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Portraits junger Frauen und Mädchen zwischen 12 und 20: Die Illustrationen erstellte die Autorin Anusch Thielbeer selbst.

Selbstbewusste Frauengeneration 

Junge Rebellinnen: „Ich will gar nicht normal sein, normal gibt es überhaupt nicht!“

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Anusch Thielbeer und Kathrin Köller haben ein Buch über junge Rebellinnen geschrieben. Im Gespräch zeichnen sie das Bild einer selbstbewussten Frauengeneration.

Frau Köller, Frau Thielbeer, was machen diese 13 Rebellinnen, die Sie in Ihrem Buch vorstellen, anders als die Frauen früherer Generationen? 

Kathrin Köller: Da gibt es zwei wesentliche Dinge: Vor allem hören sie sehr gut auf sich selber. Sie nehmen sich und das, was sie fühlen, ernst. Das hat natürlich eine ganz andere Außenwirkung, denn wer sich selbst ernst nimmt, kann auch solidarischer mit anderen sein und mit Hilfsbereitschaft und echtem Interesse auf andere zuzugehen. Da können wir uns als Erwachsene eine Scheibe von abschneiden.

Mit Blick auf welche Themen?

Köller: Wir haben aus jedem Gespräch etwas anderes mitgenommen. Ich fand das Gespräch mit Noa sehr eindrucksvoll. Sie ist eine ruhige Person, lebt aber gleichzeitig eine sehr angenehme Streitkultur. Sie hat so eine unaufgeregte und irgendwie auch furchtlose Art, mit anderen Meinungen umzugehen. Auch bei Yamuna hat mich die Offenheit beeindruckt, mit der sie selbst in Konflikte reingeht. Sie sagt, es gibt keine doofen Fragen. Sie hört sich an, was die andere Seite zu sagen hat. Und lässt sich darauf ein, selbst wenn sie es dann doch ein bisschen doof findet, was der oder die andere da sagt. 

Anusch Thielbeer: Mobbing war auch ein Thema. Mir ist im Gespräch mit Rabea aufgefallen, dass ja eigentlich schon immer gemobbt wird, ich kann mich da auch gut dran erinnern. Ich glaube aber, dass es heute nicht mehr einfach hingenommen wird. Themen werden direkter angesprochen, und so ist es vielleicht auch einfacher, Konflikte zu lösen. Mein Eindruck ist, dass sich da tatsächlich ein Wandel vollzieht: Dinge werden benannt, angesprochen, und so gibt es im besten Fall immer weniger Tabus. Das macht es leichter, sich gegenseitig zu unterstützen.

Marie, eine der jungen Frauen, sagt, sie finde es gut, dass ihr Freund schon zu den Männern gehört, die keine Angst davor haben, auch mal schwach zu sein. Schwächen annehmen können – ist das auch etwas, was diese Generation auszeichnet? 

Thielbeer: Ganz bestimmt. 

Köller: Andererseits kritisiert Marie ja ganz stark, dass bei vielen Frauen und Mädchen immer noch so ein Reflex da ist, sich erstmal klein zu machen. Und da rauszukommen und zu sagen: Nö, ich bin nicht klein! Und selbst wenn ich mich so fühle, komm ich da jetzt einfach mal raus! Marie sagt ja: Frauen sollen ruhig mal ein bisschen größenwahnsinnig sein! 

Thielbeer: Genauso wichtig ist, was Marie über ihren Freund gesagt hat; dass er als Mann ruhig schwach sein darf – und dass das eben kein Zeichen von Schwäche ist, im Gegenteil. Ist ja auch wichtig, dass sich Stärken und Schwächen in Beziehungen immer neu verteilen, weil so weder an Männer noch an Frauen immer nur bestimmte Erwartungen gerichtet werden … 

Die Autorinnen

Anusch Thielbeer zeichnet, so lange sie sich erinnern kann – am allerliebsten Gesichter. Ihre Werke wurden mehrfach ausgezeichnet.
www.anusch-thielbeer.de

Kathrin Köller ist Autorin und Übersetzerin, war Stipendiatin der Akademie für Kindermedien und mit ihrem ersten Theaterstück für den Berliner Kindertheaterpreis 2019 nominiert. https://www.kathrinkoeller.com/

Köller: Aber es geht nicht nur ums Akzeptieren, sondern auch ums Handeln. Ich habe Noa damals gefragt: Wie ist es denn, wenn du bei einem Streit in der Schule was sagst und nicht gleich die richtigen Worte findest? Da sagte sie: Klar kann das passieren, aber viel wichtiger ist doch, dass ich einem anderen Menschen vielleicht schon helfe, weil ich den Mund aufmache. Darum geht es: Sagen, was ist. Auch das hat mich sehr beeindruckt: Noa weiß, zu sich selbst stehen heißt nicht, gleich alles richtig machen zu müssen. Aber es ist ein Anfang.

Es geht in den Geschichten in „stark“ um Identität, Integration, Geschichten vom Ankommen, aber auch darum, auf die innere Stimme zu hören. Gibt es einen Begriff, der all diese Themen zusammenfasst?

