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Wenn Killer Killer jagen

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Von: Johannes Dieterich

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Groß gegen klein: Eine Gruppe Schwertwale (Orcinus orca) verfolgt einen Schwarm Delfine (Delphinus delphis) in der False Bay, Südafrika.
Groß gegen klein: Eine Gruppe Schwertwale (Orcinus orca) verfolgt einen Schwarm Delfine (Delphinus delphis) in der False Bay, Südafrika. imago images © imago

Weiße Haie verbreiten an Südafrikas Küste nicht nur Angst und Schrecken – sie locken auch zahlreiche Abenteuerreisende an. Nun bedroht ein anderer Räuber der Meere dieses Gleichgewicht

Schon seit Jahren wird die Bevölkerung der südlichen südafrikanischen Küstenlinie von der Sorge umgetrieben, was – um Gottes Willen – mit ihren Touristen-Magneten los ist. Immer weniger der legendären Great White Sharks sind vor ihrer Küste auszumachen: Wenn es so weitergeht, werden die bis zu sechs Meter langen größten Raubfische dieser Erde mitsamt den Besucherströmen und ihren Beiträgen zur Lokalökonomie bald ganz verschwunden sein.

Nicht, dass die Menschen entlang der Küsten mit ihren tierischen Nachbarn selbst auf gutem Fuß stehen würden: Immer wieder reißt einer der Weißen Haie mit seinen messerscharfen Zahnreihen jemanden in den Tod. Erst Ende September wurde eine 39-jährige Restaurantbesitzerin aus Kapstadt von einem Hai getötet. Solche Vorkommnisse halten die Schaulustigen allerdings nicht davon ab, an die Küsten zu strömen: Schließlich wird der furchtsame Mensch ausgerechnet vom monströsen Image des Königs der Meere angezogen. Das ambivalente Verhältnis nutzte Steven Spielberg in seinem Horror-Thriller „Jaws“ (Der Weiße Hai, 1975) aus.

Der Mensch kann dem scheinbar fies grinsenden Killer gar nicht nahe genug kommen: Schon seit Jahren bieten kleine Unternehmen Begegnungen mit Weißen Haien auf Zentimeter-Distanz an. Dazu werden die Besucher:innen in Stahlkäfigen zu Wasser gelassen – damit auch garantiert Haie an den Käfigen rütteln, werden diese mit rohem Fleisch oder verführerischen Tönen angelockt. Dennoch lassen sich die furchteinflößenden Fische immer seltener blicken.

Fünf Orcas gegen einen Hai

Über die Gründe wurde wild spekuliert. Die einen machten für das Große-Haie-Verschwinden die Klimaerhitzung verantwortlich, Andere gaben den Netzen die Schuld, die vor den populärsten Stränden zum Schutz vor den Killern im Wasser gespannt werden. Darin verfangen sich nicht wenige der Weißen Haie und verenden qualvoll. Wieder andere bezichtigten ausländische Fischerflotten, die mit ihren Schleppnetzen alles wegfegen, was sich im Wasser bewegt. Und vereinzelt machten auch Geschichten die Runde, die von noch sagenhafteren Monstern berichten: Orcas, die Killerwale, würden die Haie attackieren.

Taucher:innen berichteten von dramatischen Begegnungen zwischen Orcas und Weißen Haien, bei denen letztere den Kürzeren gezogen hätten. Doch statt ihre Opfer zu verspeisen, hätten die Orcas nur einen kräftigen Bissen aus ihnen gerissen, der sich später als die Leber des Weißen Hais herausstellen sollte. Die Geschichten hörten sich allerdings dermaßen mysteriös an, dass sie kaum jemand glauben wollte. Waren Orcas nicht spätestens seit dem Kinofilm „Free Willy“ die liebenswertesten Bewohner unserer Meere?

Doch jetzt wurden die angeblichen Märchen von höherer Stelle bestätigt. Wissenschaftler:innen, die das Verhalten der Orcas studieren, gelang es im Mai dieses Jahres, von einer Drohne und einem Helikopter aus fünf Killerwale zu filmen, die einem Weißen Hai nachstellten: Ihre Beobachtung und Videos gaben sie vergangene Woche im Magazin „Ecology“ und übers Internet bekannt. Es seien die weltweit ersten Bilder, die Orcas bei einem Angriff auf einen Weißen Hai zeigen, weiß Meeresbiologe Alison Towner von der „Marine Dynamics Academy“ im Küstenstädtchen Gansbaai.

Die atemberaubenden Aufnahmen sind klar wie in einer National-Geographic-Doku: Deutlich ist der von einem schwarz-weißen Orca verfolgte Weiße Hai zu sehen, vier weitere Orcas folgen in gebotenem Abstand. Der Weiße Hai sucht sein Leben mit dem Schwimmen kleinster Kreise zu sichern: Weil der größere Orca auch den größeren Wendekreis hat, wird der Killerwal den Killerfisch so nie kriegen können. Allerdings hat die Taktik des Haies einen Haken: Um zu entkommen, reicht es nicht, kleine Kreise zu schwimmen.

Der Jagd macht schließlich ein zweiter Orca ein Ende: Er unterbricht die Kreise des Weißen Hais und reißt ihm den bereits erwähnten Leckerbissen, die Leber, aus dem Leib. Das gruselige Schauspiel soll sich Towner zufolge an jenem Tag im Mai noch zwei weitere Male vollzogen haben, davon gibt es allerdings keine Bilder.

Was die Wissenschaftler außerdem lernten: Nur einer der Orcas war bekannt dafür, auch Weiße Haie anzugreifen – seine vier Begleiter hatten das nachweislich noch nie getan. Der gemeinsame Raubzug sei auch eine Lehrstunde gewesen, spekulieren die Forscher im „Ecology“-Magazin: Die Orcas lernen offensichtlich voneinander, was im Jargon der Verhaltensforscher „kulturelle Übertragung“ heißt.

Für die Menschen entlang Südafrikas südlicher Küste verheißt die „kulturelle Übertragung“ der Orcas nichts Gutes. Nach der Treibjagd vor dem Küstenstädtchen Mossel Bay verschwanden sämtliche Weiße Haie aus der Region: Offensichtlich klappt die kulturelle Übertragung auch bei ihnen ausgezeichnet. Doch was passiert, wenn die Lust auf Leber unter den Orcas außer Kontrolle gerät? Dann werden mit den Weißen Haien bald auch die Urlaubsgäste aus Übersee mitsamt ihren Beiträgen für die lokale Wirtschaft verschwunden sein. Wer will schon stundenlang aufs Meer schauen oder in einem Stahlkäfig unter Wasser gehen, wenn dort keine Gefahr lauert?

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