Gewalt gebiert Wut und Wut gebiert Widerstand und Widerstand wird bestraft und am Ende bleibt nur noch ein Weg: Abhauen.
In meinem Fall war das schwierig. Föhr ist eine Insel. Zehn Jahre später nannte die Soziologin Katharina Rutschky Erziehungsmethoden, die auf Gewalt, Angst und Einschüchterung beruhen, ‚schwarze Pädagogik‘.

Zwischen 1949 und 1975 lebten und arbeiteten in Deutschland zwischen 700 000 und 800 000 Kinder und Jugendliche in oft gefängnisähnlichen Erziehungsheimen. Man schätzte die Quote der Ausbrüche damals auf 25 bis 75 Prozent. Wenn nur ein Viertel ausrissen, waren genug Jungen und Mädchen unterwegs, denen ein mitleidiger Mensch Obdach gewähren sollte. Heimkinder befreien und aufnehmen wurde zu einer richtigen Bewegung.

Unser erster Gast hieß Eddy und wurde Teddy genannt. Seine Vorgeschichte bestand aus dem Karussell: Flucht, Heim, Flucht, Heim, Flucht. Seine erste Flucht war die aus dem Elternhaus, die zweite aus einem Heim, die dritte aus einer Familie, die ihn adoptieren wollte und zur friedlichen Einkehr, um den Herrn Jesus zu besänftigen, bei karger Kost in den Keller sperrte.

Die letzte Flucht, bevor er bei uns einzog, war die aus einer linken Wohngemeinschaft, in der man so viel Verständnis für ihn und seine ‚Unarten‘ hatte, dass er es nicht mehr ertrug. Wenigstens wusste er jetzt, dass er ein ‚ausgebeutetes, armes Opfer des Kapitalismus‘ und damit für nichts, was er anstellte, verantwortlich war.

Die Eltern geschieden, diverse Stiefväter, die ihn schlugen, eine überforderte Mutter. Natürlich war er das Opfer miserabelster Umstände. Nur ist ‚Opfer‘ keine Rolle, die hilft, die Vergangenheit zu verstehen und die Zukunft zu planen. Aber wer wusste das damals schon? Wir nicht. Wir wussten nur, dass kein Mensch böse zur Welt kommt. Wir wussten, dass schlechte Erfahrungen Menschen böse und misstrauisch machen und gute Erfahrungen das Gute fördern.

Wir waren ein junges Ehepaar. Wir lebten in einem Vorort von Frankfurt. Wir stellten Eddy unser Wohnzimmer zur Verfügung. Das Sofa wurde sein Bett, das Badezimmer teilten wir mit ihm. Eddy-Teddy war eine arme Socke und brauchte Liebe und die Fürsorge, die die Fürsorge nicht geleistet hatte. Wir wollten also gut zu Eddy-Teddy sein. Dass zur Fürsorge auch Zeit gehört, die man zur Verfügung stellt, haben wir nicht bedacht. Wir hatten nicht viel Zeit, wir mussten arbeiten.

Er bekam einen Wohnungsschlüssel, schließlich war er nicht unser Gefangener. Er schlief bis mittags, nahm aus dem Kühlschrank, was er brauchte, räumte nichts zurück, ließ das schmutzige Geschirr auf dem Tisch stehen. Nachts lagen wir wach, weil wir nicht wussten, wann er nach Hause kommen würde. Ob er oft betrunken war, weiß ich nicht, er roch jedenfalls immer ein bisschen nach Schnaps. Er war sympathisch, ein lieber Junge mit blonden Locken, der alles richtigmachen wollte.

Er putzte die Fensterscheiben mit seinem schmutzigen Taschentuch. Die Zähne putzte er nicht mit seiner, sondern mit unseren Zahnbürsten. Wenn er nachts nach Hause kam, hatte er Hunger. Das Taschengeld, das wir ihm gaben, setzte er nicht in Essen um. Wir lagen wach im Bett und horchten in die Küche. Eddy kochte. Rührte zusammen, was er an Resten im Kühlschrank fand. Wenn es plötzlich merkwürdig roch, war ihm mal wieder etwas angebrannt, er sei ständig in Gedanken, sagte er. Ich hatte dauernd Angst, dass er – in Gedanken versunken – unsere Bude abfackeln würde.

Eines Tages brachte er Elfi mit. Sie lag morgens bei ihm im Bett. Ein dünnes, junges Mädchen, keine 15 Jahre alt, bleich und stumm. Sie erinnerte mich an das trotzige Kind vor der ausgekotzten Brotsuppe. Elfi hatte ihre Reisetasche schon ausgepackt. Wir sagten zu Eddy: Teddy, das geht nicht. In meiner Fantasie zogen hier nach und nach immer mehr junge Leute ein. Eddy fragte, warum das nicht ginge, schließlich hätten wir ja außer dem Wohnzimmer noch zwei Arbeitszimmer, die seien tagsüber meistens leer. Er hatte Recht – aber muss man alles teilen, was man hat?

