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„Uns kennt man auch in New York“: Wirt Dziuballa vor seinem Restaurant.
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„Uns kennt man auch in New York“: Wirt Dziuballa vor seinem Restaurant.

Antisemitismus

„Wenn ich rausgehe, trage ich Hut, damit man meine Kippa nicht sieht“

  • VonAndreas Förster
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Bei Ausschreitungen in Chemnitz im Jahr 2018 verletzten Neonazis den Chef des jüdischen Restaurants „Schalom“ Uwe Dziuballa. Wie geht es dem Wirt drei Jahre nach dem antisemitischen Angriff? FR-Autor Andreas Förster hat ihn getroffen.

Zu einem Fototermin vor der Eingangstür seines Chemnitzer Restaurants „Schalom“ muss man Uwe Dziuballa nicht lange bitten. Aufrecht stellt sich der großgewachsene 56-Jährige vor die Tür, ein breites Lächeln im Gesicht, die Hände trotzig in die Taschen gesteckt. So einer, das verheißt dieses Bild, lässt sich nicht einschüchtern und vertreiben. Oder täuscht der Eindruck? Am Ende unseres langen Gesprächs wird der Chemnitzer Jude Uwe Dziuballa zwei gegensätzliche Antworten auf diese Frage geben. Sie stehen für die Zerrissenheit vieler jüdischer Deutscher in diesen Zeiten, die einerseits ein normales und geachtetes Leben führen wollen in diesem Land, andererseits täglich mal mehr, mal weniger versteckte Gesten von Hass und Verachtung ertragen müssen. Und manchmal auch pure Gewalt. So wie Uwe Dziuballa.

In einigen Wochen beginnt vor dem Chemnitzer Amtsgericht der Prozess gegen einen 29-jährigen Mann aus Stade bei Hamburg. Der einschlägig vorbestrafte Rechtsextremist soll am 27. August 2018 aus einer Gruppe Vermummter heraus Steine auf das jüdische Restaurant „Schalom“ geworfen und dabei dessen Besitzer, der vor die Tür getreten war, an der Schulter getroffen und verletzt haben. Dabei wurden Parolen wie „Judensau“ und „Verschwinde aus Deutschland“ gerufen.

Drei Jahre nach dem antisemitischen Angriff in Chemnitz: Restaurantchef Uwe Dziuballa zieht Bilanz

Über den mutmaßlichen Täter will Dziuballa nicht viele Worte verlieren. Lieber erzählt er von seiner Familie. Seine Vorfahren stammen aus Krakau, sie kamen 1732 nach Preußen. „Unsere Familie war schon hier, da war das Deutsche Reich noch nicht gegründet.“ Im Nationalsozialismus wurde die Familie auseinandergerissen, ein Teil konnte fliehen, andere wurden ermordet, manche überlebten den Holocaust unentdeckt. Uwe Dziuballa selbst wurde 1965 in Karl-Marx-Stadt geboren, wie Chemnitz zu DDR-Zeiten hieß. Hier machte er sein Abitur und studierte dann Elektrotechnik/Elektronik. Nach der Wende absolvierte er eine Ausbildung bei der Deutschen Bank in Köln und ging anschließend als Investmentbroker in die USA. Ende 1993 kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Sieben Jahre später eröffnete er in der Chemnitzer Innenstadt das „Schalom“, das inzwischen über die Landesgrenzen hinaus den Ruf als eines der besten koscheren Restaurants in Deutschland hat.

In die Schlagzeilen geraten ist es vor fast drei Jahren, aber wegen des Angriffs der Neonazis. „Im Grunde ist es mir scheißegal, wer das damals war“, sagt der Wirt. „Und wenn das frustrierte schwule Veganer gewesen wären. In meiner Welt, in der ich leben will, schmeißt man nicht mit Steinen auf Menschen.“ Dziuballa grinst. Und wartet auf die Wirkung seiner Worte. Ist sein Gegenüber geschockt? „Ich rede nicht gern drumherum“, sagt er schließlich. „Kann sein, dass es nicht immer politisch korrekt ist, was und wie ich es sage. Aber mit mir wird ja auch nicht immer korrekt umgegangen.“

Er klappt seinen Laptop auf, zeigt Fotos und kleine Videoschnipsel. In die Tür des „Schalom“ geritzte Hakenkreuze sind zu sehen, antisemitische Schmierereien, zerschlagene Restaurantschilder, herausgerissene Blumen von der Terrasse, ein Rudolf-Heß-Plakat an der Tür. Leute, die an der Gaststätte vorbeigehen und den Hitlergruß zeigen. Und ein Schweinekopf, den Unbekannte in einer Winternacht vor die Tür des „Schalom“ gelegt haben. Schnee liegt auf dem abgetrennten Kopf, deutlich ist ein aufgemalter Judenstern zu erkennen. In einem weiteren Video ist Dziuballas Frau zu sehen, die in einem Park an einer Gruppe von Menschen vorbeigeht, die ihr „Sieg heil!“ nachrufen.

