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Im OP-Saal geht nicht immer alles glatt. 

Kunstfehler

Wenn Operationen schiefgehen

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Wenn Ärzte versagen, beginnt für Patienten und Angehörige oft eine leidvolle Odyssee: Noch immer ist es für Geschädigte schwer, zu ihrem Recht zu kommen. 

Irgendwann in jenen dramatischen Tagen im Frühjahr 2014 verliert Renate Grandzinski jegliche Zuversicht. Sie kann nicht mehr, bricht zusammen. „Ich dachte, ich verliere meinen Mann“, erinnert sich die heute 75-Jährige. Klaus Grandzinski liegt zu diesem Zeitpunkt in einem Krankenhaus, er ist verwirrt, verfällt körperlich immer weiter – doch niemand weiß, was ihm fehlt. Nur ein kleiner, eigentlich harmloser Eingriff war vorgenommen worden. Doch jetzt geht es um Leben und Tod. Schon früh hatte Renate Grandzinski den Verdacht, dass bei der OP irgendetwas schiefgelaufen sein muss. Aber sie rennt gegen eine Mauer des Schweigens und des Desinteresses. Erst viel später wird klar: Ihr Mann ist Opfer eines Behandlungsfehlers geworden.

Klaus Grandzinski hat überlebt. Doch aus dem einst rüstigen Senior ist ein schwerkranker Mann geworden, dessen Nerven geschädigt sind und der nur noch sehr mühsam laufen kann. Dabei hatte das Ehepaar große Pläne. Sie hatten ein altes Bauerngehöft in der Nähe von Potsdam gekauft, im früheren Pferdestall betrieben die beiden eine kleine Bücherbörse, in der man bei Kaffee und Wein lesen und über Literatur diskutieren konnte. Einfach zur Ruhe setzen, das war nichts für das Ehepaar. „Wir hatten noch viel vor in unserem Leben“, sagt der heute 81-jährige Klaus Grandzinski.

Klaus und Renate Grandzinski .

Die verpfuschte Operation setzte den Plänen ein jähes Ende. Das Ehepaar musste die Bücherbörse schließen, den Hof verkaufen. Klaus Grandzinski musste rund um die Uhr gepflegt werden, noch immer ist er täglich in der Reha. Bis heute kämpft das Ehepaar um Schadensersatz. Der Fall zeigt exemplarisch, wie schwierig es für Patienten ist, ihre Rechte durchzusetzen.

Was die Grandzinskis von den dramatischen Tagen des Jahres 2014 berichten, weckt Zweifel am angeblich so vorbildlichen deutschen Gesundheitswesen.

Klaus Grandzinski leidet damals an Problemen beim Wasserlassen, für den Eingriff am Harnleiter geht er im April 2014 für ein paar Tage ins Krankenhaus. Nach der Operation wird seine Frau von der Klinik informiert: Der Eingriff sei gut gelaufen, alles sei in Ordnung. Doch als sie ins Krankenhaus kommt, bietet sich ihr ein anderes Bild. Ihrem Mann geht es erkennbar schlecht, er halluziniert. „Die Ärzte haben mich beruhigt und gesagt, er habe wahrscheinlich die Narkose nicht vertragen“, sagt sie.

Der Zustand verschlechtert sich. Klaus Grandzinski fällt aus dem Bett – und uriniert im Krankenhausflur gegen eine Wand, weil er glaubt, auf der Toilette zu sein. „Spätestens da hätten die Ärzte doch merken müssen, dass etwas nicht stimmt“, sagt seine Frau heute. Klaus Grandzinski wird untersucht, doch angeblich finden die Mediziner nichts. Schließlich wird er entlassen – obwohl er im Rücken extreme Schmerzen hat. „Das war völlig absurd. Wir sind mit der S-Bahn ins Krankenhaus gefahren – und mit dem Krankenwagen nach Hause“, erinnert sich die frühere Pädagogin.

Wenige Tage später – die Schmerzen waren immer schlimmer geworden – lässt sie ihren Mann in ein anderes Krankenhaus bringen. Auch dort wird der ehemalige Schulamtsleiter untersucht, doch die Ärzte finden nichts. Sie tippen auf psychische Ursachen. Ihr Mann solle sich nicht so anstellen, sagt einer der Klinikärzte zu Renate Grandzinski. „Gehen Sie mit ihm tanzen, dann gibt sich das“, wird ihr empfohlen. Nach 20 Tagen wird ihr Mann wieder nach Hause geschickt. Am Tag der Entlassung stürzt er im Klinikflur der Länge nach hin. Doch die Ärzte bleiben weiter dabei: alles nur psychische Probleme.

Ein Bekannter vermittelt das Ehepaar schließlich an einen Arzt in der Parkklinik in Berlin-Charlottenburg. Erst dort – rund drei Monate nach der ursprünglichen Operation – wird systematisch nach der Ursache geforscht.

Schließlich werden die neuen Ärzte fündig: Bei der Operation am Harnleiter war es zu einer Infektion gekommen. Sie hat nicht nur den gesamten Körper extrem geschwächt, sondern zwei Wirbelkörper fast völlig zersetzt. In einer umfangreichen Operation müssen mehrere Stäbe eingesetzt werden, um die Wirbelsäule zu stabilisieren.

„Ich bin dem Tod von der Schippe gesprungen“, sagt Klaus Grandzinski. Rechtzeitig bemerkt, hätte man die Infektion leicht mit Antibiotika bekämpfen können.