Theoretisch ja, warum nicht – praktisch fühlte sich das nicht gut an. Auch nicht richtig. In der Not und im Krieg: ja – aber der Krieg war längst vorbei. Trotzdem lebten diese Jungen und Mädchen in Not. 

Schlechtes Gewissen: Uns ging es besser als Eddy und Elfi. Wir waren keine Heimkinder. Wir durften lernen. Aber: Faul sein durfte ich nicht. Faule Mädchen werden ans Fließband gestellt, sagte mein Großvater und dort müssen sie toten Fischen im Akkord die Augen ausstechen. Nicht nur in Heimen wurde damals gedroht und gestraft. Weil Elfi nicht sympathisch war, war es leicht, sie vor die Tür zu setzen. Solidarisch mit seiner Freundin, verließ uns dann auch Eddy. Vorher räumte er den Kühlschrank leer und steckte das Wirtschaftsgeld aus der Küchenschublade ein.
Ein Gastspiel und sein Ende. Was hatten wir falsch gemacht? So ziemlich alles. Man kann privat nicht auffangen, was die Gesellschaft verbockt hat. Das war eine Erkenntnis – ein Trost war das nicht. Eine Frage blieb offen: Was dachten Eddy und Elfi eigentlich über uns?

Dann lernte ich Rena kennen. Sie saß auf einer Bank im Grüneburgpark. Sie bettelte, weil sie Hunger hatte. Ich gab ihr Geld, setzte mich zu ihr, fragte sie aus. Ein prügelnder Vater, ein Onkel, der ihr nachstellte, eine Mutter, die kein Schutz war. Rena war aus einem Heim bei Stuttgart abgehauen und schlug sich seit einem halben Jahr auf der Straße durch.

Ich sagte: Vielleicht kann ich dir helfen. Bist du morgen wieder hier? Sie nickte, war am nächsten Tag da und wir machten einen mündlichen Vertrag. Ich würde sie zu allen Ämtern begleiten, die ihr helfen könnten, dafür ließ sie sich von mir interviewen.

Der Sender bezahlte Rena für ihre Arbeit und sie war begeistert, dass man mit Erzählen Geld verdienen konnte. Zwei Nächte schlief sie bei uns, dann hatte sie einen Schlafplatz in einer betreuten Mädchen-WG. Ich durfte ihre Akten lesen. Die Worte Diebin, Herumtreiberin, Betrügerin verfolgten sie. Rena hatte keine Chance. Wir marschierten durch Ämter und Institutionen, so ein Tonbandgerät und ein Sender im Kreuz öffnet so manche Tür, die sonst nicht aufgegangen wäre und so manches … Herz? Schreibe ich jetzt nicht.

In der Mädchen-WG war sie nicht glücklich, aber wenigstens geborgen. Ich sah mit einiger Sorge dem Ende unserer Arbeit entgegen. Wenn sie mich anrief, sagte sie oft gut gelaunt: Komm, lass uns reden. Sie war ein absolutes Talent. Leichter schwäbischer Akzent, eine gute Beobachtungsgabe, Gefühle konnte sie gut in Worte fassen und deftig fluchen konnte sie auch. Aber irgendwann musste ich sagen: Rena, wir sind fertig. Und nun? Nun musst du überlegen, was du tun willst. Sie wollte Reporterin werden. Das war doch ein prima Job. Ein Mikrofon vor ein paar Münder halten und fertig.

Wir gingen zum Arbeitsamt. Die Beraterin war direkt und klar. Das Angebot, das sie Rena machte, war der Wiedereinstieg in ein Schulsystem, auf dessen unterster Sprosse der Hauptschulabschluss stand. Ohne Hauptschulabschluss, sagte die Beraterin, kannst du Hilfsarbeiterin werden, aber zu einem richtigen Beruf gehört ein Schulabschluss. Unsere Radiosendung hörte dort auf, wo sich Rena hätte entscheiden müssen. Ende offen.
In Wirklichkeit war das Ende nicht offen. Rena ging eine Weile zur Schule, rief hin und wieder an, wir trafen uns, dann meldete sich die Schule: Rena kommt nicht mehr. Dann rief die Mädchen-WG an: Rena ist weg. Nach zwei Wochen bekam ich eine Postkarte. Ohne Briefmarke und ohne Absender. Sie hatte sie selbst eingeworfen. Drei Sätze: Schule ist Scheiße. Lehrer auch. Geh mit Eddy nach Spanien.
Was? Mit wem? 
Mit „unserem“ Teddy?

Beruhige dich, sagte mein Mann. Erstens gibt es noch mehr Teddys auf der Welt und zweitens ist es in Spanien auch nicht schlimmer als hier.

Sind wir durch diese Erfahrungen klüger geworden? Wir haben immerhin gelernt, dass Mitleid nicht ausreicht, um wieder gut zu machen, was jahrelange Qual angerichtet hatte. Aber nie wieder spontan helfen, wäre die falsche Konsequenz. Weggucken ist noch nie eine Lösung gewesen.

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