„Wir haben uns als Störenfriede gefühlt“: Chef des jüdischen Restaurants „Schalom“ über die Polizei

Der Wirt klappt den Laptop wieder zu. „Jedes Jahr wird uns vom Verfassungsschutz erzählt, ob die Zahl von Rechtsextremisten angestiegen oder gefallen ist“, sagt er. „Mir ist das völlig egal. Ich weiß nur, dass die Summe der Schmierereien an meinem Restaurant, der widerlichen Briefe und Anrufe, in denen meine Mitarbeiter und ich als ,dreckige Juden‘ beschimpft werden, die ,vergast‘ oder zumindest ,verjagt‘ gehören, in jedem Jahr konstant hoch geblieben ist. Und viele der Urheber tauchen in keiner Verfassungsschutzstatistik auf, weil sie eben keine behördlich erfassten Neonazis sind.“

Das Schlimmste für ihn und seine Familie sei aber gewesen, dass die Polizei bis vor einigen Jahren diese Übergriffe nicht ernst genommen habe. „Wir haben uns als Störenfriede gefühlt. Ich habe es förmlich gespürt, wie die Beamten gedacht haben: ‚Schon wieder dieser Jude!‘, wenn ich aufs Revier kam, um Anzeige zu erstatten.“ Alle seine Anzeigen seien im Sande verlaufen, die Verfahren nach kurzer Zeit eingestellt worden. Offenbar, weil man sich auch wenig Mühe gegeben habe, die Vorgänge aufzuklären, wie Dziuballa vermutet.

Weiterlesen: Rechtsextreme Angriffe wie die in Chemnitz sind keine Seltenheit. Die Täter radikalisieren sich im Internet.

Im Juli 2012 habe er einen offenen Brief an den Chemnitzer Polizeipräsidenten geschrieben: Darin entschuldigte er sich in sarkastischem Ton dafür, die Beamten in der Vergangenheit mit seinen Angelegenheiten behelligt zu haben, und versprach, der Polizei keine Arbeit mehr zu machen, indem er die antisemitischen Übergriffe auf sich und sein Restaurant künftig nicht mehr anzeige. Die Reaktion der Behörde? „Nichts. Nada. Ich habe nie eine Antwort erhalten. Als ich einmal bei einem dieser städtischen Empfänge, zu dem man mich als Vorzeigejuden gern einlädt, auf den Polizeipräsidenten traf, wollte ich mit ihm darüber sprechen. Aber als ich auf ihn zulief, drehte er sich weg.“

Antisemitischer Angriff in Chemnitz: Bald beginnt der Prozess

Dennoch, so glaubt Dziuballa, habe sein Brief ein Nachdenken bewirkt bei der Polizei. Mit dem neuen Polizeipräsidenten, der 2013 ins Amt kam, seien die Streifenfahrten an seinem Restaurant vorbei verstärkt worden, er sei nun freundlich gegrüßt worden und man habe auch versucht, mit ihm ins Gespräch zu kommen. „Da war eine größere Aufmerksamkeit zu spüren, mehr Zugewandtheit.“ Aber er habe es dennoch vermieden, zur Polizei zu gehen, wenn es wieder Übergriffe gegeben hatte. „Da war noch kein Vertrauen wieder da. Ich habe mich nicht mehr an die Polizei gewandt um Hilfe – bis zum 27. August 2018.“

Und dann sind wir bei den Geschehnissen, die nun Gegenstand des Prozesses sein werden. An jenem Augusttag war es in der Chemnitzer Innenstadt am Rande einer Demonstration zu den schwersten Ausschreitungen der vergangenen Jahre in Sachsen gekommen. Anlass der Demonstration war der gewaltsame Tod eines Chemnitzer Bürgers, der von einem Asylbewerber erstochen worden war. Zu dem sogenannten Trauermarsch waren gewaltbereite Rechtsextreme und Hooligans aus dem ganzen Bundesgebiet angereist, an ihrer Seite marschierten führende AfD-Mitglieder mit. Nach der Demonstration kam es vereinzelt zu Hetzjagden auf vermeintliche Migrant:innen, auch die Polizei und die Presse wurden angegriffen. Bis in den Abend hinein zogen kleinere Gruppen randalierend durch die Stadt. Dabei kam es auch zu dem gezielten Angriff auf das „Schalom“.

„Ich hatte mitbekommen, dass in der Stadt einiges los war an diesem Tag, aber in unserer Nebenstraße war es ruhig geblieben“, erinnert sich Uwe Dziuballa. Gegen 21.30 Uhr hätten die letzten Gäste das Restaurant verlassen, nur zwei Bekannte waren noch auf ein Glas Rotwein geblieben. „Wir wollten gerade den Abend beenden und ich ging zum Eingang, um abzuschließen. Es war schon dunkel, und als ich vor die Tür trat, stand direkt vor mir eine Gruppe von Menschen auf dem Gehweg, wie eine Wand.“ Er habe sich erschreckt und bedrängt gefühlt, auch weil er die teils vermummten Gesichter nicht gesehen habe. Plötzlich seien verschiedene Dinge um seinen Kopf herumgeflogen, es habe „richtig geprasselt“. Ein Stein habe ihn an der rechten Schulter getroffen.