Auf 60 000 Euro Schadensersatz hat Grandzinski die erste Klinik verklagt. Doch die Erfolgsaussichten sind unklar. Denn das deutsche Arzthaftungsrecht macht es Opfern von Behandlungsfehlern extrem schwer, Ansprüche durchzusetzen. Zwar hatte die schwarz-gelbe Koalition in ihrer Regierungszeit zwischen 2009 und 2013 ein Patientenrechtegesetz verabschiedet. Dort wurde allerdings nur das in Gesetzesform gegossen, was längst Rechtspraxis an den Gerichten war. Substanziell hat sich für die Patienten praktisch nichts geändert.

Hierzulande müssen zur Durchsetzung von Schadensersatzansprüchen zwei hohe Hürden überwunden werden. Zunächst muss der geschädigte Patient nachweisen, dass es überhaupt einen Behandlungsfehler gegeben hat. Steht das fest, muss der Patient zusätzlich mit einer „weit überwiegenden Wahrscheinlichkeit“ nachweisen, dass dieser Fehler tatsächlich für den Schaden verantwortlich ist.

In Zahlen ausgedrückt wäre das eine Wahrscheinlichkeit von über 95 Prozent. Doch dieser zweifelsfreie Beweis ist fast nie zu erbringen. Denn in der Regel gibt es irgendwelche Vorerkrankungen, die ebenfalls als Ursache infrage kommen können.

„Es herrscht keine Waffengleichheit zwischen Patient und Arzt“, beklagt Grandzinskis Anwältin Eva Ohlsberg, eine Spezialistin für Medizinrecht aus Berlin. Dazu kommt nach ihrer Erfahrung, dass sich die Haftpflichtversicherungen der Ärzte immer hartleibiger verhalten. „Die sitzen das aus. Vergleiche durchzusetzen gelingt häufig nur noch nach zähen Verhandlungen“, so Ohlsberg. In der ersten Instanz dauern Klageverfahren in der Regel um die vier Jahre, in der zweiten Instanz kommen noch einmal zwei dazu, weiß Ohlsberg aus ihrer Berufspraxis. „Aber das stehen viele geschädigte Patienten oft gar nicht mehr durch. Man darf nicht vergessen, dass diese Menschen krank sind“, sagt sie.

Schon seit Jahren fordern Patientenvertreter, Krankenkassen und Rechtsexperten, die Beweislast für die Patienten abzusenken. So soll für den Nachweis dafür, dass der Behandlungsfehler den Schaden verursacht hat, wie in einigen anderen EU-Staaten, die überwiegende Wahrscheinlichkeit reichen, also etwas mehr als 50 Prozent.

Zudem wird ein Härtefallfonds für Opfer von Behandlungsfehlern gefordert – auch mit Blick auf die langwierigen Gerichtsprozesse. Aus dem Fonds könnten zum Beispiel unbürokratisch und schnell Umbauten in der Wohnung finanziert werden, wenn ein geschädigter Patient auf einen Rollstuhl abgewiesen ist.

Obwohl die Prüfung eines derartigen Fonds im Koalitionsvertrag steht, haben Union und SPD dazu noch nichts unternommen. Die Sozialdemokraten haben zumindest angekündigt, das Thema Patientenrechte im kommenden Jahr anzugehen: „Es gibt Handlungsbedarf“, räumt die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Dittmar, ein.

Der Prozess von Klaus Grandzinski dauert nun schon viereinhalb Jahre. Die Klinik, die den Harnleiter operiert hat, beharrt darauf, alles richtig gemacht zu haben. Man habe die Infektion nicht erkennen können, lautet die Argumentation. Anwältin Ohlsberg wirft dem Krankenhaus hingegen vor, dass die bei Klaus Grandzinski erhobenen Entzündungsdaten sofort weitere Untersuchungen nötig gemacht hätten. Diese seien aber versäumt worden.

So geht es seit Jahren hin und her, immer neue Gutachten werden zurate gezogen. Kürzlich hat das Gericht einen Vergleichsvorschlag gemacht: 6500 Euro, also nur rund ein Zehntel der geforderten Summe, soll Grandzinski als Schmerzensgeld bekommen. Er hat abgelehnt.

„Mir geht es doch gar nicht ums Geld“, sagt er. Zwar habe er längst die Hoffnung aufgegeben, dass sich die Ärzte bei ihm entschuldigen. Doch er möchte jetzt eine klare Entscheidung des Gerichtes, keinen Deal. Den Verantwortlichen solle gezeigt werden, dass man so mit Menschen nicht umgehen könne, dass solche Fehler nicht passieren dürften: „Ich möchte verhindern, dass es anderen so ergeht wie mir.“

Erste Hilfe

Wer einen Behandlungsfehler bei sich oder Angehörigen vermutet, hat verschiedene Ansprechpartner: In vielen Krankenhäusern gibt es zum Beispiel unabhängige Patientenfürsprecher, die erste Beratung anbieten.

Die eigene Krankenkasse hat ebenfalls Expertinnen und Experten, die bei einem vermuteten Behandlungsfehler helfen können. Sie kann unter anderem den Medizinischen Dienst (MDK) mit einem Gutachten beauftragen.

Kostenfreie und unabhängige Beratung ausdrücklich auch auf Arabisch, Türkisch, Russisch finden Betroffene auch unter Telefon: 0800 011 77 22 oder www.patientenberatung.de

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