Köller: Es geht auf jeden Fall um Selbstermächtigung. Viele der Mädchen haben uns erzählt, dass es sie stört, immer wieder in Schubladen gesteckt zu werden. Und dass sie immer wieder versuchen, diese Schubladen zu sprengen. Da ist auch ein größeres Bewusstsein vorhanden. Mich hat auch Julian Hayley sehr beeindruckt, die im Gespräch gesagt hat: „Ich will gar nicht normal sein, normal gibt es überhaupt nicht! Denn wir sind ja nicht alle gleich.“ Das ist ein Bedürfnis, das sich durch viele dieser Lebensgeschichten zieht: Dass sich jede einzelne selbst definieren und nicht in Schubladen gesteckt werden möchte.

Es scheint, als bräuchte diese Generation keine Vorbilder, weil sie sich ihre eigenen Bilder macht? 

Thielbeer: Also, ich hab ein Problem mit dem Begriff Vorbild. Ich finde die Bezeichnung so glorifizierend und denke eher, dass es in dem Buch um 13 normale Mädchen geht, die auf unterschiedliche Art und Weise ihren Weg gehen und sich auch für andere stark machen, wenn es nötig ist. 

Köller: Vielleicht muss man es nicht Vorbilder nennen, aber ich glaube, dass es wichtig ist, verschiedene Geschichten zu hören, zu denen man sich in Bezug setzen kann. Zu sehen, dass es andere gibt, die auch mit ähnlichen Erfahrungen zu kämpfen haben, sich mit ähnlichen Fragestellungen auseinandersetzen.

Zumal ja meist von Vorbildern gesprochen wird in dem Sinne, dass sie fehlen: und da geht es längst nicht mehr nur um männliche Vorbilder für Jungs und weibliche Vorbilder für Mädchen … 

Köller: Wir hatten kürzlich eine Buchpräsentation mit einigen Schulklassen. Und als Rabea erzählte, wie sie nach Deutschland kam und die Sprache nicht konnte, da ging so ein Raunen durch die Klassen. Dann hat die Moderatorin gefragt, wer diese Erfahrung auch gemacht hat – und da gingen ganz viele Hände in die Höhe. Ich glaube, das hat was sehr Befreiendes, wenn jemand wie Rabea, die heute unheimlich eloquent ist, von diesem Gefühl erzählt, auf Null gesetzt zu sein, sich nicht richtig ausdrücken zu können und sich damit nicht als adäquater Teil der Gesellschaft zu fühlen.

Befreiend, weil es keine Lehre, sondern eine geteilte Erfahrung ist? Es geht also um Empathie? 

Köller: Ja, denn was Rabea durchgemacht hat, das konnten sie nachvollziehen. Und was sie draus gemacht hat, das hat den anderen Mut gemacht, das hat man gespürt. Oder Zofia, die gesagt hat: „Wenn ich mit zwölf gewusst hätte, ich würde mal Teil von so einem Projekt sein und meine Geschichte erzählen können, das hätte mir total Mut gemacht.“ Zofia hat die Zuhörer dann auch ganz direkt angesprochen und gesagt: „Hey, nehmt euch ernst! Was ihr denkt, ist wichtig!“ 

Thielbeer: Wenn junge Frauen über ihre Probleme berichten, kann das anderen helfen, sich nicht allein zu fühlen und sie hoffentlich bestärken, nach Lösungen zu suchen.

Heute hat man ja die Möglichkeit, sich im Netz die Geschichten anderer Menschen anzuhören, sich mit vielen anderen Leben zu befassen – hatten Sie das Gefühl, dass diese direkten Begegnungen von Jugendlichen untereinander auch für diese selbst eine andere Qualität hat?

Köller: Auf jeden Fall! Wobei ich die positive Rolle, die das Internet für diese Generation spielt, gar nicht negieren will. Das Internet hat die Welt für sie auch größer gemacht. Und das passt ja auch zu dieser Fürsorge und dem Interesse für andere, dass ich am Anfang erwähnt habe. Yamuna hat das auch gesagt: „Wir fragen uns zu oft, betrifft mich das selber und wenn nicht, dann geht es mich nichts an. Dabei ist das eigentlich die falsche Frage.“

Weil es eher darum geht, sich als Teil des Ganzen zu fühlen, sich einzubringen?

Köller: Ja, so wie Lotte, die gemerkt hat, hier fehlt was – und dann ist sie in die Unterkunft am Stadtrand gefahren und hat mit ein paar anderen Leuten den Deutschunterricht für Geflüchtete organisiert. Da war sie 13! Sie hat gemerkt, sie ist privilegiert – und hat geschaut, wie sie damit anderen helfen kann.

Sind dieser Mut und diese Hilfsbereitschaft vielleicht auch etwas, das viele junge Menschen auszeichnet, aber zu oft übersehen wird? 

Köller: Sicher, wenn ich mich selbst anerkenne, brauche ich den anderen nicht mehr kleinzumachen. Eines der Mädchen, Rabea, hat gesagt, in vielen Casting- oder Datingshows geht es immer darum, die anderen klein zu machen, Frauen klein zu machen. Dieses Kleinmachen ist auch ein Strukturelement unserer Gesellschaft, und deshalb ist es wichtig, das Miteinander und das Nebeneinander zu sehen, zu leben. Ich habe das Gefühl, dass viele in dieser Generation weiter sind als wir es ihnen zugestehen. Das macht mir Mut!

Interview: Boris Halva

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