„Schalom“-Chef Uwe Dziuballa über den antisemitischen Angriff und das Verhältnis zur Polizei in Chemnitz

Die Gruppe habe sich dann auf die andere Straßenseite zurückgezogen. Geistesgegenwärtig habe Dziuballa mit seinem Handy Fotos gemacht. „Ich musste das tun, auch um mich zu versichern, dass das real ist, was hier gerade passiert.“ Die Fotos zeigen etwa ein Dutzend Menschen in Jacken, die ihre Gesichter unter Kapuzen oder hinter Schals verbergen. „Aus der Gruppe heraus hörte ich Schreie und Rufe, deutlich verstanden habe ich den Ruf ‚Judensau verschwinde‘“, sagt Dziuballa. „Meinen Gästen im Raum rief ich zu: Bleibt drin, das ist kein Spaß mehr.“

Schriftzug in der Chemnitzer Promenade Brühl: „Heimat wird geprägt von Menschen, von deiner Familie, dem sozialen Gefüge um dich herum“, sagt Dziuballa.)

Dann habe er die Polizei angerufen, „das erste Mal wieder seit 2008“. Nach wenigen Minuten seien die Beamten da gewesen. Er und seine beiden Gäste seien befragt worden, während draußen die Polizisten die Wurfgeschosse eingesammelt hätten: zwei Zaunlatten, fünf Flaschen, ein Dutzend Steine in allen Größen und ein Stahlrohr. Die Beamten hätten sich sehr freundlich und fürsorglich verhalten. „Dafür bin ich heute noch sehr dankbar.“

Dieser Abend habe viel dazu beigetragen, dass er zu der Polizei heute wieder ein „normales bürgerliches Verhältnis“ habe, wie er sagt. Vor größeren Aufmärschen in der Stadt komme der zuständige Revierleiter zu ihm und informiere ihn über die Lage. Auch die neue Polizeipräsidentin schätze er sehr. Und ja, er fühle sich sicher in der Stadt, auch wenn er immer wieder Judenhass und antisemitische Schmähungen erlebe. „Aber ich habe wieder mehr Vertrauen in die Polizei, die solche Vorkommnisse heute viel ernster nimmt als noch vor ein paar Jahren.“

Trotz antisemitischer Angriffe in Chemnitz: „Ich fühle mich sicher in der Stadt.“

Doch die Attacke von 2018 hat ihn gezeichnet. „Was bei mir hängengeblieben ist, was ich nicht rausbekomme aus meinem Kopf, sind diese hasserfüllten Blicke der Menschen, die mir da vor dem Restaurant gegenüberstanden. Woher kommt dieser Hass? Der Stein, der an meine Schulter flog, hätte mich auch an der Schläfe treffen können. Warum nehmen Menschen mitten in Friedenszeiten in Kauf, jemanden zu töten, um damit ihre politischen Ansichten auszudrücken?“ Wenn er heute mit seiner kleinen Nichte das Haus verlasse oder sich mit Leuten in der Stadt treffe, setze er daher stets einen Hut auf. „Dann sieht man meine Kippa nicht, die ich trage.“ Seiner 80-jährigen Mutter hätten sie eingeschärft, die Goldkette mit dem Davidstern unter dem Pullover zu tragen, wenn sie aus dem Haus gehe.

Zwei Straßenecken weg vom „Schalom“, mitten auf der Fußgängerpromenade Brühl, hat die Stadt stählerne Buchstaben aufgestellt, zwei Meter hoch. Sie formen das Wort „Zuhause“. Fühlt sich der geborene Chemnitzer Uwe Dziuballa zu Hause in seiner Stadt? Der Wirt lässt sich Zeit mit der Antwort. „Heimat wird geprägt von Menschen, von deiner Familie, dem sozialen Gefüge um dich herum, den Kontakten, die du hast“, sagt er dann. „Wir sind hier ein koscheres Restaurant mit Michelin-Empfehlung, das man sogar in New York kennt, und gleichzeitig eine Kiezkneipe, in die Nachbarn aus den umliegenden Häusern nach der Arbeit kurz auf ein Glas Wein vorbeikommen, bevor sie nach Hause gehen. In unserem Tresor liegen die Schlüssel von zwölf Wohnungen und vier Läden im Kiez, die die Leute hier abgegeben haben für den Fall, dass ihnen mal die Tür zu Hause zufällt.“

Dziuballa schweigt und schaut sich nachdenklich in seinem Lokal um. „Aber wie kann ich alter DDR-Bürger, der schon einmal den Zerfall eines politischen Systems erlebte, sicher sein, dass es die heutige Demokratie in Deutschland bis ans Ende meines Lebens geben wird?“ Er habe Zweifel manchmal, und das liege daran, was ihm widerfahren ist und immer noch widerfährt. „Eins ist mir klargeworden“, sagt er. „Wenn es ans Eingemachte geht, dann sollte man nicht zu lange bleiben. Bevor es zu spät ist.“

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